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Zum Tod von Erhard Eppler

Dieser Jesus wird so lange gehört werden, wie es Menschen gibt. Er ist faßbar, nahe, liebenswert, er trifft, macht betroffen. Wir reden gern vom unersetzbaren Wert des einzelnen. Wo ist dies eindringlicher gemacht als im Gleichnis vom verlorenen Schaf? Der Schäfer – warum eigentlich Hirte? – könnte sehr wohl abwägen, welcher Aufwand für ein einziges Schaf vernünftig ist. Er könnte wütend sein: immer dasselbe Vieh, das Ärger macht! Nein, die Herde besteht aus einzelnen Schafen, und jedes einzelne ist es wert, dass man ihm stundenlang nachläuft, auch wenn neunundneunzig andere warten müssen. Es sind Bilder, Geschichten, Erlebnisse Jesu, die mich stärker bewegen als die Bergpredigt. Die Bergpredigt ist eine gewaltige Sache, ein bißchen zu gewaltig für jemanden, der täglich feststellen kann, wie weit er in seinem Tun von ihren Forderungen entfernt ist. Aber gibt es eine großartigere Predigt als die Geschichte vom verlorenen Sohn? Da wird nicht moralisiert; alles ist durchaus realistisch, am meisten der Zorn des zu Hause gebliebenen Bruders: "Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre." Auch dann beginnt der Vater nicht zu moralisieren; er entschuldigt sich eher dafür, dass er dem Zurückgekehrten ein Kalb hat schlachten lassen. Er freut sich einfach, und schließlich wird sich der Zuhausegebliebene dieser Freude nicht entziehen können. Lebendig und wichtig wurde Jesus für mich erst, als er in seiner umwerfenden Menschlichkeit zu wirken begann. Dann erst begann durch diese Menschlichkeit etwas hindurchzuschimmern, was sogar die dogmatischen Aussagen der frühen Christenheit verständlich macht.

Was mich meiner Kirche heute verbindet, ist die Tatsache, dass sie es schwer hat mit ihrem Erbe, dass sie sich mit einer Botschaft abmüht, die, weil sie menschlich ist, uns imner wieder überfordert. Eine Kirche, die es fertigbrächte, das Evangelium von dem, der für andere da war und der trotz Kreuzigung nicht tot ist, in ein paar fertige, unveränderliche Formeln zu bringen, würde mich kalt lassen. Eine Kirche, die an ihrer eigenen Aufgabe immer wieder scheitert, fasziniert mich. Sie zeugt damit auf eine menschliche Weise für den, in dessen Auftrag sie steht. Wer in der Haltung des Konsumenten an die Kirche herantritt, wird bald erkennen, dass in ihrem Sortiment eine Unordnung herrscht, die sich ein selbstbewusster Kunde nicht gefallen zu lassen braucht. Kein Wunder, dass viele austreten.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)