Der neue Roman von Ralph Dutli: Die Liebenden von Mantua

Lassen Sie uns von wesentlichen Dingen sprechen. Ich meine damit nichts Religiöses, denn Religion hat abgedankt, erst recht die christliche, in der ich als Italiener, wie Sie wohl richtig vermuten, erzogen wurde. Da war einmal nur ein kleiner Wanderprediger aus Galiläa, der das nahe Ende der Welt vorhersagte, oder eher nachplapperte, denn er hatte es von einem anderen selbsternannten Propheten, dem Täufer, erfahren, der vom nahenden Gottesgericht predigte und zu Buße und Umkehr aufrief. Ich hoffe, ich verletze damit nicht Ihre religiösen Gefühle? ...
Jesus ist vom Täufer beeindruckt, bekennt öffentlich seine Sünden, lässt seinen Kopf unter Wasser tauchen, um dann selbst auf seine Art loszulegen in den Dörfern Südgaliläas. Als ihm das nicht mehr genügt, wandert er mit seinen Anhängern, Staub auf seinen Sandalen, nach Jerusalem. Jeder Prophet giert nach mehr, verstehen Sie? Bescheidenheit gehört nicht zu ihren Gewohnheiten. Und er fordert von seinen an ihm klebenden Partisanen den Bruch mit der eigenen Familie, die absolute Hingabe, die Lossagung von allem, was nicht Er ist. Was für eine Selbstüberhebung! Dann läuft er endlich in Jerusalem den offiziellen Tempelpriestern und den römischen Ordnungskräften ins Messer. ...
Pontius Pilatus kann nicht anders, er muss als Präfekt in Judäa endlich handeln, muss die ungehörigen Menschenansammlungen um diese immer zahlreicheren Wanderprediger auflösen, diese nutzlosen Aufläufe und Verkehrsbehinderungen, diesen latenten Aufruhr, bei dem schon ein falscher Funke zu schlimmen Folgen führen kann. Der Römer will den Ruhestörer endlich loswerden. ...
Ein lästiges, mühseliges Orakel, das vom kommenden Ende der Welt schwafelt und die Leute vom Arbeiten abhält, die Märkte lähmt. Er muss also die störrischen Massen gewaltsam auseinandertreiben. Wer als Präfekt nicht von Zeit zu Zeit seine harte Faust zeigt, hat schon verloren. Als der Wanderprediger dann auch noch den lokalen Würdenträgern lästig fällt, die ihm den Maulhelden via Tempelpolizei ausliefern, kommt ihm das alles sehr zupass, die Zeit ist reif, um zuzuschlagen, ein Exempel zu statuieren. ...
Er lässt also den wichtigtuerischen Handwerkersohn aus Nazareth im April des Jahres 30 kreuzigen, um endlich seine Ruhe zu haben in einer permanent unruhigen Provinz. Aber es sollte ja nicht der letzte Aufruhr sein. Im Jahr 36 versammelt schon wieder so ein Prophet verzückte Gläubige am Berg Garizim. Pilatus antwortet noch einmal mit rigoroser Gewalt, es kommt zu Protesten, Beschwerden, weiteren Unruhen. Pilatus wird nach Rom beordert, dort verliert sich jede Spur von ihm, er hat sich in Luft aufgelöst, verstehen Sie, Rom hat andere Sorgen, denn bei der Ankunft des judäischen Präfekten ist gerade Kaiser Tiberius verstorben. Die Sache hat sich erledigt. Vermutlich hat er seinen Lebensabend bei schneegekühltem Falernerwein und gefülltem Schwan in einer Villa auf dem Lande verbracht. Den Tölpel, den er im Jahr 30 hatte kreuzigen lassen, hat er längst vergessen. Einer mehr, einer weniger, Ordnung muss sein. ...
Jetzt kommt es. Nach dem Kreuzestod waren seine Anhänger maßlos enttäuscht, dass der Weltuntergang nicht eintrat. Aber wieso sollte die Welt ihnen den Gefallen tun? Sie hatten also vergeblich auf ihn gewartet. Ein gewaltiges Erdbeben, das ALLES in Schutt und Asche legen würde ... Das bisschen rasch aufkommende Gewitter über Golgotha reicht doch nicht aus für einen Weltuntergang, ein staubiger Vorhang im Tempel, den ein Irrer unbemerkt herunterreißt und zerteilt, kann doch nicht als göttliches Zeichen durchgehen. ...
Sie erwarteten Blitz und Donner, Riesenquader, die auf Jerusalem und die anderen Städte regnen sollten. Die Erde sollte sich auftun, und Flammen sollten daraus hervorschießen, die himmlischen Heerscharen sollten jetzt endlich herniederfahren mit gezückten Schwertern, Bäche von Blut sollten anzeigen, welche Stunde geschlagen hat. Doch was geschieht? Nichts. Sie verstehen richtig: NICHTS! Alles geht ruhig seinen alltäglichen Gang in Judäa. ...
Maßlos ist die Enttäuschung der Anhänger, die dem Wanderprediger ihr Leben hingegeben haben. Und das soll alles gewesen sein? Dagegen hilft nur eines: die Macht einer aufgebauschten Legende, der magische Rausch des dröhnenden Wortes, die Verwandlungskraft der Phantasie! Kurz - eine hübsche literarische Feder, die lügen und locken und lenken kann. ...
Einer hatte eine Idee, verstehen Sie. Bestimmt ein Literat, einer von Ihrer Sorte vielleicht. Auch er ist zunächst beinah von Sinnen vor lauter Enttäuschung. Er wälzt sich am Boden, schlägt seine Hände über dem Kopf zusammen, rauft sich die Haare, so viel verlorene Lebenszeit, so viel vergeudete, vergebliche Hingabe. Dann steht er auf, wischt sich den Staub aus den Falten und hat die Idee. Er will der kleinen Gemeinschaft der bestürzten Hinterbliebenen ein bisschen Trost und Zuversicht spenden und erfindet die Legende von der Auferstehung. Nur eine Auferstehung kann alles richten. Was, wenn der Heiland gar nicht tot ist, sondern auferstanden von den Toten? Nach drei Tagen aufgefahren in den Himmel als beseligende Rakete, die den Tod überwand? ...
Der großzügige Spender hat das Richtige getan. Jetzt ergibt alles wieder einen Sinn. Schluss mit der Enttäuschung, basta delusioni. Die Initialzündung des Christentums ist da, der Wanderprediger hat damit kaum mehr etwas zu tun. Der Rest ist Literatur oder die frohe Botschaft der Evangelisten, einer ganzen Gruppe mehr oder minder begabter Fabulierer, Aufbauscher, Legendenschmiede. Ein Roman bringt die Erklärung der Welt, der Rausch einer literarischen Phantasie. Die Legende von der Auferstehung triumphiert, es kann losgehen in die Jahrtausende. Jetzt zählt nur noch eines: die unheimliche Macht der Schrift! Die halluzinierende Frohbotschaft! Eine Verschwörung der Literaten, die den Tod leugnen! ...
Und wissen Sie, am meisten hat mich dieses Kreuzessymbol angewidert ... eine Religion, deren Hauptakteur ein gefolterter, blutender, geopferter Gottessohn sein soll. Eine Ikone des Schmerzes, dieser größten Zumutung, die der Weltenschöpfer sich hat einfallen lassen. Das ist eine so abstruse Idee, diese millionenfach vervielfältigte Darstellung des Kreuzestodes, ein peinliches Vorbild für eine ohnehin gemarterte Menschheit, die damit täglich an die unendlichen grenzenlosen Möglichkeiten des Schmerzes erinnert wird. Und das soll eine Religion der Liebe sein? Mit dem Bild des gefolterten Menschenkörpers als umfassendem Symbol? Wo ist die Liebe? Aufgehängt, durchbohrt von dicken Eisennägeln, den hungrigen Vögeln zum Fraß aufgestellt? ...
Also nicht einmal wenigstens der raketengleich aufsteigende Flugkörper des Gottessohnes, das Bild eines fabelhaften, wenn auch erfundenen Triumphs, sondern die schreckliche Ikone seiner Demütigung, seiner Schwäche, seines ewigen Besiegt- und Durchbohrtwerdens von römischen Hämmern und Nägeln? ...
Ich suche nach einer neuen Religion und einem neuen Symbol, das dieses ewige Folterbild aus der Welt fegen soll.

Der Gekreuzigte hat ausgedient! Weg mit dem allgegenwärtigen Folterbild! Die römischen Nägel sollen im Keller verrosten!

Versuch nicht, Menschen aus der Jungsteinzeit zu erklären, dass viertausend Jahre nach ihnen eine zweitausend Jahre währende Kultur entstehen wird, in deren Zentrum das Symbol eines gefolterten Menschen steht, eines ans Holzkreuz genagelten Erlösers. Sie werden dich für einen Wahnsinnigen halten, wenn du ihnen erzählst, die Welt sei erlöst.

Alle Religion ist nur hilflose Reaktion auf diese ganze Sterberei ohne Sinn und Zweck. Der Mensch brauchte sie von Anfang an, ja, sicher - um nicht gleich den Verstand zu verlieren bei so viel Vergeblichkeit und absurder Mühsal. Aber es gibt gewisse Augenblicke im Leben, die kostbar sind, erregende Augenblicke des Außer-sich-Seins, nennen Sie es bitte nicht Epiphanien, es sind kurze Lebensblitze oder Glanzlichter einer Existenz, bei denen Gott gerade durch Abwesenheit glänzt. ... Religionen wollen den Menschen gerade davor bewahren, sich zu verlieren. Und ich finde nichts Schöneres, als mir selbst in einem entzückenden Strudel abhandenzukommen. ... Sich selbst abhandenzukommen bedeutet Erfüllung.

Gab es nicht viel zu viele Religionen? Die Welt erstickt an ihnen. Und enden sie nicht alle irgendwann in grässlichen Blutbädern? All die Kriege, Kreuzzüge, Massaker, Enthauptungen, Steinigungen, Verstümmelungen, alle im Namen eines einzigen barmherzigen Gottes begangene Schandtaten! Wir haben unserem allgütigen Gott versprochen, keinen Ungläubigen am Leben zu lassen. Mord als Gottesdienst, das war seit Ewigkeiten das Programm einer pervertierten Religion. Aber pervertieren sie nicht alle früher oder später? Zu viel Religion bedeutet zu viel Gewalt und Zerstörung. Weniger wäre mehr.

Das ist das große Rätsel, dass eine so unvollkommene ... eine so verkommene Religion wie das Christentum solche vollkommenen Kunstwerke hat inspirieren können, ich verstehe es nicht, es muss eine große Täuschung sein, eine Verwechslung.
"Was haben Sie gegen die christliche Religion, wenn sie solche überwältigenden Werke inspirieren kann?"
Ich bin früh darüber erschrocken, dass die Christen nicht jeden Sonntag erschrecken über die in der Tiefe kannibalisch gemeinte Kommunion, erschrocken über die Darstellung der unendlichen Möglichkeiten des Schmerzes in der Kreuzigung, erschrocken über die Feier der Folter in den Martyrien der Heiligen.

Ein Leben ist kostbar, das wissen Sie doch, es ist von einer entsetzlichen Einmaligkeit. Sie sollten es nicht leichtsinnig wegwerfen. Sie haben nur dieses eine. Und es wird keine Auferstehung geben.

Das einzige Paradies, das es je wird geben können, ist das erfüllte, geteilte Diesseits zweier Liebender. Im Diesseits, ja! Nichts anderes, hören Sie!

Vielleicht ist nur so das Leben möglich? In der störrischen Sorglosigkeit? Im seligen Vergessen dessen, was uns sonst noch immerzu blühen könnte? ... Die ganze Menschheit thront doch auf einer albernen, flatterhaften Vergesslichkeit. Hätte man dauernd das ganze Paket an möglichem Unglück vor Augen, man würde kopflos den raschen Ausgang wählen. Lass uns darauf trinken ...

Raffa hatte seinen Bruder bis zum Schluss begleitet, der mit siebzehn Jahren seiner Krankheit erlag. Oder nein, er wurde von seiner Krankheit erlegt. Wie ein gehetztes und zuletzt heiter lächelndes Tier. Er hatte es geschafft. Dieses unsagbare, wissende Lächeln zuletzt. Und sei es dem Morphin geschuldet - es war da. Und Raffa stammelte immer wieder ... sein "Warum er, warum nicht ich?". Nie hat er sich damit abfinden, nie hat er es verstehen können. Er steht noch immer an jenem Bett im abgedunkelten Sterbezimmer, hält sich, dem kalten Metall dankbar, an der Stange fest, um nicht umzufallen, um zu begreifen, was er sieht. Die Krankheit hatte keinerlei Sinn. Sie war eine schlechte Behauptung, eine Anmaßung, sie gehörte nicht dorthin, in das Leben seines Bruders. Warum er, der begabter, fröhlicher, beliebter war, großzügig und bestimmt ein besserer Mensch, das alles durchmachen und dann gehen musste - Raffa hat die Frage nie beantworten können. Sie jagte ihn vor sich her, immer wieder: Warum er, warum nicht ich?

Auch Manu verschlug es bei der ersten Begegnung mit dem Tod eines nahen Menschen den Atem. Er hatte den Tod am Werk gesehen. Es war die wichtigste Lektion. Er hatte verstanden. Mehr gab es nicht zu wissen. Wer immer stirbt, spricht endlich frei und ohne Scham. Wer weiß, dass er sterben wird, braucht auch Gott nicht mehr zu behelligen.

Was ist schlimmer, beobachtet zu werden oder keiner Beobachtung für würdig erachtet zu werden? ... Von jeder Aufmerksamkeit abgeschnitten, völlig allein zu sein in einem stummen Universum? ... Gibt es ein Glück des Beobachtetwerdens? Ist es eine besondere Gnade? Gäbe es den Beobachter nicht, man müsste ihn erfinden. ... Der Mensch ist weniger einsam, wenn dort draußen noch einer sitzt, der seine Vorlieben und Abneigungen, seine Wutausbrüche und seine zärtlichen Anwandlungen registriert.

Auch Gott war verrückt, Manu erinnert sich an ein Zitat von irgendeinem Autor, dessen Namen er vergessen hat: Das Geheimnis des Lebens ... besteht darin ... Gottes Verrücktheit zu teilen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)