Der neue Roman von Dietmar Dath: Leider bin ich tot

Wolf und Abel saßen unter Sternen.
Abel stellte eine Frage: "Okay, bloß, warum Theologie? Wenn dir das doch alles nicht einleuchtet, die Rituale und euer ... Luther, mit seinem ganzen Scheiß?"
Er wollte das wirklich wissen, als Konfessionsloser.
Wolf sagte: "Weil ich glaube, dass das stimmt, was in der Bibel steht."
"Was? Alles? Das Ganze? Das Paradies, die lebendig gemachten Toten, Wein aus Wasser?"
"Pass auf ... die meisten, die heute sagen, es stimmt alles irgendwie, was da steht, und dann immer dazusagen, es stimmt aber nicht wörtlich, die meinen das als Ausrede für so ein ... für diese Laberei, dass es nur so weit stimmt, wie es zu dem passt, was sie eh machen und glauben wollen ... aber ich finde ... man muss da genauer werden, weil ich ja auch ... in der Kirche was machen will."
"Singen und Mädchen kennenlernen", lachte Abel, da das die beiden Hauptbeschäftigungen waren, in denen sich Wolfs seit zwei Jahren stetig gewachsenes Engagement in der evangelischen Jugend bislang ausgedrückt hatte.
Wolf erwiderte ernst: "Nein. Nein, hör mal, ich finde ... die Kirche, das ist doch die richtige ... Dass die Leute noch zu was gehören, was kein Job ist und kein Staat und kein ... was gar nicht ... was nicht nur ist wie Alltag. Na, Alltag, das heißt ja entweder Pflicht und Geldverdienen oder Hobby und ... Rumspielen. Wie gesagt, ich glaube an Gott. Aber ich finde das andererseits auch immer alles so ... unfertig. Dass es die Kirche gibt, ist wichtig, und was sie macht, ist richtig ... ja, ich weiß, Kreuzzüge und Hitlerkonkordat und so ..."
Sie hatten sich oft darüber gestritten.
Aber Abel verlor dabei inzwischen rasch die Lust, weil Wolf so viel mehr gelesen und nachgedacht hatte als er, so dass Abel am Ende immer annehmen musste: Er hat zwar vermutlich unrecht, aber es klingt viel mehr nach etwas, das recht hat, als alles, was ich dagegen sagen kann. Wolf setzte neu an: "Ich meine eben nicht ... diese Sachen, die immer herauskommen, wenn die Kirche auch mal Politik veranstalten oder ein Staat sein will oder eine Firma, die ihre Konkurrenz niedermachen muss ... ich meine: Richtig ist das, was sie als Kirche macht. Als Glaubensgemeinschaft. Sogar bei den Katholischen. Dass sie auf den Sonntag achtet, auf die ... auf das ... wie soll ich das sagen? Auf die Unterbrechungen im ..."
Abel half: "Die Besinnung."
"Von mir aus, ja. Besinnung. Also: Die Kirche macht als Kirche das Richtige, und die Bibel ist auf eine Art wahr, aber dazwischen ... das, was die Kirche lehren und sagen lässt, damit sie sich weiter auf die Bibel berufen kann, das ist unfertig und ..."
"Halbseiden", ein Lieblingswort von Vater Reinhardt für alles, was man verachten durfte. ...
Abel fasste nach: "Und du willst es genauer machen. Verbessern. Dafür brauchst du das Studium. Theologie. Obwohl du von den Noten und vom Hirn her genauso gut Mathe oder Physik studieren könntest oder Bio ... aber du willst nicht die Weltformel finden, sondern, wie heißt das? Den Gottesbeweis."
"Das, nee ... nee, also den bitte ja nun gerade nicht. Das gerade nicht, das ist das Allerfalscheste." ...
Wolf erklärte sich, an der Grenze zum Flüstern: "Schau. Mensch. Eins ist doch klar: Wenn es einen Beweis gibt, muss man nichts glauben. Aber jede Religion, die überhaupt einen Gott hat ... einen ... ich kenne diese Ein-Gott-Religionen besser als die anderen, mit vielen Göttern, die kommen mir ... aus der Ferne ... so ... genauso unfertig vor wie ... also, sagen wir mal, ich weiß irgendwoher, wenn wir das mal abkürzen, dass es einen Gott gibt. Und dass es nur einen gibt. Okay, und genauso weiß ich, dass alle ernstzunehmenden Religionen, die das auch wissen, sagen: Man muss das glauben. Wieso sollte man das aber glauben, wenn man es weiß? Und was ist ein Beweis anderes als ein ... na ja, in Mathe würde man vielleicht sagen: ein Wegkürzen von Glauben? Ich sag dir, diese Beweise, das ist alles ... eine Verwirrung, wie mit der Bibel. Das Buch, glaube ich, ist da, damit wir lesen lernen: damit wir lernen, dass es noch eine andere Art gibt, eine dritte, etwas zu lesen, als die erste, die halt wirklich diese Geschichten hernimmt wie so Nachrichten, da hat eine Jungfrau ein Kind gekriegt und der Helmut Schmidt ist abgesägt worden und in Portugal war ein Erdbeben und dann hat einer aus ein paar Fischen ganz viele gemacht und dann hat der Flick den Genscher und den Willy Brandt bestochen und dann ist einer gekreuzigt worden ... aber es geht auch um eine andere Art zu lesen als die, die dann zweitens, andersrum, sagt, das sind alles nur so ganz unscharfe Symbole für Sachen, die man auch ohne diese Geschichten wissen würde, also dass man sich anständig benehmen soll und nicht andauernd Leute umbringen und vergewaltigen. Es gibt ganz sicher, das weiß ich einfach, na gut: Das glaube ich ... es gibt ganz sicher was Drittes. Diese Schriften kriegen wir von Gott, damit wir das lernen, dieses dritte Lesen. Und den Glauben kriegen wir aufgedonnert, damit wir verstehen, dass es auch noch eine dritte Art Wissen gibt außer erstens: Ich habe was gesehen oder gehört, und zweitens: Ich kann etwas beweisen. Aber es ist alles so durcheinander und unklar da, ich will Theologie studieren, damit mal ..."
Abel ließ den halben Satz, den Wolf gesagt hatte, erst zur Ruhe kommen. Dann legte er den Arm um den vom Aussprechen so vieler Wahrheiten Erschöpften und sagte: "Damit mal jemand das alles aufräumt. Die Grenzen festlegt von Weg eins und Weg zwei. Weil, wenn ich dich richtig verstehe, diese Grenzen sind dann ein Hinweis, wo der dritte Weg ist, den du meinst."
"Wie der ... verläuft, ja. Oder ähm ... na ja, dritter Weg." Wolf seufzte ...
"Dritter Weg, das ist ja nur ein ganz vorsichtiger Name für ... so eine höhere Art, wie man denken muss bei ... all diesen Fragen. Zum Beispiel die Erlösung: Kommt sie durch das, was man tut? Das hieße, dass ein Mensch Gott zu was zwingen kann. Oder kommt sie durch Gottes Gnade? Das hieße, dass es egal ist, was wir tun, also auch, was wir entscheiden, und dann haben wir keinen freien Willen, das heißt, es gibt uns eigentlich nicht. Dann spielt Gott mit Fingerpuppen. Und hier ist es eben wieder so: Das Erste kann nicht sein, das Zweite kann nicht sein, beides gleichzeitig kann nicht sein und keins von beiden kann auch nicht sein."
"Dein dritter Weg, jetzt wird er schon der fünfte!"
"Na, irgendwie so", sagte Wolf, löste sich aus der Umarmung, nicht heftig, mit selbstverständlicher Bewegung, als wäre das alles ein Tanz und diese Drehung beim Aufstehen gehörte dazu.
Auch Abel stand auf und hielt jetzt den andern leicht am Arm fest ... Wolf, bereits halb abgewandt, drehte sich um.
Abel trat zu ihm. Wolf schloss, als hätten sie das schon hundertmal getan statt noch nie, wie in einer Gewohnheit, die Augen, als Abel ihn küsste. Die Umarmung, die folgte, war nicht mehr brüderlich und keine des Trostes. Wolf erwiderte sie wie den Kuss. Die Lippen öffneten sich vorsichtig. Es war, fand Wolf, richtiger und nahm mehr von ihm mit ins Andere als die Küsse mit Mädchen. Es war aber auch sehr schlimm: Wie wenn man im Flugzeug abhebt und dann den ganzen Flug über denkt, wir fallen runter, wir stürzen ab. Es ging anderthalb Minuten. Richtig, dachte Wolf, als wäre ihm der Titel eines Songs wieder eingefallen, den er vergessen hatte: Stimmt, Abel ist ja schwul. ...
Unter Sternen sagte Wolf verlegen: "Ich bin aber nicht schwul." Abel sagte: "Schade."
Keine Chance.
Keine Wege eins bis fünf. Nichts. Schnitt.

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)