Die Autobiografie von Bruce Springsteen:
Born to Run

Bevor ich die Grundschule von St. Rose hinter mir hatte, waren meine Knöchel ganz klassisch mit dem Lineal malträtiert worden, man hatte mich so heftig an der Krawatte gezogen, dass ich beinahe erstickt wäre, ich war mit Kopfnüssen bedacht, in eine stockdunkle Kammer gesperrt und mit dem Kommentar, dass ich nirgendwo anders hingehörte, in eine Mülltonne bugsiert worden - Tagesgeschäft in katholischen Schulen der Fünfziger. Bei mir hinterließ es einen schalen Nachgeschmack und entfremdete mich zusehends der Religion.
Selbst wenn man damals in der Schule unversehrt geblieben wäre, ging einem der Katholizismus tief unter die Haut. Ich war Messdiener und stand in der heiligen Schwärze der Nacht um vier Uhr früh auf, um über winterliche Straßen zur Kirche zu hasten, in der Stille der Morgendämmerung in der Sakristei meinen Talar anzulegen und auf Gottes persönlicher terra firma am Altar der heiligen Rosa rituelle Handlungen auszuführen - Zutritt für Laien verboten. Während ich dort vor einem Publikum aus Verwandten, Nonnen und den Frühaufstehern unter den Sündern unserem griesgrämigen, achtzig Jahre alten Monsignore assistierte, atmete ich den Weihrauchduft ein. Ich erwies mich allerdings als so unfähig, die verschiedenen Körperhaltungen einzunehmen und meine lateinischen Sprüche zu lernen, dass sich der Monsignore eines Tages dazu verleitet sah, mich bei der Frühmesse um sechs an der Schulter meines Ministrantenrocks zu packen und mich zum fassungslosen Entsetzen aller mit dein Gesicht nach unten zum Altar zu zerren. Schwester Charles Marie, meine Klassenlehrerin in der Fünften, die Zeugin der Strafaktion geworden war, schenkte mir später am Nachmittag auf dem Schulhof ein kleines Andachtsmedaillon. Diese liebevolle Geste hab ich nie vergessen.
In den Jahren als St.-Rose-Schüler hatte ich die körperlichen und emotionalen Belastungen durch den Katholizismus hinreichend zu spüren bekommen. Doch am letzten Schultag nach der achten Klasse kehrte ich alldem den Rücken, Schluss damit, nie wieder, sagte ich mir, ich war frei, frei, endlich frei ... Und das glaubte ich wirklich ... sogar ziemlich lange. Als ich aber älter wurde, fielen mir an der Art, wie ich dachte, reagierte und mich verhielt, bestimmte Eigenarten auf. Reumütig und verwirrt wurde mir am Ende klar: einmal katholisch, immer katholisch. Also hörte ich auf, mir etwas vorzumachen. Ich praktiziere meinen Glauben nicht allzu oft, aber ich weiß, dass ich irgendwo ... tief in mir drin ... immer noch zum Team gehöre.
Dies war die Welt, in der ich zu meinen ersten Songs fand. Im Katholizismus wohnten die Poesie, die Gefahr und die Dunkelheit, die meine Vorstellungen und mein Inneres widerspiegelten. Ich entdeckte ein Land von großartiger herber Schönheit mit fantastischen Geschichten, unvorstellbaren Strafen und unendlicher Belohnung, einen glorreichen und dramatischen Ort, für den ich entweder "geformt" worden war oder in den ich von Haus aus "passte". Der Katholizismus hat mich als Wachtraum mein ganzes Leben lang begleitet. [...]
So komisch es klingt: Ich habe ein "persönliches" Verhältnis zu Jesus. Er ist nach wie vor einer meiner Väter, wenngleich ich mittlerweile an seine göttliche Kraft ebenso wenig glaube wie etwa an die göttliche Kraft meines leiblichen Vaters. Ich glaube fest an seine Liebe, an seine Fähigkeit zu retten ... aber nicht zu verdammen ...

Weil mein Vater eine angekündigte Mieterhöhung nicht akzeptieren wollte, zogen wir in die 68 South Street ... [...] Nebenan wohnte eine jüdische Familie. Mom und Dad, die bestimmt keine Rassisten oder Antisemiten waren, hielten es dennoch für angemessen, meine Schwester und mich darauf hinzuweisen, dass diese Leute ... NICHT AN JESUS GLAUBTEN! Allerdings waren bei mir sämtliche theologischen Vorbehalte auf einen Schlag ausgeräumt, als ich zwei umwerfende Töchter zu Gesicht bekam: meine direkten Nachbarinnen, die überbordende Sinnlichkeit ausstrahlten und volle Lippen, seidige dunkle Haut und gewichtige Brüste vorzuweisen hatten - aber hallo! Auf der Stelle begann ich, von warmen Abenden auf der Veranda zu träumen, von gebräunten Beinen, die aus Sommershorts ragten, während wir die Jesusfrage diskutierten. Ich persönlich hätte ohne Umschweife unseren gut zweitausend Jahre alten Erlöser für einen einzigen Kuss geopfert ...

In "Incident" griff ich ein Thema auf, zu dem ich noch oft zurückkehren sollte: die Suche nach Erlösung. In den folgenden zwanzig Jahren arbeitete ich mich in einer Art und Weise an diesem Thema ab, wie es nur ein braver Junge mit katholischer Erziehung vermochte.

Als ich so im Schatten des Kirchtums stand [...], fielen mir ein paar alte Gebetsworte wieder ein. In endlosem Singsang hatte ich sie damals heruntergebetet. In meinem grünen Blazer, dem elfenbeinfarbenen Hemd, mit der grünen Krawatte, die alle widerwilligen St.-Rose-Jünger hatten tragen müssen. An jenem Abend fielen mir die Worte wieder ein und gingen mir ganz anders von den Lippen: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen ... uns alle. Für alle Zeiten. Amen.
Mein ganzes Leben lang habe ich gekämpft, gelernt, gespielt und gearbeitet, weil ich die ganze Geschichte in Erfahrung bringen und sie so gut wie irgend möglich verstehen wollte. Um mich vor ihren schädlichsten Einflüssen und bösartigsten Kräften schützen zu können. Damit ich ihre Schönheit und Kraft feiern und ehren konnte. Und damit ich lernte, sie meinen Freunden, meiner Familie und euch richtig zu erzählen. Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, und mir ist klar, dass der Teufel auch jetzt wieder auf seine Chance lauert. Aber das war das Versprechen, das ich mir und euch bereits in jungen Jahren gegeben habe. Das habe ich als meinen Gottesdienst betrachtet. Das war es, was ich euch lange und laut vorgebetet habe. Das war mein Zaubertrick. In der Hoffnung, dass es eure Seelen berühren möge und dass ich auf diese Weise den Geist dieses Gebets an euch weiterreiche, auf dass ihr es lest und hört und singt. Auf dass es sich durch euch und euer Blut verändert, damit es euch Kraft gibt und hilft, Sinn in eure eigene Geschichte zu bringen. Gehet hin und erzählt sie weiter.



Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)