7. Folge, 8.12.19
"3 Fragen an ..." – Das MFThK-3-Fragen-Interview
Drei Fragen an Prof. Dr. Bernward Schmidt
anlässlich des 150. Jahrestages der Eröffnung des Ersten Vatikanischen Konzils
(8. Dezember 1869)

Die langen Schatten des I. Vatikanums blockieren das Handeln der Kirche oft auch heute noch, urteilt Peter Neuner. Welche verhängnisvollen Nachwirkungen auf die kirchliche Gegenwart hat das I. Vatikanum nach Ihrer Einschätzung?

Man kann das Erste Vatikanische Konzil sicherlich weder direkt noch allein für die Probleme verantwortlich machen, die die Kirche in (West-)Europa heute hat, zumal es ein Torso geblieben ist – das sieht Peter Neuner in seinem Buch übrigens genauso. Ich würde das Konzil als Höhepunkt des Ultramontanismus beschreiben und damit in längere Prozesse einbetten, die in der Tat bis heute fortwirken.
Meines Erachtens sind es weniger die beiden Konstitutionen des Konzils, Dei filius über Fragen von Glaube und Offenbarung sowie Pastor aeternus über das Papstamt, die sich auf die Situation der Kirche heute auswirken, als vielmehr die Haltungen und Konzeptionen, die hinter ihnen stecken. Über die Jahrhunderte wurde der Primat des Papstes ausgebaut, mit den bekannten Definitionen von Jurisdiktionsprimat und Unfehlbarkeit auf dem Ersten Vatikanum – das Bischofsamt wurde aber nicht im gleichen Maß reflektiert, so dass Fragen über ihr Verhältnis offen bleiben. Das Erste Vatikanische Konzil setzte zudem in beiden Konstitutionen stark auf das Konzept der Autorität, so dass man sagen kann, der Autorität Gottes in Dei filius entspricht die Autorität des Papstes in Pastor aeternus, und beiden zusammen der Gehorsam der Gläubigen. Gegenwärtig wird ein solches Konzept von Glaube und Kirche-sein ja angefragt und diskutiert, man denke etwa an die Debatte zwischen Karl-Heinz Menke und Magnus Striet. Das Autoritätskonzept kam aber auf allen Ebenen der Kirche zum Tragen, woran wie gesagt nicht nur das Konzil "schuld" ist: Dass etwa Priester unabhängig von Lebensweise und Bildung zum "Hochwürden" und damit zur unantastbaren Autorität wurden, ist ebenfalls auf ultramontane Entwicklungen im 19. Jahrhundert zurückzuführen. Wenn angesichts des Synodalen Weges nun konkret verhandelt werden soll, wie wir eigentlich (Orts-)Kirche leben wollen, dann arbeiten wir uns zweifellos auch an diesen Entwicklungen ab. Und natürlich darf man nicht übersehen, dass das Erste Vatikanische Konzil insbesondere durch seine "Papstdogmen" nicht zur Verständigung mit anderen Konfessionen beigetragen hat, sondern im Gegenteil zu neuer Spaltung geführt hat. Hier mag man fragen, ob der Auslöser zur Gründung des (deutschen) Altkatholizismus nicht eine Überreaktion bzw. Überinterpretation der "Papstdogmen" des Konzils war, doch zeigt sich in der Ausgestaltung des Altkatholizismus ab der Mitte der 1870er Jahre eine fundamentale Spannung des gesamten 19. Jahrhunderts: die vom Erbe der katholischen Aufklärung Geprägten einerseits, ultramontane Katholiken andererseits.

Was ist das bleibende und unaufgebbare Verdienst des I. Vatikanums?

Hier gibt es zweifellos je nach Standpunkt in der aktuellen innerkirchlichen Debatte viele Antworten. Ich schätze am I. Vatikanum besonders, dass es als erstes Konzil der Neuzeit die Weltkirche sichtbar repräsentiert hat, auch wenn diese schon rein personell noch viel "europäischer" war als heute, was sich etwa an den Bischöfen aus Lateinamerika zeigt. Dazu gehört auch die Einbindung der katholischen Ostkirchen, die sich insbesondere in den bildlichen Darstellungen immer wieder auffällig zeigt, auch wenn die Vertreter der Ostkirchen nur eine geringe Rolle auf dem Konzil spielten.
Und das Konzil stellte sich in einer häufig übersehenen Debatte der ständig aktuellen Frage, wie viel Einheitlichkeit die Einheit der Kirche eigentlich braucht. Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil wurde dies anhand der Überlegungen durchdiskutiert, ob und in welcher Form es einen Einheitskatechismus für die gesamte Kirche geben solle; heute stellt sich dieselbe Frage in verschärfter Form und für weitaus komplexere Themen, man denke an die Diskussion über die viri probati. Dabei spielt zudem ein Seitenstrang der Diskussionen um die Ausgestaltung der Unfehlbarkeitsdefinition eine Rolle: welche Bereiche gehören eigentlich zur verbindlichen kirchlichen Lehre und welche nicht? Im Jahr 1870 ging es beispielsweise um die Unfehlbarkeit von Heiligsprechungen ...
Das Erste Vatikanische Konzil ernst nehmen heißt meines Erachtens aber, auch solche Fragen und Impulse aufzunehmen, die über die dogmatisch verbindlichen Aussagen hinausgehen, ohne notwendigerweise die dahinter stehenden Konzepte zu hundert Prozent zu übernehmen. Dies scheint mir insbesondere für die genannte Frage nach Einheit und Einheitlichkeit zu gelten.

In welchen Punkten war das II. Vatikanum eine implizite Korrektur des I. Vatikanums?

Als Kirchenhistoriker versuche ich, zunächst einmal Phänomene möglichst neutral zu beobachten und zu beschreiben. In der Tat ist die Rezeption des Ersten Vatikanischen Konzils auf dem Zweiten eine spannende Angelegenheit. Das beginnt schon mit der Frage, ob das 1870 abgebrochene Konzil fortgeführt werden sollte oder ob man auch formal ein neues Konzil einberufen solle. Es gehört zu den Charakteristika des II. Vatikanums, dass man sich für letzteres entschied.
Gerade aus historischer Perspektive ist es aber wichtig, das Erste Vatikanische Konzil nicht mit der Brille des Zweiten Vatikanums zu bewerten. Wie Peter Neuner in seinem Buch völlig richtig bemerkt: Ziel der Texte des Ersten Vatikanums war es, gezielt auf bestimmte Fragen und Problemlagen zu reagieren, nicht das Gesamt der kirchlichen Lehre vorzulegen. Darin unterscheidet es sich grundlegend vom Zweiten Vatikanischen Konzil.
Dieses betonte dann – unter anderem in der Offenbarungskonstitution Dei verbum – ausdrücklich, dass es den Spuren des Trienter Konzils und des Ersten Vatikanischen Konzils folgen wolle. Freilich wurde im Folgenden eine deutliche Akzentverschiebung vorgenommen: Verstand das Erste Vatikanum Offenbarung in erster Linie als autoritative Mitteilung von überzeitlich gültiger Wahrheit, konzipierte sie das Zweite Vatikanum als Selbstmitteilung Gottes in der Geschichte. Entsprechend wurde auch die angemessene Haltung der Gläubigen definiert: Gehorsam im Ersten, Vertrauen im Zweiten Vatikanischen Konzil.
Auch ekklesiologisch lässt sich eine deutliche Akzentverschiebung beobachten: Das Kirchenbild des Ersten Vatikanischen Konzils ging von der hierarchischen Gliederung der Kirche aus – nicht nur in Pastor aeternus, sondern auch in den Vorarbeiten zu einer zweiten Kirchenkonstitution. Demgegenüber definierte das Zweite Vatikanische Konzil Kirche grundlegend als Gemeinschaft des Volkes Gottes, so dass die hierarchische Gliederung einen nachgeordneten Platz einnimmt. Freilich gilt gerade hier: Das Zweite Vatikanum hat die Aussagen des Vorgängerkonzils nicht revidiert, sondern die Aspekte von communio und Hierarchie in einer Spannung stehen lassen.
Und dass das Zweite Vatikanische Konzil das Erste nicht einfach "überwunden" hat, das zeigt sich schon an der Rezeption beider Konzilien und der Debatte um die Konzilshermeneutik, die etwa Massimo Faggioli sehr klug analysiert hat.

Bonus-Fragen: Was fasziniert Sie an der Geschichte des I. Vatikanums? Welcher Konzilsvater beeindruckt Sie am meisten?

Als Theologe faszinieren mich das theologische Ringen auf dem Konzil, die hochdifferenzierten Argumentationen und auch die Tatsache, dass die Konzilsdokumente – nicht zuletzt die häufig vernachlässigte Konstitution Dei Filius – wesentlich differenzierter und offener argumentieren als spätere (v.a. neuscholastische) Exegeten des Konzils.
Als Historiker faszinieren mich natürlich auch die Mechanismen und Rhetoriken der Spaltung auf dem Konzil, die sich bei beiden Konzilsparteien finden – ein spannender Untersuchungsgegenstand, der vielleicht noch intensiver bedacht werden könnte. Zugleich finde ich diese Phänomene mit Blick auf die kirchliche Gegenwart erschreckend und besorgniserregend. Aber hier gilt, was ich bereits gesagt habe: Wir haben es hier mit Langzeitwirkungen des "langen" 19. Jahrhunderts insgesamt zu tun, nicht nur eines Konzils.
Was die Frage nach den Konzilsvätern angeht, die mich beeindrucken: Es sind vor allem diejenigen, die ihre Positionen hatten, aber bereit waren, auf die jeweils andere Partei zuzugehen. So war etwa der Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler bekannt für seine skeptische Haltung zur Unfehlbarkeitsdefinition, wies aber auch die "Römischen Briefe vom Concil" zurück, die in der Augsburger Allgemeinen Zeitung Stimmung gegen Konzil und Unfehlbarkeit machten und er erklärte vor der Schlussabstimmung, er werde sich dem Urteil des Konzils beugen. Auf der anderen Seite hat der Paderborner Bischof Konrad Martin konkret an der Formulierung mitgearbeitet und dabei wichtige Differenzierungen eingebracht, die auch den Skeptikern entgegenkamen. Nach dem Konzil war er zudem bemüht, die Inhalte der "Papstdogmen" in verständlicher Sprache zu erklären. Vor allem aber schätze ich die Bemühungen des Erzbischofs von Rouen, Henri de Bonnechose, der zu Beginn des Konzils versuchte, die Verhärtung der Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern der Unfehlbarkeit zu verhindern und Brücken zwischen den Parteien zu bauen. Als er sich sein Scheitern eingestehen musste, positionierte er sich in der Mehrheit des Konzils. Ich bin aber überzeugt: gerade mit Blick auf die gegenwärtigen Debatten und den Synodalen Weg braucht es das wohlwollende Verständnis für die Positionen anderer und die Bereitschaft darauf einzugehen. Denn der Heilige Geist zeigt sich gewisslich nicht nur in der Einmütigkeit, sondern auch in guter Streitkultur.

Literaturempfehlung:

Freiburg i. Br. 2019

Die Antrittsvorlesung von Bernward Schmidt

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)