MFThK, 11.6.2014

"Ich lass mich treiben vom Wind" – Ist Cro ein Vertreter der "Generation Maybe"?
(Pop-Splitter Folge 2)

"Wir sind Ichlinge, die durch die Zeit geistern. Haben frühere Generationen sich noch gefragt 'Was ist der Sinn des Lebens?' fragen wir uns heute 'Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?' Und vor allem sagen wir lieber Jein, als uns auf etwas festzulegen. ...
Wir wissen, dass es uns an nichts fehlt - und doch fehlt uns was. Ist es ein Sinn? Orientierung? Sind es Werte? Wahrscheinlich von allem etwas. ...
Wir haben zwar den Glauben an den einen Gott verloren, auch den Glauben an herkömmliche Religionen generell. Für unsere Generation gilt immer mehr: Wir glauben an alles Mögliche, nur nicht an Gott. Die Lücke, die das bei vielen hinterlässt, wird mit schwammigen Ersatzreligionen gefüllt. Unsere Ersatzreligionen heißen Esoterik, Fußball, Gesundheit, Ökologie, Apple, Social Media, um nur einige von vielen zu nennen. Statt jeden Sonntag in die Kirche pilgern viele von uns jeden Samstag ins Fußballstadion oder versammeln sich im Halbrund vor dem Livestream aus dem Silicon Valley, wenn Apple wieder ein neues iPad präsentiert."
(aus dem Buch "Generation Maybe" von Oliver Jeges, Berlin 2014)

Am letzten Freitag ist das neue Album von Cro erschienen. Cro ist Stuttgarter, 24 Jahre alt, wohnt noch bei seiner Mutter, hat einen Hund, fährt einen Mercedes, steht um 12 Uhr mittags auf, wenn er bis 6 Uhr morgens Musik produziert, isst lieber bei McDonald's als ein Vollkorn-Käsebrot und hält Bier für ein Getränk "für alte Männer".
Sein Lied "Traum" schaffte es in Deutschland, Österreich und der Schweiz gleichzeitig auf Platz 1 der Hitparaden. Das Video zu "Traum" (mit Frank Elstner) wurde am Donnerstag letzter Woche auf YouTube veröffentlicht und hat in weniger als einer Woche mehr als 2 Millionen Klicks bekommen. Cro ist bei Kindern und Jugendlichen heute bekannter als etwa die Bedeutung von Pfingsten, vermutet ein Religionslehrer. 2013 hat der evangelische Theologe Fabian Maysenhölder in seinem Blog "Theopop" bereits auf ein Lied von Cro aufmerksam gemacht.

Oliver Jeges, Volontär an der Axel-Springer-Akademie, prägte 2012 in einem Artikel der "Welt" den Begriff "Generation Maybe". Der Artikel wurde auf Facebook tausendfach geteilt und löste eine Debattenserie aus. In der "Zeit" schrieb Jens Jessen im Oktober 2013, in dem Wort "Maybe" kristallisiere sich "die Signatur der Epoche". In ihm drücke sich das aus, "was Soziologen schon seit einiger Zeit als Problem der 'Multioptionsgesellschaft' erkannt haben. Jedem stehen so viele Türen offen, dass niemand sich mehr traut, durch eine zu gehen, weil es ja gerade die falsche sein könnte. Man muss bei Schülern und Studenten nur das ständig simsende Offenhalten aller Verabredungen beobachtet haben, um zu begreifen, dass hier tatsächlich eine Pathologie der Postmoderne zu finden ist."
Im Februar diesen Jahres veröffentlichte Oliver Jeges nun ein ganzes Buch über die "Generation Maybe".

Dieses Buch fällt einem ein, wenn man auf Cros neuem Album ein Lied entdeckt, das den Titel "Vielleicht" trägt. In dem Lied taucht nahezu in jeder Zeile das Wort "vielleicht" auf, welches sich im Refrain zu "vielleicht, vielleicht, vielleicht" steigert.
Ein weiteres Motiv, welches Jeges beschreibt und sich bei Cro in ausgeprägter Form findet, ist der Wunsch, nicht erwachsen zu werden, sondern Kind zu bleiben.
"Ob ich je erwachsen werde? Ey, auf jeden Fall! Ich hab grad nur keine Zeit, doch vielleicht nächstes Jahr, huh?" (aus dem Lied "Jetzt")
"Ey, ich lass mich treiben vom Wind, und ganz egal, was andere schreiben, Mann, ich bleibe ein Kind" (aus dem Lied "Never Cro up")
"Gefühlt bin ich immer noch 16 Jahre alt." (Interview mit musikmarkt.de, 4.6.14)

In dem Lied "Rennen" blickt Cro kritisch auf seine Generation:
"Man verliert Menschen um sich herum, ganz ohne groß was zu tun. Sie sagte 'Sohn, höre mir zu, es geht Oma nicht gut'. Ich hab sie so lange schon nicht mehr einfach so mal besucht. Wir lassen viel zu viele Dinge einfach sausen auf der Reise. Doch posten jeden Tag einen riesengroßen Haufen Scheiße. Und wenn's uns nicht gefällt, dann haut man pausenlos drauf ein."
Cros Appell im Refrain ist allerdings nicht, sich mehr Zeit für andere Menschen zu nehmen, sondern zu chillen und zu relaxen. Den Moment zu genießen. "Denn der Moment ist perfekt, leg dein Handy mal weg."
Locker sein, locker bleiben spielt für Cro eine große Rolle.

Cros Texte sind - auch dies passt zur von Jeges beschriebenen "Generation Maybe" - vollkommen unpolitisch und frei von materiellen Sorgen.
"Die Welt ist perfekt und die gute alte Zeit ist jetzt, jetzt, jetzt, jetzt ... Die Dinge laufen lassen, ist bei vielen Leuten Mangelware. Manche sterben, ohne je zu leben, das ist jammerschade ... Wieso sind mir eigentlich so viele Dinge scheißegal? Ey, keine Ahnung, mir egal - doch wie du siehst: ich kann nicht klagen." (aus dem Lied "Jetzt")
"Mein Bruder erzählt mir ja immer, dass mir damals, als Kind, alles völlig egal war. Da habe ich angeblich dem Nachbarn aus dem Sandkasten den Bagger geklaut und gar nicht eingesehen, warum ich ihm den wieder zurückgeben sollte. Und ein bisschen von dieser - ich nenne es mal so - Scheißegalheit, die ist ganz gut." (Interview mit dem KStA, 4.6.14)
"Man darf sich nicht aufregen. Am Ende hat man sowieso nichts davon, wenn man sich über alles aufregt; deswegen immer wegignorieren." (Interview mit der FAZ, 1.6.14)
"Ich bin nicht der Herr Sorge, der sich Sorgen macht, ich bin kein Prophet, der etwas verändern will. Jeder soll das so handhaben, wie er will." (Interview mit musikmarkt.de, 4.6.14)
Auf die Frage, ob man politisch sein müsse, antwortet Cro:
"Find' ich überhaupt nicht. Muss man nicht sein. Also als Musiker. Ich mach' einfach Musik, ich will die Leute nicht belehren oder meine Meinung aufdrücken. Aber ich will mich da nicht aus dem Fenster lehnen. Natürlich, eine politische Grundmeinung sollte man schon haben. Und wählen gehen ist wichtig." (Interview mit der Münchner Abendzeitung, 5.6.14)
In einem Artikel der "Welt" schrieb Frédéric Schwilden (*1989) über Cro: Er ist "so erfolgreich, weil er die Sprache einer ganzen Generation spricht. Er ist das Kind der Generation, deren Existenzangst darin besteht, sich nicht verwirklichen zu können." Er macht "eine Musik, die mit größter Wahrscheinlichkeit dem Durchschnitt in Deutschland gefallen wird. Gefallen im Sinne von nicht stören. Seine Musik und sein Stil gefallen allen Menschen der Mitte. ... Diese Gefälligkeit ist Cros größtes Problem und auch das der Generation Cro. Weil sie sich nicht mehr klar positioniert. Cros Musik ist affirmativ. Es gibt nur den Daumen hoch, aber keinen Daumen runter. Alles easy. Supergeil."

Cros Markenzeichen ist eine Pandamaske mit einem umgedrehten Kreuz (Petruskreuz).
Im Sommer 2012 antwortete Cro in einem Interview der F.A.S. auf die Frage, was das umgedrehte Kreuz auf der Maske solle: "Das ist völlig sinnlos und hat überhaupt keine Bedeutung. Anfangs war die Maske so leer, dann lag da ein dicker Stift herum, und mittlerweile gehört das Kreuz eben dazu."
Gegenüber dem Schülermagazin "Unicum Abi" stellte er im selben Jahr klar: "Das Kreuz hat nichts mit Religion zu tun. Es ist einfach ein cooles und schönes Symbol." Oder in anderen Worten: "Steckt nix dahinter, ist einfach ein cooles Symbol, stylish." (aus einem Interview mit Vice)
Und im Magazin von "Red Bull" antwortete er 2012 auf die Frage, ob das umgedrehte Kreuz auf seiner Maske ein Hinweis auf seine religiösen Ansichten sei: "Ich bin weder gläubig noch Antichrist. Irgendeine höhere Macht wird es schon geben, aber ich nenne sie nicht Gott oder Allah. Ich glaube an ... Pandabären (lacht). Das sind lockere Tiere, die immer gut drauf sind."
Zwei Jahre später erklärt Cro das Kreuz folgendermaßen (im Interview mit firstnews.de): "Das Einzige, was mir Leute immer vorhalten, ist das Kreuz auf der Maske, aber da bin ich auf einer Party eingepennt und war betrunken, bin aufgewacht und auf einmal war ein Kreuz auf meiner Stirn, deswegen für alle Menschen, die das bescheuert finden: Ich kann nix dafür".
Im Interview mit den "Nürnberger Nachrichten" sagt er heute: "Mit Satanismus hat das nichts zu tun, aber ich glaube auch nicht an Gott, ich bin Freigeist. Es war eben 'Umgekehrt-Tag' als wir die Maske erfanden".

Spuren des Lebensgefühls der "Generation Maybe" finden sich in zahlreichen Liedern der deutschsprachigen Popmusik, von Casper bis Prinz Pi ("Es hieß: Leb' deinen Traum / Doch was ist mein Traum?").
Mit dem Lied "Nicht jetzt!" präsentierten auch zwei Münchner Rapper, Fatoni und Edgar Wasser, kürzlich ein gutes Beispiel. Der Text des Liedes steht unter dem Video (dafür auf "Mehr anzeigen" klicken):
"... Ich wollte wissen, was ich will, die Google-Suche ergab nichts. ...
Bevor die Entscheidung, die ich treff', falsch ist, entscheid ich mich halt nicht! ...
Ich würde mich so gerne etwas hingeben, doch werde mich wohl erstmal etwas hinlegen ..."

Gibt es die "Generation Maybe" tatsächlich in der Form, in der Jeges sie beschreibt? Oder handelt es sich nicht eher um ein bestimmtes Milieu? Was bedeutet diese Generation oder besser dieses Milieu für die Pastoraltheologie, die Religionspädagogik, für die Verkündigung des Evangeliums ...? Was würde Jesus zu Cro sagen, zu seiner Einstellung "Die Welt ist perfekt, lass die Dinge laufen, ein bisschen Scheißegalheit ist gut"?


Das Buch "Generation Maybe" von Oliver Jeges


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)