Das jüngste Buch von Karl Heinz Bohrer:
Jetzt – Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie

Als in Köln die Bombennächte einsetzten, hatte ich, als Pfarrer verkleidet, vom Jesuskind und von Gott gepredigt, ganz meiner Phantasie hingegeben.

In meiner Begierde nach dem, was man das "höhere Leben" nennt, lag ein verkappter religiöser Affekt. War auch bei mir immer noch die Messdienerzeit spürbar?

Je mehr ich in Walter Benjamins Werk las, desto stärker wurde die Anziehungskraft seiner Texte. Denn seine Texte waren keineswegs materialistisch, sie waren spirituell!

Als Junge hatte ich am Weihnachtsabend angesichts der Bilder von Engeln und bei den Marienliedern erotische Gefühle gehabt. Das wiederholte sich jetzt.

Die intellektuelle, die philosophische Leere, die in die einschlägigen europäischen Salons und Universitäten eingezogen ist, ist doch unbestreitbar. Und diese Leere hat etwas so Hilfloses gegenüber dem tatkräftigen Fanatismus des radikalen Islamismus.

Erst wenn die Begriffe sich allzu sehr auf die Brust schlagen und sagen: Wir erkennen das, was ist!, nerven sie mich.

Dieter Henrichs Heftigkeit gegen mein Theorem vom selbstreferentiell Phantastischen war so heftig gewesen, weil ihm wohl schwante, dass das, was er forderte, letztlich nicht mehr theoretisch begründbar war. Da er ein mit allen Wassern der Erkenntniskritik gewaschener Denker war, musste seine Heftigkeit in einem unüberwindbaren emotionalen Apriori ihren Grund haben. Er wäre mir wahrscheinlich an den Kragen gegangen, hätte ich gesagt, Hölderlins Berufung der griechischen Götter habe ihren Grund darin, dass er noch einmal Pindars erhabene Sprache unter modernen Bedingungen hatte erproben wollen. Mit idealistischer Geschichtsphilosophie oder Theologie habe das nichts zu tun. Ja, Henrich selbst musste ein gottgläubiger Mensch sein. War er tatsächlich religiös? Ging er in die Kirche? Jedenfalls dachte er theologisch. Und das war der Abgrund zwischen ihm und der modernen Literatur. Aber man konnte diese Differenz auch psychologisch-pragmatisch erklären. Liefen nicht alle, auch die theoretischen, gegensätzlichen Antworten auf ein psychologisch-anthropologisches Schon-Entschiedensein hinaus? Man sollte sich nichts vormachen. Es gibt prädeterminierte, unterschwellige Affinitäten bei jedem Einzelnen, die nicht auf Begründungen beruhen.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)