Der neue Roman von Laurent Binet

Am Anfang, bis ins 18. Jahrhundert, marschierten Philosophie und Wissenschaft Hand in Hand, im Wesentlichen, um den Obskurantismus der Kirche zu bekämpfen, und seit dem 19. Jahrhundert, mit der Romantik und dem ganzen Kram, fing man allmählich an, sich auf den Geist der Aufklärung zu besinnen, und es waren die Philosophen in Deutschland und Frankreich (nicht aber in England), die daraufhin zu lehren begannen, dass Wissenschaft nicht in der Lage ist, hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen. Die Wissenschaft kommt auch nicht hinter das Geheimnis der menschlichen Seele. Allein der Philosophie steht es an, dies zu übernehmen. Und mit einem Mal erwies sich die Kontinentalphilosophie als Feind nicht nur der Wissenschaften, sondern auch ihrer Grundsätze: Klarheit, intellektuelle Redlichkeit, Beweisführungskultur. Sie wurde immer esoterischer, immer mehr freestyle, immer spiritualistischer (außer der marxistischen Philosophie), immer vitalistischer (z.B. mit Bergson). Und das gipfelte in Heidegger: Als (im vollen Wortsinn) reaktionärer Philosoph kommt er zu dem Schluss, dass die Philosophie seit Jahrhunderten auf dem Holzweg sei und dass man sich auf die Grundfrage schlechthin besinnen müsse, die Frage nach dem Sein, und so verfasst er Sein und Zeit, das Buch, mit dem er das Wesen des Seins erforschen will. Natürlich hat er es nie herausgefunden, haha, aber was soll's. Jedenfalls war er es, der sie alle inspiriert hat, diese Philosophen mit ihrem nebulösen Stil, voller komplexer Neologismen, verdrehter Reflexionen, hinkender Vergleiche und waghalsiger Metaphern, deren Erbe inzwischen Derrida angetreten hat. Während die Engländer und Amerikaner einer wissenschaftlicheren Vorstellung von Philosophie treu geblieben sind. Das nennt man dann analytische Philosophie.

Der nächste Wettkampf hieß: "Cattolicesimo e marxismo". (Der Italien-Klassiker.) Der erste Kämpe spricht vom heiligen Franz von Assisi, von den Bettelorden, von Pasolinis Das 1. Evangelium - Matthäus, von den Arbeiterpriestern, von der Befreiungstheologie in Lateinamerika, von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel und kommt zu dem Ergebnis, dass Jesus der erste echte Marxist-Leninist war. Triumphgeheul im Saal. Der zweite Kämpe hat gut reden von Opium für das Volk, von Franco und dem Spanischen Bürgerkrieg, von Pius XII. und Hitler, von abgekartetem Spiel zwischen Vatikan und Mafia, von Inquisition und Gegenreformation, von den Kreuzzügen als der Blaupause für jeglichen imperialistischen Krieg, von den Prozessen gegen Jan Hus, Giordano Bruno und Galilei. Es hilft alles nichts. Das Auditorium fängt Feuer, die Zuschauer erheben sich und der erste Kämpe gewinnt drei zu null.

Buch-Religionen haben unsere Gesellschaften geformt, und wir haben die Texte heiliggesprochen: Gesetztafeln, die Zehn Gebote, Tora-Rollen, die Bibel, der Koran und so weiter. Es musste in Stein gemeißelt sein, um Gültigkeit zu haben. Ich nenne das: Fetischismus. Ich sage dazu: Aberglaube. Ich bezeichne das als die Wiege des Dogmatismus.

Das Schriftliche ist der Tod. Texte gehören in Schulbücher. Nur in der Verwandlung durch die Rede gibt es Wahrheit, nur der mündliche Ausdruck reagiert rasch genug, um das reale Tempo des fortschreitenden Denkens wiederzugeben. Die Mündlichkeit ist das Leben.

Ihr armen Kleingeister unter den französischen Denkern habt eine beschränkte Weltsicht, die sich nur aufs Intime bezieht, diesen höchst schäbigen, konventionellen, banal egozentrischen Raum. Nichts Rätselhaftes, kein Mysterium - die Mutter aller Antworten ist die Mutter. Das zwanzigste Jahrhundert hat uns von Gott befreit und die Mutter an seine Stelle gesetzt. Was für ein Deal.

Ein Mensch hat den Titel des Intellektuellen verdient, wenn er zur Stimme der Sprachlosen geworden ist.

Alle Taten der Entheiligung sind entscheidende Taten für die menschliche Befreiung. Mit seinem Willen, zu enthüllen, zu erläutern, ans Licht zu bringen, erklärt der Intellektuelle dem Heiligen den Krieg. Insofern ist er immer ein Befreier.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)