Der neue Roman von Jürgen Domian

"Gott ist kein gutes Wort! Es führt in eine falsche Richtung. Der Begriff ist abgenutzt, missbraucht, überladen und er ruft so viele falsche Assoziationen hervor."

Nachdem sein Sohn knapp dem Tode entronnen war, schrieb er Hansen: "Ich glaube, wenn man Gott sehen will, muss man erst einmal blind werden." Hansen wiederholt diesen seltsamen Satz, den er damals kaum beachtet hat, immer und immer wieder. Gott – wie lange hat er allein diesen Begriff nicht mehr gedacht?! Gott ist tot klebte während seiner Studentenzeit (Kunstgeschichte) jahrelang auf dem Heckfenster seines alten Renault R4. Zuletzt war die Schrift so verblasst, dass man nur noch Gott lesen konnte.

Gott ist für Hansen eine Illusion. Er hat nie an irgendeinen Gott geglaubt, obwohl er katholisch erzogen wurde. Im Grunde belächelt er gläubige Menschen, und es ist ihm vollkommen rätselhaft, wie ernsthafte und gebildete Geister an seltsame Konstruktionen wie zum Beispiel die Dreifaltigkeit glauben können. Oder dieser Jesus, Gottes Sohn? Wo war denn Gottes Sohn zu Zeiten der Ägypter? Oder beim großen Dinosauriersterben? Warum trat er gerade im Jahre null in Erscheinung? Warum nicht viel früher? Und warum gerade in Israel und nicht in China? Und der ganze Unsinn vom Jenseits und der Auferstehung. Oder den Jungfrauen im muslimischen Paradies. Oder die Wiedergeburten der Buddhisten. Oder die Vielgötterei der Hindus. Und warum eigentlich gehen alle gebildeten Irren, die sich vor Allah oder Jesus verneigen, mit hundertprozentiger Sicherheit davon aus, dass sich die Griechen mit ihrem Zeus und all den anderen Göttern getäuscht haben? Oder die Germanen? Vielleicht ist ja Wotan einer der wirklichen und ganz großen Götter! Ach, irgendwann hat Hansen sich gar nicht mehr auf Diskussionen zu diesem Thema eingelassen. Für ihn ist die Sache geklärt. Religionen sind Trost-Märchen für Erwachsene, die nicht ertragen können, dass sie sterben müssen, dass nach dem Tod alles vorbei ist. Für Hansen aber ist das so. Wer tot ist, ist tot. Nichts bleibt. Es gibt keine Seele, keinen Geist, kein schönes Jenseits.

Hansen findet auf die fundamentalen Fragen des Lebens kaum mehr Antworten. Dabei war er sich immer so sicher gewesen. Gott? Nein! Natürlich existiert kein Wesen dieser Art, das unsere Geschicke leitet. Wie oft hat er mit Freunden darüber diskutiert und gestritten! Gern zitierte er dann einen Satz von Marlene Dietrich: "Ich glaube nicht an eine höhere Macht ... oder die höhere Macht ist meschugge." Er fand es geradezu absurd, dass Menschen etwas anbeten, für dessen Existenz es nicht den geringsten Beweis gibt. Ebenso könnten sie dem Froschkönig huldigen oder darauf hoffen, dass die Sonne, die man wenigstens sehen kann, ihnen ihre Sünden vergibt. Wäre der Mensch unsterblich, so Hansens Überzeugung, hätte Gott nie eine Chance gehabt. So aber klammern sich die Sterblichen an den Unsterblichen, in der Hoffnung, von ihm ins schöne Jenseits hinübergerettet zu werden. Ach, es ist so durchschaubar.

Kann man das Weltall lieben? Ja, man kann. In welche Schönheit er gerade blicken darf! Früher hat Hansen solche Eindrücke oder Ähnliches für selbstverständlich genommen, jetzt überkommt ihn tiefe Dankbarkeit. Vielleicht ist der Blick ins All identisch mit dem Blick in sein Inneres, überall ist Weltall. Und in den Tiefen liegt der Ursprung. Ist der Ursprung Gott? Hansen fragt tatsächlich gerade nach Gott.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)