Die neue Kurzgeschichtensammlung von Lucia Berlin:
Was ich sonst noch verpasst habe

Ich kam nicht in den Himmel, weil ich eine Protestantin und weder getauft noch gefirmt war. Ich würde in den Limbus kommen. Ich wäre lieber in die Hölle als in den Limbus gekommen, was für ein hässliches Wort, wie Bimbo oder Klimbim, ein Ort ohne jede Würde.

Die Welt dreht sich einfach weiter. Nichts ist besonders wichtig, weißt du? Ich meine, wirklich wichtig. Aber manchmal, nur sekundenlang, überkommt dich diese Gnade, dieser Glaube, dass es doch wichtig ist, ungeheuer wichtig. ... Manche Menschen würden in so einem Moment ein Gebet sprechen, niederknien. Sie würden ein Loblied singen. Höhlenmenschen hätten vielleicht getanzt. Wir liebten uns.

Ich wollte nicht bloß, dass meine Mutter mir glaubte, wenn ich unschuldig war ..., sondern ich wollte, dass sie hinter mir stand, wenn ich schuldig war.

Oh, was tun wir nicht alles für ein bisschen Trost.

Ich habe noch nie verstanden, warum so viele unbelesene Leute so häufig in der Bibel lesen.

Was, wenn Jesus auf dem elektrischen Stuhl getötet worden wäre? Statt der Kreuzanhänger würden alle Stühle um den Hals tragen.

Unsere Mutter gab der katholischen Kirche die Schuld daran, dass die Leute so viele Kinder haben. Sie sagte, die Päpste hätten das Gerücht in die Welt gesetzt, Liebe würde die Menschen glücklich machen.

Ich war auf der vorderen Veranda, als ich die Krähen im Ahorn zum ersten Mal sah. ... Normalerweise sitze ich auf der Veranda hinterm Haus ... Was mich stört, ist, dass ich die Krähen nur zufällig bemerkt habe. Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?
Das sind sinnlose Fragen. Ich habe nur deshalb so lange gelebt, damit ich meine Vergangenheit loslasse. Die Tür verschließe vor Trauer vor Reue vor einem schlechten Gewissen. Würde ich sie öffnen, nur einen selbstvergessenen Spalt, klatsch, flöge sie auf ein Sturm von Schmerzen zerreißt mir das Herz vor Scham nimmt es mir die Sicht Tassen und Flaschen zerbrechen Krüge zerschellen Fenster bersten blutig stolpere ich über verschütteten Zucker und Scherben aus Glas panisches Würgen, bis ich mit einem letzten Beben und Schluchzen die schwere Tür wieder schließe. Die Scherben aufsammle, noch einmal.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)