Der neue Roman von Elena Ferrante:
Meine geniale Freundin

Zu allem Überfluss geriet ich eines Morgens ernsthaft in Schwierigkeiten. Da der Religionslehrer unaufhörlich gegen die Kommunisten und ihren Atheismus zu Felde zog, fühlte ich mich berufen, zu reagieren ... Ich, die erfolgreich einen Fernkurs in Theologie absolviert hatte, hob die Hand und sagte, die Daseinsform des Menschen sei so offensichtlich der blinden Wut des Zufalls ausgesetzt, dass auf einen Gott, auf Jesus, auf den Heiligen Geist zu vertrauen - von denen Letzterer eine vollkommen überflüssige Wesenheit sei, nur dazu da, eine Dreieinigkeit zu vervollständigen, die bekanntlich edler sei als das Vater-Sohn-Binom-, dass dies, also, dasselbe sei, wie Sammelbildchen zusammenzutragen, während die Stadt im Höllenfeuer brenne. ... Zum ersten Mal wurde ich aus dem Unterricht geworfen und erhielt einen Verweis, der ins Klassenbuch eingetragen wurde. Auf dem Flur war ich zunächst verwirrt. Was war geschehen? Warum hatte ich mich so unbesonnen aufgeführt? Woher hatte ich die felsenfeste Überzeugung genommen, das, was ich gesagt hatte, sei richtig und müsse gesagt werden? ... Woraus hatte ich die Energie gezogen, um ein Bild zu erfinden, das die Religion als eine Kollektion von Sammelbildchen definierte, während die Stadt im Höllenfeuer brennt?


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)