6. Folge, 7.10.19
"3 Fragen an ..." – Das MFThK-3-Fragen-Interview
Drei Fragen an Prof. Dr. Ulrich Ruh
anlässlich des Erscheinens seines Buches

Warum ist das Denken von Edward Schillebeeckx für Theologie und Kirche heute noch relevant? Anders gewendet: Erklären Sie einer 20jährigen Theologiestudentin, warum es sich lohnt, heute noch Schillebeeckx zu lesen.

Vieles von dem, was Edward Schillebeeckx geschrieben hat, ist sicher nur noch von theologiegeschichtlichem Interesse. Aber das gilt nicht für seinen Ansatz zur Erschließung und Deutung des Menschen Jesus von Nazaret und des in ihm verkörperten Heilsangebots Gottes. Schillebeeckx geht dabei konsequent historisch-kritisch vor und legt auf diesem Weg auch die Anschlussstellen frei, die die späteren christologischen Deutungen ermöglicht haben und diese gleichzeitig auch ein Stück weit relativieren. Das ist ein Ansatz, der durch seine Redlichkeit und Ehrlichkeit gerade heute überzeugen kann, sowohl für die innerkirchliche Verständigung über Person und Geheimnis Jesu von Nazaret wie für das Gespräch darüber mit nichtchristlichen Zeitgenossen der verschiedensten Couleur. Außerdem ist auch sein Kirchenverständnis gegenwärtig ausgesprochen anregend und hilfreich. Schillebeeckx plädiert immer wieder für eine "negative Ekklesiologie", für eine "Ekklesiologie in Moll". Er setzt damit einen dringend notwendigen Gegenakzent zum überzogenen katholischen Kreisen um Kirche und Amt. Kirche gehört immer an die zweite Stelle!

Welches Buch von Edward Schillebeeckx schätzen Sie persönlich am meisten und warum?

Am meisten schätze ich das Buch "Jesus. Die Geschichte von einem Lebenden". Es ist zweifellos eher mühsam zu lesen, und man kann sich in ermüdenden exegetischen Details leicht verlieren. Aber die Anstrengung lohnt sich. Man kann einer neuen, originellen Art des Theologietreibens an einem zentralen Thema sozusagen sozusagen beim Entstehen zuschauen und erhält ein Gespür für Chancen und Grenzen wissenschaftlicher Theologie überhaupt. Als kompakte Einführung in die Theologie von Schillebeeckx gefällt mir das Buch "Weil Politik nicht alles ist. Von Gott reden in einer gefährdeten Welt" besonders. Man erhält darin einen komprimierten Überblick zum Denken von Schillebeeckx über Gott, Jesus Christus und die Kirche.

Wann und wo haben Sie Edward Schillebeeckx das erste Mal getroffen? Welche Begegnung, welches Erlebnis mit ihm hat Sie am meisten bewegt und beeindruckt?

Edward Schillebeeckx bin ich nur ein einziges Mal begegnet, und zwar im Herbst 1979 in Nimwegen auf einer Recherchereise für die Herder Korrespondenz im Vorfeld der niederländischen Sondersynode. Ich hatte mich zu einem Gespräch mit ihm verabredet und er hat geduldig und kompetent, wenn auch ein wenig distanziert, auf meine Fragen zur kirchlichen Situation in den Niederlanden geantwortet. Dass sich ein theologisches "Denkmal" wie er für einen jungen und noch unerfahrenen Journalisten so viel Zeit nahm, hat mich sehr beeindruckt.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)