Zum Tode von Ronald Dworkin

Am 14. Februar 2013 starb Ronald Dworkin, "seit Jahrzehnten eine der einflussreichsten Stimmen der Philosophie des Rechts und der Politik" (R. Forst) oder gar "der einflussreichste englischsprachige Rechtsdenker des vergangenen halben Jahrhunderts" (P. Bahners). Der Deutschlandfunk sprach anlässlich seines Todes mit dem Tübinger Philosophen Otfried Höffe. In der deutschsprachigen christlichen Moraltheologie und Sozialethik hat Dworkin nur wenige Spuren hinterlassen, eine monographische Auseinandersetzung mit seinem Werk ist nicht bekannt.
Der Moraltheologe Joachim Hagel hat 1996 in der Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie eine längere Besprechung seines Buches Die Grenzen des Lebens. Abtreibung, Euthanasie und persönliche Freiheit veröffentlicht. Einer breiteren Leserschaft in Deutschland wurde Dworkin 1999 mit seinem Essay Die falsche Angst, Gott zu spielen bekannt. In seinem letzten Buch Gerechtigkeit für Igel plädierte Dworkin entschieden für eine autonome Moral:
"Eine göttliche Autorität kann keinesfalls als Grundlage für die Menschenrechte dienen. Vielmehr funktioniert die Argumentationslogik genau andersherum: Wir müssen die unabhängige und logisch vorgängige Existenz von Menschenrechten bereits annehmen, um an die Idee göttlicher moralischer Autorität glauben zu können. ... Meine Zurückweisung unbegründeter göttlicher Autorität ist nicht im Atheismus oder einer anderen Form des Skeptizismus verankert. ...
Ist Gott gut, weil er sich an die Gesetze der Moral hält, oder sind bestimmte Gesetze nur deshalb moralisch, weil ein Gott sie erlassen hat? Manchmal wird diese Alternative als Dilemma präsentiert. Wenn Gott an moralische Gesetze gebunden ist, ist er nicht allmächtig, weil er nicht beeinflussen kann, was moralisch gesehen letztlich richtig oder falsch, gut oder schlecht ist. Wenn seine Gebote andererseits die Moral erst entstehen lassen, dann ist er nur in einem trivialen und tautologischen Sinn gut. Dieses Dilemma ist jedoch in Wirklichkeit eine Täuschung ... Grundlegende moralische Wahrheiten lassen sich durch keine noch so große Schöpfungskraft verändern. In der vertrauten Idee, dass Gott die letzte Quelle der Moral ist, kommt also nur eine gedankliche Verwirrung zum Ausdruck, und die alten Kirchenmänner, denen zufolge Gottes Güte ein unabhängiges Moralgesetz oder eine moralische Wahrheit widerspiegelt, hatten die besseren Argumente auf ihrer Seite. Daraus folgt natürlich nicht, dass ein Gott keine moralische Autorität besitzen und durch seine Gebote keine wirklichen moralischen Pflichten schaffen kann. ...
Wir können Gott nicht als Quelle der grundlegendsten Bestandteile unserer politischen Moral – unserer Überzeugungen in Fragen der Legitimität oder der Menschenrechte – betrachten ... Diese Überlegung setzt die Religion nicht herab; im Lauf der menschlichen Geschichte hat sie in beeindruckendem Ausmaß im Guten wie im Bösen gewirkt. Auch wenn vor dem Hintergrund von Terror und Bigotterie das Böse gegenwärtig eher im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen mag, ist die Geschichte doch zu komplex, um darin das letzte Wort zu sehen.
Mir geht es nur darum, das Argument für die Menschenrechte auf einer anderen Ebene zu situieren. Wir müssen uns nicht auf unsere Religion berufen und Andersgläubige damit außen vor lassen, wenn wir allen Menschen als Menschen zukommende Rechte begründen wollen. Entsprechende Argumentationen sollten sich nicht auf das berufen, was uns unterscheidet, sondern auf das, was uns gemeinsam ist. Wir alle – Moslems, Juden oder Christen, Atheisten oder Fanatiker – sehen uns unausweichlich mit der Aufgabe konfrontiert, unser Leben gestalten zu müssen, den Tod zu gewärtigen und der Würde entsprechend zu leben."


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)