Der neue Roman von T. C. Boyle:
Das Licht

Die Massen der Menschen, die ein Leben voll stiller Verzweiflung lebten und nie auf den Gedanken kamen, dass es jenseits von Arbeit und Schlaf und dem, was ihre beschränkten Sinne ihnen von der Wiege bis zur Bahre in einer unaufhörlichen Schleife zeigten, noch etwas geben könnte.

Er glaubte nicht an die Existenz Gottes, denn Gott erschien ihm nicht plausibel, und was er von einigen am Institut für Psychologie hörte, erschien ihm noch weniger plausibel, sofern das überhaupt möglich war. Vernünftige Leute, Doktoranden, kein bisschen weniger engagiert und strebsam als er selbst, schienen plötzlich nicht mehr imstande, über irgendwas anderes zu reden als das Einssein allen Seins und das Angesicht Gottes, als wären sie keine Wissenschaftler, sondern Mystiker. Er hatte kein Doktorandenstudium begonnen, um mit Gott Bekanntschaft zu machen, mit Mystizismus oder Bewusstseinserweiterung oder wie immer sie es nennen wollten.

Er dachte nach und erkannte, dass er eine universelle Wahrheit entdeckt hatte, die universelle Wahrheit, denn wenn Gedanken nicht stofflich waren, wenn alles Geist war und Gott nur ein Konstrukt, dann war Ficken – Sex, Fortpflanzung, die generationelle Wiedererschaffung eines Körpers, der dem Geist eine Heimat sein konnte – die Grundlage von allem.

Er hatte Angst, nichts als schreckliche Angst. Es gab keinen Gott, diese Gewissheit war das Fundament seiner Welt, doch jetzt betete er "Unser Vater im Himmel", die Anrufung aus den Tagen seiner katholischen Kindheit, bis er in die Reptilienaugen des Teufels starrte, irgendeines Teufels, aller Teufel, und schließlich in das Nichts, das älter war als alles Bewusstsein und dieses Bewusstsein unweigerlich irgendwann wieder auslöschen würde.

Er sah besser aus denn je in seiner engen, weißen Chinohose und dem blauen Hemd, dessen Kragen geöffnet war, so dass man das goldene Kreuz sehen konnte, das er sich in Mexiko zugelegt hatte, zum Gedenken an eine tote Religion, wie er sagte.

Es war kein Mond am Himmel, um ihr zu leuchten, nur der ferne, bleiche Schimmer der Sterne, die Gott zum Zeichen Seiner Grenzen in den Himmel gesetzt hatte.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)