Der neue Sammelband von John Brockman:
Welche wissenschaftliche Idee ist reif für den Ruhestand?

Es ist Zeit, dass die Wissenschaftler die Theorie, dass Gott und Religion in unserem Gehirn fest verdrahtet sind, in den Ruhestand schicken. Wie jedermann unterliegen auch Wissenschaftler kognitiven Verzerrungen, die ihr Denken auf den Versuch ausrichten, weitverbreitete Überzeugungen zu erklären. Daher steht es uns gut an, die langfristige Perspektive einzunehmen und die heutige Zeit mit beispielsweise der Zeit vor einem halben Jahrtausend zu vergleichen, als der Glaube an Gott nahezu 100 Prozent ausmachte, oder mit den Jäger- und Sammlerstämmen unserer paläolithischen Vorfahren, die, obwohl sie eine Menge abergläubischer Rituale hatten, nicht an einen Gott glaubten oder eine Religion praktizierten, die auch nur entfernt den Gottheiten oder Religionen moderner Völker ähnlich ist.
Das deutet darauf hin, dass der religiöse Glaube an Gott ein Nebenprodukt anderer kognitiver Prozesse (z.B. die Feststellung von Täterschaft) und kognitiver Neigungen (das Anschlussbedürfnis) ist, die, wenngleich sie fest verdrahtet sind, durch Vernunft und Wissenschaft auf dieselbe Weise ausgelöscht werden können wie jedes beliebige andere abergläubische Ritual und jeder Glaube an etwas Übernatürliches, der einst von den gebildetsten Gelehrten und Wissenschaftlern Europas vor fünf Jahrhunderten aufrechterhalten wurde. Beispielsweise war die vorherrschende Theorie zur Erklärung von Missernten, Anomalien des Wetters, Krankheiten und verschiedenen anderen Übeln und Missgeschicken Hexerei, und die Lösung bestand darin, Frauen auf Scheiterhaufen zu binden und sie zu verbrennen. Heute glaubt das kein vernünftiger Mensch mehr. Mit dem Aufkommen eines wissenschaftlichen Verständnisses von Landwirtschaft, Klima, Krankheit und anderen Kausalfaktoren - einschließlich der Rolle des Zufalls - wurde die Hexentheorie der Kausalität nicht mehr benutzt.
So war es und wird es auch weiterhin anderen Formen der Vorstellung »fest verdrahtet = dauerhaft« ergehen, z.B. mit Bezug auf Gewalt. Wir mögen zwar eine feste Verdrahtung für Gewalt haben, aber wir können sie durch wissenschaftlich getestete Methoden beträchtlich abschwächen. So sage ich für meinen vorliegenden Testfall voraus, dass in weiteren 500 Jahren die Gott-Theorie der Kausalität nicht mehr benutzt werden wird und dass die wissenschaftliche Theorie des 21. Jahrhunderts, dass Gott in unserem Gehirn als dauerhaftes Merkmal fest verdrahtet ist, in den Ruhestand gehen wird.
(Michael Shermer)

Ironischerweise hat sich die Wissenschaft in ihrer Bestrebung, sich selbst als die höchste Form weltlicher Erkenntnis zu beweisen, zu einer Theologie erhöht.
(Ian Bogost)

Was in der Ruhestand geschickt werden muss, ist der Glaube, dass das, was Wissenschaftler sagen, objektive Wahrheiten sind, wobei die Wirklichkeit von wissenschaftlichen Behauptungen unabhängig ist.
(Mihály Csíkszentmihályi)


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)