Der neue Roman von Amelie Fried:
Ich fühle was, was du nicht fühlst

Mein Zeugnis nahm ich mit der Durchschnittsnote 1,2 in Empfang. Die null Komma zwei, die mich von einer glatten Eins trennten, waren einem Deutsch-Aufsatz geschuldet, in dem ich die gängige Interpretation von Bertolt Brechts Geschichten vom Herrn K. widerlegt hatte, und zwei schlechten mündlichen Noten in Religion, wo ich von meinem Lehrer den Gottesbeweis gefordert hatte. Der Typ war völlig ausgerastet, als ich ihm erklärt hatte, ich könne keinen Unterricht akzeptieren, der auf der Basis von Glauben stattfinde. Wir lebten schließlich in einem säkularen Staat, und entweder könne er mir einen Beweis für Gottes Existenz liefern, oder ich müsse es leider ablehnen, von ihm benotet zu werden, da es sich dann um Gesinnungsbewertung und nicht um Leistungsbeurteilung handle. Es war eine der vielen Gelegenheiten gewesen, bei denen ich erfahren musste, dass die meisten Erwachsenen es nicht schätzten, wenn man ihre Aussagen infrage stellt oder sie gar kritisiert.

Glaubten diese Freaks wirklich, dass sie dem Sinn des Lebens näherkamen, wenn sie sich in unserem Wohnzimmer auf dem Flokati wälzten und "ommmm" summten?

Wenn man die Sache mit der Wiedergeburt logisch anging, kam man ziemlich schnell darauf, dass es nicht funktionieren konnte. Angeblich kam es beim Reinkarnieren ja darauf an, wie man sich im Leben verhielt. Je mehr Karma-Punkte man gesammelt hatte, desto höher war im nächsten Leben die Stufe der Reinkarnation. Wenn ich mich umsah, wie die Leute sich benahmen, müssten die meisten als hässliche Tiere wiedergeboren werden. Also als Würmer, Frösche oder Echsen. Es gab aber nicht mehr Würmer und Reptilien als früher. Im Gegenteil, seit der Steinzeit waren sogar viele ausgestorben. Und dann war da noch das Platzproblem. Wenn alle Wesen, die es mal gegeben hatte, mehrmals wiedergeboren wurden, bis sie ins Nirwana eingingen, würde es zwangsläufig bald eng auf der Erde werden. ...

Ich dachte darüber nach, dass Erwachsene immer so genau zu wissen schienen, was gut und was schlecht war. Meine Eltern zum Beispiel hatten zu allem eine Meinung. Ho Tschi Minh war gut, Franz Josef Strauß böse. Yoga war gut, Fußball doof. Buddhismus war gut, die katholische Kirche Scheiße. ...
Mich machte die Welt ratlos. ... Der Buddhismus war, soweit ich es verstanden hatte, weniger eine Religion als eine Philosophie, deshalb war es nicht fair, ihn gegen die katholische Kirche antreten zu lassen. Die Kirche hatte natürlich wegen der Inquisition und ein paar anderer unschöner Geschichten eine Menge Negativpunkte auf dem Konto, aber machten die nicht auch soziale Sachen, Kinderheime und Wohltätigkeitsbasare und Weihnachtsfeiern für Obdachlose und so was? ...
Die Welt war so viel komplizierter, als sie erschien. Wie konnte man auf den Gedanken kommen, sie in handliche Kästchen zu füllen und Etiketten mit der Aufschrift richtig und falsch daraufzukleben? Und wie sollte sich ein junger Mensch wie ich in diesem Durcheinander zurechtfinden? Natürlich wusste ich, dass man weder Mensch noch Tier quälen durfte ... Ich wusste, dass man nicht lügen und stehlen sollte und noch ein paar andere Sachen, die meine Eltern mir beigebracht hatten, übrigens ohne sich als erklärte Religionsverächter daran zu stören, dass das meiste davon aus der Bibel stammte. Aber über diese grundlegenden Regeln hinaus gab es nichts, dessen ich mir sicher war, nichts, dass ich nicht hätte infrage stellen können. Woher also nahmen die Erwachsenen ihre Sicherheit?


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)