Stellungnahme des Vorstandes der Deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie zur jüngsten Veröffentlichung der Glaubenskongregation "Dominus Jesus"

Die Erklärung der Glaubenskongregation "Dominus Jesus" vom 5. September 2000 hat in der Öffentlichkeit, v.a. aber an der kirchlichen Basis, in den Gemeinden vor Ort, sowie unter Theologen, beträchtliche Unruhe ausgelöst. Es ist der römischen Kongregation für die Glaubenslehre zweifellos unbenommen, auf Fragen und Probleme des interreligiösen Gesprächs und des ökumenischen Dialogs hinzuweisen und deutlich zu machen, inwiefern diese mit einem gewissen Recht als nach wie vor ungelöst und vielleicht als in den letzten Jahren zu wenig beachtet zu bezeichnen sind.

Umso bedauerlicher ist es, daß Form, Diktion und Zeitpunkt der Veröffentlichung weithin jene Sensibilität im Umgang mit den betroffenen Gespächspartnern vermissen lassen, die nichts mit falscher Höflichkeit zu tun hat, vielmehr für eine realistische und differenzierte Sicht der Problemlage und die Entwicklung von tragfähigen Lösungsperspektiven unverzichtbar ist. Schon der unterschwellige Eindruck, den das Schreiben - ob bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt, sei dahingestellt - vermittelt, man sehe in der eigenen Position und dem eigenen Anspruch von vorneherein weniger ein Problem als die letztlich einzig mögliche Lösung aller Fragen, und habe somit selbst praktisch keinen Anteil an der leidvollen Geschichte und komplexen Problemlage der Ökumene und des interreligiösen Gesprächs, ist fatal.

In der Sache problematisch ist aber vor allem, daß in der Erklärung der römischen Glaubenskongregation, entgegen den eigenen Aussagen, nicht nur "einige Glaubenswahrheiten wieder vorgelegt und geklärt werden" (Nr 23), sondern theologische Auffassungen zum Tragen kommen und offensichtlich mit Lehrautorität ausgestattet werden sollen, die zentrale Aussagen des II. Vatikanischen Konzils einseitig und restriktiv im Sinne eines das Erste Vatikanum weithin bestimmenden zentralistischen und absolutistischen Kirchenbildes interpretierend aufgreifen, so aber kaum mehr verhohlen hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurückfallen und damit die seitdem erfolgte theologische Entwicklung ignorieren und dementieren möchten.

Wir kommen nicht umhin, darin der ureigensten Tradition, die verbal freilich umso entschiedener in Anspruch genommen wird, geradezu widersprechende Tendenzen zur Ideologisierung und fundamentalistischen Überfremdung des Glaubens zu erkennen. Dies entspricht in besorgniserregender Weise den Erfahrungen, denen wir uns seit geraumer Zeit und gegenwärtig verstärkt im Zusammenhang der Praxis der Erteilung bzw. Verweigerung des "Nihil obstat" bei der Besetzung von Lehrstühlen der Theologie ausgesetzt sehen. Auch die jüngst vorgenommene Verschärfung der Verpflichtung zu einem eigenen "Treueid" bei der Übernahme eines kirchlichen Amtes oder einer theologischen Lehrtätigkeit gehört in diesen Kontext zunehmend autoritären, dem realen Glauben und Leben in Kirche und Gesellschaft heute alles andere als wirklich dienlichen Gebarens von Seiten kirchlicher Amsträger.

Mit nicht geringer Besorgnis um den uns verbindenden, gemeinsamen Dienst an der Frohen Botschaft treten wir deshalb diesen gegenüber mit Nachdruck für die Fortführung eines vom Geist christlicher Freiheit und katholischer Weite geprägten Dialogs der christlichen Kirchen untereinander sowie mit den nichtchristlichen Religionen, aber auch für ein sachbezogenes, den Grundregeln geschwisterlichen Umgangs miteinander folgendes Gespräch der Verantwortlichen in den kirchlichen Leitungsämtern mit den eigenen Theologinnen und Theologen ein.

In diesem Sinn verweisen wir auf inzwischen vorliegende erste kritische Anmerkungen zur Erklärung "Dominus Jesus" durch den Ehrenpräsidenten unserer Gesellschaft für Katholische Theologie, Prof. Dr. Peter Hünermann, Tübingen, und kündigen eine Publikation an, in welcher die Sachproblematik aus der Perspektive unterschiedlicher theologischer Fächer von Mitgliedern unserer Gesellschaft wissenschaftlich erörtert wird.

Dresden, 13. September 2000

Für den Vorstand der Deutschen Sektion der Europäischen Gesellschaft für Kath. Theologie

Prof. Dr. Albert Franz

Sprecher