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Zum Tod von Carsten Bresch

Schiwy: Herr Bresch, Sie sind bekannt als Evolutionsforscher, Sie kennen die Evolution sehr gut, haben sich ein Leben lang damit befasst. Meine Frage: Hat diese Arbeit Sie religiös gemacht, wenn Sie vorher nicht religiös waren – oder sind Sie, wenn Sie vorher geglaubt haben, jetzt Atheist geworden?

Bresch: Mehr das erste. Ich bin im evangelischen Elternhaus groß geworden und habe dann im Konfirmandenunterricht gelernt, dass man Gott nicht durch Vernunft erkennen kann – es war die Zeit der Karl Barthschen Dominanz in der evangelischen Kirche –, sondern dass man einfach glauben müsste. Ich war schon als Schüler so naturwissenschaftlich orientiert, dass mir das so sehr gegen den Strich ging, dass ich das Christentum vergessen habe. Ich habe Naturwissenschaft studiert, Physik erst und dann Biologie, habe mich eigentlich Jahrzehnte lang als Agnostiker gefühlt, und dann habe ich angefangen, mich mit Evolution zu beschäftigen. Dann ging das große Wundern los, und ich habe so viele Dinge gefunden, die mich wundern ließen, dass ich dabei – muss ich sagen – religiös geworden bin. Das bedeutet aber keine Rückkehr zum Christentum.

Wenn man sich mit der Evolution beschäftigt, dann stellt man fest, dass da fortlaufend eine gewisse Richtung zu beobachten ist – die allerdings viele Naturwissenschaftler nicht sehen! Diese Richtung besteht darin, dass im Laufe der Zeit im Universum immer komplexere Strukturen auftreten. Es ist also in der Evolution eine eindeutige Tendenz zu immer höherer Komplexität festzustellen. Wenn man dies nun in allen Phasen beobachtet, dann fragt man natürlich nach den Ursachen für diese 'Komplexifikation' ... Man kommt ins Staunen und kann eigentlich nicht anders, als alles auf einen Ursprung zurückzuführen, das heißt, davon auszugehen, dass im Ursprung des gesamten Universums diese Entwicklung bereits begründet ist. Und dann ist es nicht mehr weit, Ehrfurcht vor diesem Gesamtgeschehen zu verspüren und religiös zu werden.


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