Der neue Roman von Alain de Botton:
Der Lauf der Liebe

Für den Romantiker ist es vom flüchtigen Eindruck eines Fremden nur ein winziger Schritt zu der überzeugenden Schlussfolgerung, dass er oder sie eine umfassende Antwort auf die unausgesprochenen Fragen des Daseins bereithält. [...] Den romantischen Glauben muss es schon immer gegeben haben, aber erst [...] seit jüngster Zeit wird der Suche nach einem Seelenverwandten ähnlich viel Bedeutung wie dem Sinn des Lebens beigemessen. Ein Idealismus, der zuvor Göttern und Geistern galt, richtet sich nun auf die Menschen – eine scheinbar großzügige Geste, die doch zugleich mit unerträglichen und herben Konsequenzen einhergeht, denn für niemanden ist es leicht, ein Leben lang den Idealen zu entsprechen, die er oder sie für einen fiktiven Beobachter gegenüber auf der Straße, im Büro oder auf dem Nebensitz im Flugzeug repräsentiert hat.

Dank des Christentums herrscht in der westlichen Welt die Meinung, Sex ohne Liebe sei nicht zulässig. Die Religion besteht darauf, dass zwei Menschen, die füreinander gedacht sind, ihren Körper und ihre Blicke exklusiv dem Partner vorbehalten. Sexuelle Gedanken gegenüber Fremden zu haben zerstört den wahren Geist der Liebe und verrät Gott und die eigene Menschlichkeit. Solche rührenden kategorischen Grundsätze haben sich mit dem Niedergang des Glaubens, der sie ehemals stützte, nicht ganz aufgelöst. Unabhängig von ihrem explizit theistischen Begründungszusammenhang sind sie in der Ideologie der Romantik aufgegangen, die das Konzept von sexueller Treue ähnlich konstituierend für die Liebe versteht. Auch in der säkularisierten Welt gilt, dass emotionale Hingabe und Tugend letztlich nur in einer monogamen Beziehung zum Ausdruck kommen können. Auch heutzutage werden die alten religiösen Positionen prinzipiell noch aufrechterhalten: der Glaube, dass wahre Liebe vorbehaltlose sexuelle Treue bedeutet.

Die Versuchung ist immer groß, Autonomie und Unabhängigkeit übertrieben wichtig zu nehmen, und so bringen Kinder uns zum Glück in Erinnerung, dass am Ende niemand "selbstgemacht" ist; wir stehen alle zutiefst in der Schuld von anderen. Wir merken, dass das Leben – im wörtlichen Sinn – von der Liebesfähigkeit abhängt.

Das oberflächlich irrationale, unreife, bedauernswerte und dennoch gängige Verständnis in der Liebe ist, dass der Mensch, dem wir uns verschrieben haben, nicht nur der Mittelpunkt unseres emotionalen Lebens ist, sondern auch, und zwar auf merkwürdige, objektiv gesehen verrückte und zutiefst ungerechte Weise, für alles verantwortlich, was uns zustößt, im Guten wie im Bösen. Darin liegt das sonderbare und abartige Privileg der Liebe.

Nett zu sein ist nicht langweilig; es ist eine enorme Errungenschaft, die neunundneunzig Prozent der Menschheit von Tag zu Tag nicht hinbekommt.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)