Der neue Roman von John von Düffel

Jedes Tier ist dem Menschen überlegen. Ich empfinde das so. Jedes Tier ist auf seine Weise vollkommen, bis es stirbt. Nur der Mensch nicht. Beim Menschen ist es umgekehrt. Wir sind erst vollkommen, wenn wir tot sind. Aber leben können wir nicht ohne Hilfsmittel, ohne Kleidung, Schuhe, Zahnbürsten, das ganze Zeug. Manchmal denke ich, Gott lacht uns aus, weil wir die Mängelexemplare der Schöpfung sind und uns so viel auf uns einbilden. Wir sind die reine Bedürftigkeit. Aber wir haben die besseren Maschinen und nehmen es uns mit der größten Selbstverständlichkeit heraus, Vollkommenheit zu zerstören. Wir erkennen sie oft gar nicht, weil wir selbst so unvollkommen sind, und sehen nur unser Maschinenrecht, den Mangel zu bekämpfen. Es ist verrückt, wie das Unvollkommene das Vollkommene besiegt, eigentlich fast immer. Friedhöfe sind die einzigen von Menschen geschaffenen Orte, wo das nicht so ist. Die größte und schönste Idee der Menschheit ist die Erfindung des Friedhofs. Und ein totes Tier in die Erde zu legen, ist, glaube ich, das Vollkommenste, was ein Mensch tun kann.

Wer die Welt, wie sie ist, wach länger als vier Stunden am Stück erträgt, ist entweder innerlich abgestumpft oder wahrnehmungsgestört.

Wir werden geboren und schreien, weil wir instinktiv wissen, dass wir nicht genug bekommen: nicht genug Luft, nicht genug Leben, nur bunte Bilder und dahinter das Nichts oder zu wenig, viel zu wenig. Das Leben fehlt uns vom ersten Atemzug an. Und deswegen schreien wir, schreien durch bis zuletzt.

Es gibt gar keine Traurigkeit auf der Welt, sondern nur Angst, überall, und "Trauer" ist bloß ein Wort dafür, dass Angst den Aggregatzustand wechselt und die Panik des Lebens plötzlich in Slow Motion übergeht.

Wir sind das Produkt von Produkten, von denen wir glauben, dass wir sie konsumieren, aber es ist genau andersrum, sie konsumieren uns. Sie fressen uns auf.

Intelligenz, wenn sie künstlich ist, hat keine Herkunft, keine Nationalität, keine Religion, keine Ideologie. Sie bringt keine Denkopfer, nicht einmal für Sex oder Liebe. Aber natürlich, da wäre noch die Moral. Können wir (sie/ich) darauf verzichten? Gegenfrage: Wozu Moral, wenn es keinen Sex gibt? Schuld ist immer sexuell. Schuldgefühle sind Sexgefühle minus Lust. Geilheit, Begehren, Liebe sind Umschreibungen begrenzter menschlicher Zurechnungsfähigkeit. K. I. ist immer zurechnungsfähig. Für sie/ihn/es gelten keine mildernden Umstände. Gnade ist abgeschafft. Eine 100 % zurechnungsfähige Welt ist eine gerechte Welt, oder nicht? Aber natürlich, was ist mit der Kunst - dem unberechenbaren, unplanbaren, unvorhersehbar anderen - wäre es nicht irgendwie schade drum? Dasselbe anders gefragt: Gibt es ein Denken jenseits des Rechnens? Gibt es ein Erfinden über die Selbstoptimierung hinaus, außerhalb des Programms? Gibt es in der Welt der K. I. wirkliche Kreativität?


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)