"3 Fragen an ..." – Das MFThK-3-Fragen-Interview
Drei Fragen an Prof. Dr. Alexander Deeg (Univ. Leipzig)
anlässlich der Predigt von Bischof Michael Curry
bei der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle

Was gefällt Ihnen an der Predigt?

Zunächst: Es ist grandios, dass Michael Curry diese Predigt im Kontext des englischen Königshauses gehalten hat. Bei einer Royal Wedding, die sonst so unglaublich britisch steif inszeniert war, hat er vom Feuer der Liebe so leidenschaftlich gepredigt, dass die Konventionen und Erwartungen aufs wunderbarste durchbrochen wurden. Die Predigt klopfte an die Mauer der Humorlosigkeit, mit der sich königliche Hoheiten sonst gerne umgeben. Sie war fast so etwas wie ein närrischer Einspruch! Man merkte Curry an, dass er sich nicht verstellt. Genauso ist er – in vielen Predigten: glühend, feurig, selbst ergriffen. Und genauso ergreift er andere, so dass ein königliches Hochzeitspaar nicht nur weinen, sondern trotz des medialen Rummels während der Predigt lachen muss. So bringt er (fast) eine ganze Hochzeitsgesellschaft zum Lachen und zur Rührung. So bewegt er Moderatoren, für die dieser Mann zum eigentlichen Helden der Hochzeit wird.
Aber eben: nicht eigentlich dieser Mann, sondern das, was er lebt, wofür er steht und einsteht. Die Liebe ist eine Flamme des Herrn, die die Welt verändert – davon kann man nicht reden wie ein Bürokrat, der gerade Verwaltungsvorschriften verliest, oder ein Archivar, der eine uralte Urkunde verwaltet. Die neuere Homiletik hat die Einheit von Form und Inhalt immer wieder betont; Michael Curry hat am 19. Mai 2018 einer durchaus erstaunten Öffentlichkeit gezeigt, was das heißen kann.
Neben dem Kontext, in dem diese Predigt ihre Wirkung entfaltete, und neben der Person, die in jeder Hinsicht überzeugte, waren es zwei Dinge, die mich bewegten:
(1) Michael Curry hat gezeigt, dass es da, wo es um Gott und diese Welt geht, nicht nur um die fromme Innerlichkeit gehen kann. Gottes Flamme der Liebe lodert nicht irgendwo im Herzen, sondern mitten in dieser Welt – und verändert sie. Predigt, die von dem Gott redet, den die Bibel bezeugt, ist immer politische Predigt – oder sie hat ihren eigentlichen Inhalt verfehlt: einen Gott, der sich einmischt in diese Welt.
(2) Curry redet direkt. Er braucht keine Floskeln, die die Botschaft verstecken und verdunkeln: 'Gott will irgendetwas tun …', 'wir dürfen uns anstecken lassen von der Freude ...' – so redet er nicht! Er sagt, was Gott tut – und zeigt direkt, was wir angesichts der Flamme der göttlichen Liebe tun werden!

Gibt es etwas, was Ihnen an der Predigt nicht gefällt?

Ich werde mich nicht so schnell damit abfinden, dass ein Tablet zum liturgischen Inventar gehören soll. Eigentlich hat Michael Curry sein Manuskript an keiner einzigen Stelle gebraucht. Aber dennoch: einen schlichten Zettel, ein Buch – das hätte mir besser gefallen als ein Tablet im Altarbereich dieser wunderbaren alten Kirche. Aber das ist eine Kleinigkeit!
Und dann: Wenn ich nur das Manuskript gelesen und die Predigt nicht zuerst im Internet gesehen hätte, dann hätte ich mich teilweise gefragt, warum diese Predigt eine solche Begeisterung auslöst. Da stehen schon auch Sätze, die ich meinen Studierenden unterringelt hätte. Ist es wirklich gut, mit einem Zitat eines anderen zu beginnen? Nun gut: der andere war Martin Luther King, aber das ist doch auch einer der Vorzeigehelden unserer Predigtrede. Teilweise gab es Sätze, die von Christus und der Erlösung so redeten, dass es doch auch recht allgemein war. Aber: Michael Curry machte durch die Begeisterung, mit der er redete, durch das sichtbare eigene Ergriffensein, auch diese teilweise etwas schwächeren Passagen wieder wett – und konnte insgesamt überzeugen.

Ist der Stil in die deutsche Predigtkultur übertragbar?

Aber ja! Freilich nicht so, dass wir US-amerikanische Predigt nun versuchen in Deutschland zu kopieren und nun alle im Curry-Style predigen würden. Aber doch so, dass wir uns anstecken lassen von homiletischer Leidenschaft. Man sollte uns anmerken, ob uns ergreift, wovon wir reden – egal, ob es um Klage oder Trauer, Lob oder Freude, Zweifel oder Anfechtung, Gewissheit oder Jubel geht. Wo wir verkündigen, was Gott mit dieser Welt und mit unserem Leben tut, sollte uns das auf der Kanzel nicht 'kalt' lassen. Form und Inhalt gehören zusammen!
Und dann: Predigten sind nicht Schreibtischprodukte und noch lange nicht zu Ende gearbeitet, wenn das Manuskript fertig ist. Sie entstehen auf der Kanzel – und die Performance dort mit der Gemeinde hat ihre ganz eigene Bedeutung.
Und schließlich: Wie Michael Curry sollten wir uns nicht scheuen, Konventionen aufzurütteln und eingefahrene Stile zu unterbrechen. Eine Predigt muss nicht staatstragend sein und keine gesellschaftlichen Werte untermauern, sondern so von der Leidenschaft und Liebe Gottes zeugen, dass die Welt – mit Gottes Hilfe – durch sie eine andere wird.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)