Der neue Roman von Mathias Énard

Man kann sagen, dass mein spirituelles Leben dasselbe Desaster gewesen ist wie mein Gefühlsleben. In dieser Hinsicht bin ich heute genauso ratlos wie früher, ohne den Trost des Glaubens – ich gehöre sicher nicht zu den Auserwählten; vielleicht hat es mir an der Willenskraft des Asketen oder der schöpferischen Vorstellungskraft des Mystikers gefehlt; vielleicht war die Musik letzten Endes meine einzig wahre Leidenschaft. Die Wüste (das kann man wohl sagen) hat sich als ein Haufen Steine erwiesen; die Museen sind für mich ebenso leer geblieben wie die Kirchen; das Leben der Heiligen, der Dichter, ihre Texte, deren Schönheit ich durchaus erfasste, leuchteten wie Prismen, ohne dass das Licht, das Licht Avicennas, die Essenz mich jemals erreichte – ich bin zum utopischen Materialismus Ernst Blochs verdammt, der in meinem Fall eine Resignation ist, mein "Paradox von Tübingen". In Tübingen sah ich undeutlich drei mögliche Wege: die Religion wie bei Leopold Weiss alias Muhammad Asad; die Utopie wie in Blochs "Geist der Utopie" und "Das Prinzip Hoffnung"; den Wahnsinn und das Eingesperrtsein Hölderlins, dessen Turm zwischen den Trauerweiden und den Ruderbooten auf dem Neckar einen beunruhigenden Schatten über die ganze Stadt warf.

Ein Humanismus auf welcher Grundlage? Welcher Universalität? Gott, der sich ganz in die Stille der Nacht zurückgezogen hat? Kann die Einheit der Conditio humana – mitten unter denen, die andere abschlachten, aushungern, die Umwelt verschmutzen – noch Grundlage von etwas sein? Keine Ahnung. Vielleicht das Wissen. Das Wissen und der Planet als neuer Horizont. Der Mensch als Säugetier. Komplexes Überbleibsel einer karbonischen Evolution. Ein Rülpser. Eine Wanze. Es steckt nicht mehr Leben in einem Menschen als in einer Wanze. Genauso viel. Mehr Materie, aber genauso viel Leben. [...] Die menschliche Gattung gibt zurzeit nicht gerade ihr Bestes. Man möchte sich am liebsten in seine Bücher, seine CDs und seine Kindheitserinnerungen verkriechen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)