Der neue Roman von Jonathan Safran Foer

Meinten jemals zwei Menschen das Gleiche, wenn sie von Gott sprachen?

"Mein Hebräischlehrer sagt, dass Gott alles weiß. Aber das ist Quatsch, finde ich", sagte Benjy.
"Ich halte das auch für Quatsch", sagte Jacob.
"Klar, weil du nicht an Gott glaubst."
"Ich habe nur gesagt, dass ich meine Zweifel habe. Aber ich fände es selbst dann unsinnig, wenn ich an Gott glauben würde."
"Stimmt, warum sollen wir Zettel in die Klagemauer stecken, wenn Gott sowieso alles weiß?"
"Guter Einwand."
"Mein Hebräischlehrer sagt, dass Gott alles weiß, aber manchmal etwas vergesslich ist. Die Zettel sollen ihn an das erinnern, was wichtig ist."
"Gott ist vergesslich? Echt?"
"Das hat er gesagt."
"Und wie findest du das?"
"Das finde ich krass."
"Finde ich auch."
"Klar, weil du nicht an Gott glaubst."
"Würde ich an Gott glauben, dann wäre er nicht vergesslich."
"Meiner auch nicht."

Vor vielen Jahren hatte der hinten sitzende Sam auf der Fahrt zu Isaac gefragt: "Gott ist überall, stimmt's?"
Jacob und Julia tauschten wieder einmal einen ihren Woher-zum-Teufel- hat-er-das-denn-jetzt-Blick. Jacob übernahm es zu antworten: "Das bilden sich Menschen, die an Gott glauben, jedenfalls gern ein, ja."
"Gott ist also von Anfang an überall gewesen?"
"Ja, vermutlich."
"Gut, dann will mir eines nicht in den Kopf", sagte Sam [...] "Wenn Gott von Anfang an überall war, wo hat Er dann die Welt hingetan, nachdem Er sie erschaffen hatte?"
Jacob und Julia tauschten noch einen Blick, jetzt einen beeindruckten. Julia drehte sich zu Sam um [...] und sagte: "Du bist ein Phänomen."
"Okay", sagte Sam. "Aber wohin hat Er sie getan?"
An jenem Abend stellte Jacob nach etwas Recherche fest, dass Sams Frage im Laufe der Jahrtausende ganze Bücher gefüllt hatte und dass die am weitesten verbreitete Antwort im kabbalistischen Konzept des Zimzum bestand. Gott war tatsächlich überall, und wie von Sam vermutet, fand er nach dem Erschaffen der Welt keinen Platz dafür. Also machte er sich kleiner. Manche bezeichnen das als Kontraktion, andere als Verhüllung. Die Schöpfung verlangte die Selbstauslöschung, für Jacob Ausdruck tiefster Demut und reinsten Großmuts.

Jacob war [...] rechtzeitig zum Sabbat-Essen zu Hause. Sie segneten und entzündeten die Kerzen. Sie segneten und tranken den Wein. Sie segneten das Challah, brachen es, reichten es herum und aßen es. Die Segnungen verschwanden in der Gehörlosigkeit des Universums, doch als Julia und Jacob in die winzigen Ohren ihrer Kinder flüsterten, kamen die Gebete als Echo zurück.

"Ich weiß, dass Mom nicht Gott ist", sagte Benjy.
"Und warum?"
"Weil sie mich nie vergessen würde."
"Stimmt", sagte Jacob, "das würde sie nicht."
"Egal, was passiert."
"Egal, was passiert."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)