"Ewiges Leben ist ewige Ödnis, man muss sterben, damit das Leben hier schön ist"
Ein kleiner Rückblick auf den letzten Bundesvision Song Contest

Dass Xavier Naidoo und Kool Savas Sieger des letzten Bundesvision Song Contest wurden, war angesichts der Top-Ten-Platzierung ihres gemeinsamen Liedes Schau nicht mehr zurück keine Überraschung. Der Siegertitel ist eine Auskopplung aus ihrem im September erschienenen und sofort Platz 1 der deutschen und schweizerischen Charts belegenden Album Gespaltene Persönlichkeit. Die Liedtexte dieser Platte muss man als wirr und konfus bezeichnen. Ein Lied hinterlässt die Frage, ob der als Katholik aufgewachsene Xavier Naidoo inzwischen offen für die hinduistische Karma-Lehre ist ("Ich red' mir ein, dass sich alles mal regelt, wenn es Karma gibt"). Auf die Vermengung von Homophobie ("Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?"), Ritualmordlegende ("Okkulte Rituale besiegeln den Pakt der Macht, mit unfassbarer Perversion werden Kinder und Babys abgeschlachtet, Teil einer Loge, getarnt unter Anzug und Robe"), Satanskultphantasie ("Sie zelebrieren den Satan, schreien: Lasst ihn raus!") und der Sehnsucht nach starken Führern ("Wo sind unsre starken Männer? Wo sind unsre Führer? Wo sind sie jetzt?") in dem Hidden Track des Albums (im Anschluss an das Lied vom Leben ab 4:03 min) hat als erster Harald Peters in der "Welt" hingewiesen. Man wundert sich, dass z.B. die in der Beschneidungsdebatte so vehement auftretende Deutsche Kinderhilfe wegen dieses Liedes noch keine Konsequenzen gefordert hat: Kann dieses Lied nicht die geistige Unversehrtheit von Kindern verletzen?

Auf dem dritten Platz des Bundesvision Song Contest landete die Rockband Ich kann fliegen mit ihrem von Annette Humpe (Sängerin von Ich + Ich) geschriebenen Lied Mich kann nur Liebe retten, das durchaus anschlussfähig für eine christliche Interpretation ist:
"Ich bin nicht alleine, denn eigentlich wartet jemand irgendwo auf mich und da ist ein Ort, wo ich keinen stör'. Eine Art zu Hause, wo ich hingehör'. Mich kann nur Liebe retten".
Dass Liebe und nur Liebe rettet, ist auch für das Christentum zentral. Die in dem Lied zum Ausdruck kommende Sehnsucht richtet sich wohl auf eine "innerweltliche Transzendenz" in einer Partnerschaft, doch kann hier zumindest die Frage gestellt werden, ob die alles umfassende rettende Liebe nicht die Möglichkeiten des Menschen übersteigt. Wartet jemand irgendwo auf mich, der mich auch noch aus dem Tod rettet und mir für immer einen Ort schenkt, "wo ich keinen störe"?

Den fünften Platz des Wettbewerbs errang die Hip-Hop-Gruppe Die Orsons mit einem misslungenen Lied über Transsexualität. "Alles ist möglich, wenn Du willst" lautet eine Zeile des Refrains. Der Rapper Cro besingt in diesem Lied, das bei YouTube bereits über eine Million Klicks hat, eine transsexuelle Linke-Politikerin aus Freiburg als "Toleranzikone". Das neue Album der Orsons, das diese Single enthält, erschien pünktlich am Tag des Bundesvision Song Contest.
Auf dieser Platte fallen zunächst ein paar Zeilen in dem Lied Zambo Kristall Merkaba auf:
Ich dacht' ich sei kein guter Mensch ohne elf Millionen Likes ...
Ich scheiß' auf alles, zweifel' alles an,
ich zweifle sogar an, ob ich auf alles scheiß' ...
Ich will die Existenz von Gott endlich mathematisch und wissenschaftlich bewiesen wissen
Ich kriege nie genug, ich will im selben Zug beweisen, dass Gewalt und Töten immer, immer falsch ist, zwischen Menschen immer, immer falsch ist ...
Was ist das wichtigste bevor ich aus dem Haus gehe? Dass ich gechillt bin, dass ich erst richtig gottesgechillt bin.

Man fragt sich nach diesem Lied: Gehört das Wort "gottesgechillt" inzwischen zur Jugendsprache? Das Motiv des Zweifels taucht in der jüngeren deutschsprachigen Popmusik immer häufiger auf, man denke an Tocotronics Lied Im Zweifel für den Zweifel, an Max Herres Top-Ten-Hit Wolke 7 ("Ich bin müde vom Zweifeln nach all diesen Tagen") oder an das Lied Zweifellos von Tim Bendzko und F.R. ("Wir müssen alles hinterfragen jeden Tag. Im Zweifel für den Zweifel. Wir ertränken alles in 'nem Glas, denn wir drohen jedes Mal am Zweifel zu verzweifeln").
Dazu passend verkünden die Orsons in ihrem Lied Vodka Apfel Z ("Wir trinken, dass wir vergessen"):
Schluss mit Stunden des Suchens, ich hab' endlich Zufriedenheit gefunden – im Duden
In dem Lied Wir können alles machen! wird der nach Orientierung suchenden Generation der (scheinbar) unbegrenzten Möglichkeiten eine Stimme geliehen:
Wir können alles machen, was sollen wir machen?
Wir können tun und lassen, was wir wollen!
Generation Google – wir schauen auf die Welt.
Wir finden alles, außer uns selbst.
Stehen auf der Stelle und laufen zu schnell.

Religionskritische Zeilen finden sich in dem Lied Das Leben ist sch.:
Auf dass die Menschen endlich gut zueinander sind,
ohne auf Belohnung zu hoffen und all den Mist.
Frei von Angst vor Bestrafung und dem ganzen Quatsch,
sondern nur aus Liebe und gesundem Menschenverstand.
...
Ich war mal ein Gott,
so mit Blitze schmeißen und dem ganzen Schrott.
doch ewiges Leben ist ewige Ödnis,
man muss sterben, damit das Leben hier schön ist.

Am gelungensten ist auf dem neuen Album der Orsons wohl das Lied Unperfekt. Die Frage des Liedes könnte man auch an Gott richten:
Wie kannst du mich denn so fehlerhaft wie ich bin lieben?

Den sechsten Platz des Bundesvision Song Contest sicherte sich die Rockband Vierkanttretlager mit dem melancholisch klingenden Lied Fotoalbum ("Gute Nacht, Jugend, auch du ziehst an mir vorbei, und in ein paar Jahren schon kennen wir uns nicht mehr"). Das Lied ist eine Auskopplung aus dem Album Die Natur greift an, dessen Liedtexte sehr interpretationsoffen sind. Ein Lied dieser Platte trägt den verstörenden Titel Gib deinem Leben keinen Sinn, ein anderes thematisiert das Menschsein.
Menschsein heißt: Ich sehe die kleine Schönheit nicht, nur die große Qual. Ich bin Mensch. Ich muss so sein. Ich habe keine Wahl.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)