Freiburg i. Br., den 10.5.2005

Alfons Deissler ist tot

Alfons Deissler ist tot. Er starb am Morgen des 10. Mai 2005 in Freiburg im Breisgau. Mit ihm ist einer der bedeutendsten Alttestamentler des 20. Jahrhunderts gestorben.
Deissler wurde am 2. April 1914 in Weitenung bei Bühl geboren. Nach seinem Abitur 1934 in Rastatt studierte er Philosophie und Theologie an der Universität Freiburg. Mit einer historischen Arbeit über "Fürstabt Martin Gerbert von St. Blasien und die theologische Methode" promovierte er 1938 bei dem Dogmatiker Jakob Bilz (1872-1951).
1939 wurde er zum Priester geweiht und kurz darauf zum Sanitätsdienst berufen. Nach Kriegsende wurde er Repetitor am Collegium Borromäum, dem Freiburger Priesterseminar. Von 1948 bis 1950 studierte er am "Institute Catholique" und an der Sorbonne in Paris.
1951 habilitierte er sich auf Anregung des Freiburger Alttestamentlers Arthur Allgeier (1882-1952) mit einer Arbeit über "Psalm 119 (118) und seine Theologie" für das Fach Altes Testament. Von 1951 bis 1982 war er Professor für Alttestamentliche Theologie und Exegese an der Universität Freiburg. Von der Freiburger Theologischen Fakultät wurde er zweimal zum Dekan gewählt.
1953 schrieb er für den ersten Band der "Neuen deutschen Biographie" (NDB) den Artikel über seinen Lehrer Allgeier. 1963/64 veröffentlichte er in drei Bänden eine Auslegung der Psalmen. 1967 schrieb er für den zweiten Band des achtbändigen Werkes "Mysterium Salutis" den Artikel "Gottes Selbstoffenbarung im Alten Testament".
Viele Jahre war er Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der 1966 gegründeten "Gesellschaft der Freunde Teilhard de Chardins".
1972 erschien sein Buch "Die Grundbotschaft des Alten Testaments - Ein theologischer Durchblick", das zum theologischen Bestseller avancierte: Bis 1995 erlebte es nicht weniger als zwölf Auflagen. Der Regensburger Alttestamentler Heinrich Groß urteilte über diese Studie: "Mit bewußtem Verzicht auf einen allzu breit angelegten wissenschaftlichen Apparat will Deissler die zentralen alttestamentlichen Gedanken verkündigungsnah, leicht verständlich und vor allem in ihrer existentialen Dimension darstellen. … Alle Ausführungen werden auf den geschichtsmächtigen Gott bezogen, von ihm hergeleitet. So wird aus der Vielfalt der alttestamentlichen Zeugen und Zeugnisse ein Bild Gottes gezeichnet, das in seiner Plastizität und unmittelbaren Ansprechbarkeit geradezu besticht. Doch geschieht das nicht leichthin, auf der Oberfläche der biblichen Aussagen, sondern wie die Ausführungen verraten, steht dahinter eine erstaunliche Belesenheit und ein kritisch besonnenes Urteil der Fachliteratur gegenüber, die allenthalben eingearbeitet ist. … Deisslers Werk ist daher nicht nur praktisch und wissenschaftlich tätigen Theologen zu empfehlen, sondern allen, die im Verkündigungsdienst stehen, ja jedem, der sich sachgerecht über den Gott der Offenbarung und damit den Gott Jesu orientieren will."
In den 70er Jahren gehörte er mit Ernst Haag, Norbert Lohfink, Claus Westermann u.a. zu den Übersetzern des Alten Testaments der "Einheitsübersetzung".
Zwischen 1981 und 1988 veröffentlichte Deissler für "Die neue Echter-Bibel" eine Auslegung der zwölf Propheten in drei Bänden. 1989 unterschrieb Deissler die "Kölner Erklärung", in der Kritik am autoritären Führungsstil Roms geübt wurde.
Im selben Jahr gaben Rudolf Mosis, sein ehemaliger Assistent, und Lothar Ruppert, sein Lehrstuhlnachfolger, eine Festschrift zu seinem 75. Geburtstag mit dem Titel "Der Weg zum Menschen - Zur philosophischen und theologischen Anthropologie" heraus. Zu den Mitarbeitern der Festschrift gehörten u.a. Claus Westermann, Josef Schreiner, Josef Scharbert, Jörg Jeremias, Ernst Haag, Erich Zenger, Norbert Lohfink, Bernhard Casper, Klaus Hemmerle, Max Müller, Walter Kasper und Franz Furger.
Rudolf Mosis schrieb über Deissler zu dessen 70. Geburtstag: "Die historisch-kritische Beschäftigung mit alttestamentlichen Texten war ihm nie Selbstzweck. Sie bildete vielmehr den einen Pfeiler einer Brücke, auf dem die Botschaft des fernen Glaubenszeugnisses einer alten Zeit hinübergebracht werden sollte und konnte in eine anders geartete Zeit, die gleichwohl die alte Botschaft braucht und sucht. Die wissenschaftliche Bemühung Deisslers um die Texte des Alten Testamentes stand somit immer, mehr oder weniger direkt, im Dienste der Glaubensverkündigung, im Dienste des neubundlichen Gottesvolkes."



Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)