Der neue Roman von Thea Dorn:
Die Unglückseligen

"Hören Sie auf, von Gnade zu faseln! Der Gnade Geschenk! Nie wieder will ich diesen Christenkitsch hören! Ich habe ein für alle Mal genug von dieser ... dieser Trostakrobatik, die irgendwelche Wüstenzyniker in die Welt gesetzt haben, damit noch der ärmste Schlucker 'Halleluja!' ruft, wenn ihm das Genick gebrochen wird!"

Ein Lichtstrahl fiel durchs Kirchenfenster und ließ die blutverschmierte Brust jenes Mannes aufleuchten, der über dem Altar am Kreuz hing. ... Mit stechendem Blick schaute sie den Mann am Kreuz an. Wenn du wirklich der bist, für den dich alle halten, fragte sie, ohne die Lippen zu bewegen, wenn du wirklich wusstest, wie man unheilbar Kranke heilt, wie man die Toten auferweckt - warum hast du dein Wissen nicht mit der leidenden Menschheit geteilt? Warum hast du's für dich behalten? Mit in den Tod genommen? Um im Himmel über uns zu lachen? Gemeinsam mit deinem ungerechten, jähzornigen Vater? Bete zu deiner eigenen Ehrenrettung, dass du nichts als ein Hochstapler gewesen bist. Denn warst du wirklich jener Wundertäter - bist du der größte Unmensch, der je gelebt hat.

"Inmitten des Lebens sind wir vom Tode umfangen." Johanna stieß ein spitzes Lachen aus. "Stellen Sie sich heute in irgendeine Fußgängerzone, setzen Sie sich in irgendeine Talkshow und sagen Sie diesen Satz. Sie werden angeschaut, als hätten Sie die Schweinepest."

"Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Nie bin ich ein Freund von Schiller gewesen, doch um dieses Satzes willen verehrte ich ihn. ... Der Satz zielt auf das Nobelste, das der Mensch in sich trägt, indem er bereit ist, seine viehische Existenz außer Acht zu lassen. ... Wie hätte je ein Mensch sich für einen Gedanken, für ein Ideal, für einen andern Menschen opfern können, wenn er an diesen Satz nicht geglaubt? ... Wie wollt ihr je lieben, wenn ihr ewiglich an euch selbst genug habt?"

"Das ist nicht logisch!" Die Bedeutung dieses Satzes war Johanna klar gewesen, bevor sie hätte erklären können, was sich hinter dem Begriff "logisch" genau verbarg. Auf der Konfirmandenfreizeit hatte sie Pfarrer Strothmann bei Butterbrot und Hagebuttentee in einen Streit verwickelt, weil es ihr unlogisch erschienen war, dass auch die Tiere der verdammten Sterblichkeit unterworfen waren, obwohl sie im Paradies doch gar nicht vom verbotenen Baum gefressen hatten.

"Ich glaubte einst, ich könnt ein frommer Physiker sein. Bildete mir ein, Naturerforschung sei Gottesdienst, sei Schöpfungsdienst. Dass der Herr den Menschen absichtlich unvollendet gelassen, damit dieser als einziges seiner Geschöpfe heraustrete aus der innigen Harmonie mit der Natur und - umso schmerzlicher er die Dissonanz empfinde, umso dringlicher - danach strebe, sie in einem höhern Sinne wiederherzustellen. Wollte mir und der Welt einreden, die Vertreibung aus dem Paradiese sei nicht sowohl Strafe gewesen, als vielmehr der schmerzvoll nötige Stoß dem fernen Himmel zu, dessen Glanz den alten Gottesgarten um ein Lichtfaches überstrahlte. O welch Vermessenheit! Zu glauben, Gott habe geduldet, dass der Mensch in den sauren Apfel der Erkenntnis gebissen, weil es seinem ewigen Ratschluss hätte entsprochen. Nicht Gott sehnte sich nach einem Geschöpf, das ihn verstünde - indem es seine Schöpfung, anstatt sie blindlings zu genießen, in höchstem Bewusstsein Tag um Tag noch einmal neu vollzöge. Der eitle, verführte Mensch selbst war's, der sich nach Gottesgleichheit sehnte - indem er einzig für köstlich wollt erachten, was mit eigner Hand erschaffen zu haben ihm dünkte ..."
"Aber das ist doch ein sehr schöner Gedanke." Endlich traute sich Johanna, ihn zu unterbrechen. "Dass Gott den Menschen zum zweiten Schöpfer bestimmt hat, als ihm klar wurde, dass er sich zu Tode langweilen würde, wenn er mit der besinnungslos vor sich hin vegetierenden Flora und Fauna allein bliebe."
Der Mann neben ihr machte eine unwirsche Handbewegung. "Nimmer nicht wird Verstand den Weg zur Alleinheit sich zurück erklügeln. Ein Traum war's, ein seliger zwar, doch weiter nichts als ein Traum, die letzte Absicht der Natur sei es, zur höchsten Gegenwärtigkeit und Selbstempfindung sich durch den Menschen aufzuläutern. Die Wahrheit ist: Sie bedarf unser nicht. Ja, bittrer noch: Sie will uns nicht."

"Ad maiorem Dei gloriam. Ich mochte den alten Jesuitenspruch nie vor meine Schriften setzen. Aber ich hätt es gekonnt. Welchen Spruch schreiben Sie über den Eingang zu Ihrem molekularbiologischen Laboratorium? Ad infinitam hominis superbiam?"

"Der Mensch, der den Tod eines ihm Lieben nicht fürchtet, ist ein Schuft. Der Mensch indes, der den eignen Tod fürchtet, ist ein Feigling."

Die versammelte Trauergemeinde ließ sich in feiger Verblendung dazu hinreißen, einen schwachen Augenblick lang wieder an jenen Trost und jene Hoffnung zu glauben, die in Wahrheit sie längst in dieselbe Kiste gepackt hatte, in der ihre Teddybären, Milchzähne und Weihnachtsmänner verschwunden waren. Und wenn sie nachher aus dem Halbdunkel dieser Kirche in den hellen Tag hinaustrat, würde sie verstörter blinzeln als nach einer durchsumpften Nacht.

"Das Ewige muss eine Sehnsucht bleiben! Der Mensch braucht den unendlichen Horizont! Aber wehe, er berührt ihn! Wie sollen die Säulen länger das Himmelsdach tragen, wenn alle Polarität ausgelöscht, alles in eins geschmolzen? So wie der Tag die Nacht braucht, das Positive das Negative, der Mann das Weib, so braucht die Unendlichkeit die Endlichkeit. Vernichte den einen Pol - und du hast das Ganze vernichtet!"


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)