5. Folge, 11.6.19
"3 Fragen an ..." – Das MFThK-3-Fragen-Interview
Drei Fragen an Dr. Gerhard Schreiber
anlässlich des vatikanischen Dokumentes "Maschio e femmina li creò"

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie das Dokument der vatikanischen Bildungskongregation lasen?

Es war eine Mischung aus ungläubigem Staunen und Enttäuschung darüber, wie auf diese Weise, wie der Untertitel insinuiert, der Weg zu einem 'Dialog' beschritten werden soll. Zu einem wirklichen Dialog gehört nicht nur die Bereitschaft zur Selbstreflexion – und damit auch Mut zur Re-Evaluierung traditioneller 'Richtigkeiten' –, sondern auch eine faire Darstellung und Beurteilung der Position des Gegenübers, wenn eine Diskussion nicht von vornherein im Sande verlaufen soll.

Erkennen Sie Fortschritte gegenüber früheren Verlautbarungen des Vatikans?

Zu meinem Bedauern, nein. Das Dokument enthält haltlose Annahmen und Unterstellungen (Stichwort: Ideologie), zudem Fehlinformationen über und Verzerrungen einer gendersensiblen Auseinandersetzung mit Geschlecht und Geschlechtlichkeit. Die Geschlechtszugehörigkeit und das Geschlechtsempfinden eines Menschen einzig und allein an den sichtbaren Genitalien bei seiner Geburt ablesen zu wollen, kommt einer Unterbestimmung gleich, die der Diversität menschlicher Körper nicht gerecht wird (vgl. vor allem die Bemerkungen zu Transgender und Intersexualität, S. 13f.). Wer argumentiert, eine gendersensible Aufklärung würde Kinder davon überzeugen wollen, das eigene Geschlecht sich 'mal eben' aussuchen zu können, und dass sexuelle und geschlechtliche Identität eine Frage der Erziehung sei, der argumentiert auf der Ebene der Behauptung, dass jemand vom bloßen Ansehen schwanger würde.

Was erwarten Sie für die weitere Auseinandersetzung um das Reizthema Gender?

Solche Dokumente sind schlicht kontraproduktiv für einen offenen Dialog zwischen Theologie und Human- bzw. Sozialwissenschaften. Inwiefern dieses Dokument die drei von ihm vorgeschlagenen Leitprinzipien des Zuhörens, Argumentierens und Vorschlägemachens (vgl. S. 5) selbst berücksichtigt zu haben glaubt, bleibt ein Geheimnis der Bildungskongregation. Ich habe die Hoffnung auf eine weniger von Parolen und Meinungen als vielmehr von Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen getragene Auseinandersetzung um Gender aber nicht aufgegeben, da es auch innerhalb der katholischen Kirche mittlerweile zahlreiche Initiativen und Bewegungen gibt, die die Bedeutung der Genderforschung auch für Theologie und Kirche fruchtbar machen wollen; nicht zuletzt, um die noch immer begegnende vielschichtige Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung von Menschen außerhalb der Heteronormativität und Geschlechterbinarität zu benennen und zu beheben.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)