Das neue Buch von Christa Wolf

Ich habe nach unserem letzten Gespräch viel darüber nachgedacht, wie das mit dem lieben Gott eigentlich ist. Wahrscheinlich werden die, die einmal als Kind an ihn geglaubt haben, ihn ihr Leben lang nicht mehr los – auch wenn sie nicht mehr an ihn glauben. Als eine Art ethischer Hintergrundfigur, als Verkörperung des Überich, das sich wahrscheinlich wieder zu "Gott" zusammenschließt, wenn es einem schlecht geht. Natürlich kann man von Hilfskonstruktion sprechen, jedoch wir leben inmitten von Hilfskonstruktionen, darunter viel schlechteren ... Kirche ist etwas anderes, finde ich.

Wenn ich mich frage, was waren denn das für Werte, die ich als Kind verinnerlicht habe, stoße ich immer wieder auf eine protestantische Moral, Fleiß, Ehrlichkeit, ("Gott sieht alles!"), Bescheidenheit, und eine etwas karge Art von Güte: ein unglaublich starkes Über-Ich wurde mir da, freudianisch gesprochen, eingepflanzt, und ich glaube schon, daß es diese Werte waren, die ich für normal, human hielt – inzwischen ohne Gott –, die mich mit davor bewahrt haben, auf Dauer in die Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Moral zu verfallen.

Wir sind kurzentschlossen zu Bölls Beerdigung geflogen, ich hatte das Gefühl, es müsse sein. Mußte wohl auch. Ein katholischer Priester, mit dem er befreundet war und der am Ende der Messe sagte: "So, jetzt gehen wir alle zu Fuß zum Friedhof, weil es dort kaum Parkplätze gibt, und eine kleine Demonstration hat sich Heinrich Böll ja wohl auch verdient." – Er sagte "Demonstration", obwohl er gut und gerne "Prozession" hätte sagen können, denn das Kreuz wurde vorneweg getragen. Annemarie Böll tröstete noch andere.

Wenn Sie in "Kassandra" Anklänge an das östliche Denken finden, so liegt das daran, dass ich mich mit der Naturphilosophie der frühen Mittelmeervölker beschäftigt habe, mit jenem Denken, das vor dem griechischen, abendländischen Denken dort verbreitet war und das man später "mystisch" oder irrational nannte. Es gibt auch in der mittelalterlichen Philosophie der Mystiker vieles, was dem östlichen Denken, soweit ich es kenne, verwandt ist, es lief als Unterströmung im Christentum mit, wie Sie sicher wissen, konnte aber nicht zur "herrschenden" Richtung werden. "Fühlend denken, denkend fühlen" wäre mein Ideal.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)