Der neue Roman von Franzobel

"Wahrheit, Monsieur? Die Wahrheit ist ein Galgen, an dem à la mode immer eine andere Leiche hängt. Wahrheit? Wahrheit ist das, was nützt."

"In der Bibel steht nirgendwo, dass man seinen Nächsten nicht verspeisen darf. Im Gegenteil: Dies ist mein Fleisch. Nehmet und esset alle davon ... Was ist denn die Eucharistie anderes als Kannibalismus?"

Der Mensch, bemerkte der Missionar Jean-Pierre Maiwetter, braucht einen Anreiz. Oder glauben Sie, ich würde auch nur einen Ministranten finden, wenn ich ihn nicht mit ein paar Centimes belohnen könnte? [...] Der Mensch ist ein auf den eigenen Vorteil bedachtes Wesen. Maiwetter nahm einen Schluck Wein und blickte in die Runde. Seit die Brüder Montgolfier mit ihren Luftschiffen den Himmel erobert haben, seit die Revolution sich an den Klöstern vergangen hat, ist die Reinheit des Glaubens beschmutzt. Aber es gibt keine höhere Wahrheit, kein anderes Prinzip, das sich aus sich selbst heraus erklärt, als Gott! Sobald wir Gott zur Privatsache erklären, unterwerfen wir uns einer neuen Macht, dem Geld. Daher müssen wir tapfer sein und für die rechte Sache kämpfen ...

Maiwetter, der Missionar der episkopalen Kirche, sprach nun davon, dass man den Menschen zu Gott hinüberziehen müsse. Auch die animistischen "Neger" würden sich nicht wegen der wunderbaren christlichen Liebe und Transzendenz von ihren Heidengöttern abwenden, sondern nur wegen der damit verbundenen Vorteile. [...] "Wir Missionare dürfen keine Hosenscheißer sein. Wir müssen uns dem Unglauben tapfer in den Weg stellen. Wir sind Gotteskrieger." Wahrscheinlich, dachte der Schiffsarzt Jean Baptiste Henri Savigny, bist auch du der Kirche nur beigetreten, weil man dir goldene Monstranzen und Hostien aus Marzipan versprochen hat, die du vor lauter Edelmut nicht ablehnen konntest. Er ahnte, dieser Jean-Pierre war nach Afrika strafversetzt worden, weil er sich etwas zuschulden hatte kommen lassen. Ein Schwuler? Kinderschänder? Das waren damals Kavaliersdelikte. Nein, der musste mehr auf dem Kerbholz haben. [...] Je restriktiver eine Religion, flüsterte Savigny, desto erfolgreicher ist sie.

Maiwetter sah ins offene Meer hinaus: "Manche denken beim Anblick des Meeres an eine graue Vorzeit, andere an die Unendlichkeit, ich aber erahne Gott, den Barmherzigen, der uns helfen wird."
Gott? Die Frage seiner Existenz hing in der Luft – Wie kann er diese Havarie zulassen? Warum greift er nicht ein? –, aber auch Maiwetter wusste keine Antwort.

"Glauben Sie an Gott?"
"An einen alten Mann mit weißem Bart? Oder meinen Sie ein höheres Wesen, das uns beschützt?" Er lächelte. "Ich glaube an die Notwendigkeit einer Moral, an Witz und Sterblichkeit, natürlich an mich selbst. An Poesie! Aber Gott? Ein Leben nach dem Tod? ... Ich weiß nicht ... Nein. Allenfalls bin ich Deist."

"Denken Sie denn gar nicht an Gott, der für uns sein Blut gegeben und uns bestimmt nicht verlassen hat?"
"Gott?" Er grinste. "Ich habe die Werke des Marquis de Sade gelesen, da glaubt man nicht mehr an höhere Wesen."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)