Das neue Buch von Luciano Floridi: Die 4. Revolution


Die Informationsrevolution im Sinne einer begrifflichen Neubestimmung von uns selbst ist nicht weniger dramatisch als die industrielle Revolution.
Uns selbst, unsere Welt und unsere Kultur denken wir auf neue, hypergeschichtliche und informationelle Weise, nicht länger auf geschichtliche und mechanische.

Die aktuelle Generation ist Zeuge eines Übergangs von der Geschichte zur Hypergeschichte. Die Hypergeschichte markiert ein neues Zeitalter in der menschlichen Entwicklung. ...
Die Hypergeschichte leidet an digitalem Gedächtnisverlust. ... Jedes digitale Dokument lässt sich in einen Zustand der Geschichtslosigkeit überführen. Die Gefahr ist dabei, dass die Vergangenheit immerfort neu geschrieben und die Geschichte auf ein dauerndes Hier und Jetzt reduziert wird. ...

Die vierte Revolution hat uns etwas genommen, nämlich unsere "Einzigartigkeit", und sie hat uns etwas gegeben, nämlich eine neue Möglichkeit, uns selbst zu verstehen, als Inforgs. ...
Die vierte Revolution hat ans Licht gebracht, dass der Mensch seiner Natur nach ein mit einer informationellen Identität ausgestattetes Wesen ist. Das ist eine demütigende Tatsache … Was immer es ist, das uns eindeutig definiert, es erlaubt uns nicht länger besser zu sein als manche Informations- und Kommunikationstechnologie. ...

Wir erleben eine epochale, beispiellose Migration der Menschen aus ihrem newtonschen, materiellen Raum in die Infosphäre selbst als ihre neue Umgebung ... Die nach dem Jahr 2000 geborenen Menschen werden schließlich keinen fundamentalen Unterschied erkennen zwischen der Infospähre und der materiellen Welt, nur einen Perspektivenwechsel. Wenn diese Migration abgeschlossen ist, wird diese Generation, wie ich vermute, mit jedem Mal, da sie von der Infospähre abgeschnitten ist, unter stärkeren Entzugserscheinungen leiden, sich benachteiligter, versehrter oder schlechter fühlen, paralysiert und psychisch traumatisiert, wie ein Fisch außerhalb des Wassers. Eines Tages wird das Dasein als Inforg so selbstverständlich sein, dass uns jede Unterbrechung unseres Informationsflusses krank machen wird. ...

Das Besondere am Menschen ist nicht sein Körper, der nicht viel besser und vielleicht sogar schlechter ist als der vieler Tiere, sondern die Einheit aus Vermögen, die man als Intelligenz oder als den Geist bezeichnen kann. Wir könnten einen Schwanz haben oder auch Hörner, Flügel oder Federn: das würde nichts daran ändern, dass die optimale Nutzung von Menschen als bloße Mittel und nicht als Selbstzweck - um Kant gegen den Strich zu paraphrasieren - ihre Nutzung in Form von Inforgs wäre, von Organismen, die semantische Allesfresser sind, imstande Bedeutung zu erzeugen und zu verarbeiten. Wir erzeugen und verwenden Bedeutung ähnlich den Seide erzeugenden und verwendenden Raupen des Seidenspinners.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)