Zum 100. Todestag von Christian Morgenstern
Eine Zitatesammlung

Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln.
(Tagebuch-Notiz von 1891)

Beten

Wenn beten heißt:
in den Ätherwellen des Alls
bewusst mitschwingen,
eins mit der Ewigkeit,
leibvergessen, zeitlos,
in sich der Ewigkeit
flutende Akkorde -
wenn beten heißt:
stumm werden
in Dankesarmut,
wortlos
sich segnen lassen,
nur Empfangender,
nur Geliebter ...
(Aus einem Gedicht von 1894/95, veröffentlicht in "In Phanta's Schloss")

Die Unbegreiflichkeit Gottes und der Welt

Gott ist die Überwältigung unseres Innern durch die Unendlichkeit. Die Kapitulation des menschlichen Begriffsvermögens vor der Welt.
(Tagebuch-Notiz von 1906)

Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet damit die Welt, wie sie ist ... Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das heißt durch und durch unbegreiflich, so weiß ich nicht, warum man dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den Namen Gott sollte geben dürfen.
(Tagebuch-Notiz von 1906)

Ich liebe die Wissenschaft von Grund aus und hasse alle Schwarmgeisterei. Eine Wissenschaft aber, die vergißt, daß sie eine seltene, wunderbare Blume auf dem Boden des Mysteriums ist, ja, die vergißt, daß sie selbst Mysterium ist, sie fällt mit der übelsten Schwarmgeisterei in eins zusammen, sie ist im Tiefsten inferior, allein schon rein intellektuell genommen.
(Tagebuch-Notiz von 1906)

Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen könnte.
(Tagebuch-Notiz von 1907)

Alleinheit

Die Welt ist nicht ein Hier, Gott nicht ein Dort,
er ist du selbst, wird mit dir fort und fort.
Und nirgends weiß er irgendwie von sich,
denn als in Wesen so wie du und ich.
(Aus einem Gedicht von 1905)

Gott ist alles. Wir haben kein anderes Wort für Gott als das Wort "alles". Man kennt und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich weiß nicht, ob je mit diesem "alles" schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht, für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst hinein in dies "alles" mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß selbst zusammenfallen mit Gott ...
(Tagebuch-Notiz von 1907)

Sein (esse) ist nur eine Denkform Gottes.
(Tagebuch-Notiz von 1907)

Der Mensch

Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes, fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhelos durchmisst sie das Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf, pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs.
(Tagebuch-Notiz von 1906)

Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.
(Tagebuch-Notiz von 1908)

Der Mensch ein chemischer Prozeß.
Ein Wahrwort. Doch was wiegt´s?
Gewiß "Prozeß", - doch daß er des
selbst inne wird, da liegt´s.
(veröffentlicht in "Epigramme und Sprüche", München 1919)

Ein Sandkorn ist der Erdball, rufst du aus
und blickst ergriffen auf den Sternensaus.
Dann wendest du dich um und lauscht beim Tee
den Professoren A und B und C.
Und siehe da, auf deinem Körnchen Sand
erhebt sich Wissenschaft, ein Elefant.
Das Korn bleibt Korn. Du aber, fromm und munter,
du bringst den Elefanten auf ihm unter!
Und liegst davor sogar noch auf den Knien;
das Sandkorn trägt geduldig dich und ihn.
Denn trotz Gelehrsamkeit und Hochgefühl:
Ihr seid nicht größer als - ein Molekül.
(veröffentlicht in "Mensch Wanderer", München 1927)

Christus

Wenn ich etwas an Christus verstehe, so ist es das: "Und er entwich vor ihnen in die Wüste".
(Tagebuch-Notiz von 1906)

In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich selbst.
(Tagebuch-Notiz von 1907)

Frage dich nur bei allem: "Hätte Christus das getan?" Das ist genug.
(Tagebuch-Notiz von 1908)

Wahrheit

Wahrheit ist Sache des Temperaments, darum kann man Wahrheit nicht lehren, nur zeugen.

Es gibt keine Wahrheit an sich. An sich ist einer der größten Materialismen der Epoche.

Die zur Wahrheit wandern, wandern allein, keiner kann dem andern Wegbruder sein.


P.S.
Der Index theologicus verzeichnet keinen einzigen Aufsatz über Christian Morgenstern. Eine theologische Dissertation ist aus dem Jahr 1940 bekannt: Der evangelische Pfarrer Paul Geiger aus Mannheim verfasste eine Studie über "Mystik und Reinkarnation bei Christian Morgenstern". Bei der Arbeit "Christian Morgenstern als Mystiker" von Herbert Giffei (1931) handelt es sich um eine bei Harry Maync erstellte literaturwissenschaftliche Dissertation. Giffei sieht in der Mystik "das ganz besondere Charakteristikum dieser eigentümlichen Dichtergestalt", interpretiert Morgenstern als Vertreter eines "theomonistischen Pantheismus" und erkennt eine "Wesensverwandtschaft" zwischen Meister Eckehart und Morgenstern. Das bekannteste Morgenstern-Zitat unter Theologinnen ist vermutlich: "Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf." So liest man z.B. bei Klaus Müller: "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, hat man" den Namen der ersten Apostolin Junia "in Junias verfälscht."

Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)