Der neue Roman von Donna Leon

Er betrachtete das Kruzifix an der Wand des Krankenhauszimmers. Glaubten die Menschen immer noch an Seinen Beistand? ... Von Mann zu Mann bat Brunetti sein Gegenüber am Kreuz, er möge doch so freundlich sein und dem Mann im Bett helfen. Der Ärmste liege da so hilflos, verletzt und geschunden, womöglich verzweifelt, und all das offenbar ohne eigenes Verschulden. Doch konnte man nicht ungefähr dasselbe von jenem sagen, den er da um Hilfe bat? Ob Ihn das für Brunettis Fürbitte zugänglicher machte?

Der heilige Augustinus hat sich getäuscht, dachte Brunetti: Gnade muss man sich nicht durch Gebet verdienen; sie ist so natürlich und in so reichem Maße vorhanden wie das Licht der Sonne.

Naturgesetze sind der beste Beweis, dass die Götter nicht dazwischenfunken können.

Brunetti betete innerlich zu Sant' Antonio, dem Wiederbringer verlorener Dinge und Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle. "Heiliger Antonius, nimm diese Last von meinen Schultern, und ich werde dir immer und ewig dankbar sein, Amen." Seine Mutter hatte ihm beigebracht, es sei unanständig, mit den Heiligen zu feilschen, ihre Dienste gegen Gebete oder gute Taten einzufordern. "Bedank dich einfach nur", hatte sie dem kleinen Guido geraten. "Schließlich sind sie schon im Himmel. Was können sie mehr verlangen?" Das war ihm schon als Kind äußerst vernünftig vorgekommen, und er hatte sich immer an diesen Rat gehalten. So gab es eine Reihe von Heiligen, die er gewissermaßen auf Abruf bereithielt und im Notfall um Beistand anflehte. Nie aber vergaß er, sich ausdrücklich für ihre Hilfe zu bedanken.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)