Die Autobiografie von John Lydon:
Anger is an Energy

Als ich fünf Jahre alt war, durfte ich endlich auf die Grundschule Eden Grove gehen, eine katholische Schule ... Eden Grove war eine kleine Schule mit direktem Anschluss an eine katholische Kirche - alle Klassen im Obergeschoss waren über einen Durchgang mit der Kirche verbunden, und die im Erdgeschoss über einen Innenhof. An der Kirche führte praktisch kein Weg vorbei, alles war total frömmlerisch. Egal, was man auch tat, es war falsch, und Gott bestrafte einen irgendwann dafür - was für eine bescheuerte Einstellung. Auf solche Bosheit war ich im Alter von fünf nicht vorbereitet.
Geistliche haben mich immer verschreckt. Als Kind hatte ich entsetzliche Angst, in die Kirche zu gehen. Die Priester wirkten auf mich wie Dracula oder andere Gestalten aus den Horrorfilmen der Hammer-Studios. Christopher Lee! Sie hatten immer so eine dogmatische, diktatorische Art, und dazu diese hochfahrende Missbilligung. Die Nonnen waren noch schlimmer. Müffelnde alte Frauen, von Menschenhass zerfressen. Bräute Christi? Ich bin sicher, er hat sich was Besseres erhofft.
Viele der Ansässigen waren von den irischen Zuwanderern schon nicht begeistert gewesen. Aber was ihnen überhaupt nicht passte, war eine katholische Schule, nebst Kirche, inmitten ihrer schönen Sozialwohnungen. Für sie war das vermutlich so wie heute für viele der Bau einer Moschee, etwas bedrohlich Fremdes. Man galt für sie als Außenseiter, wenn man irgendwas damit zu tun hatte.

Mum und Dad versuchten religiös zu sein, aber das klappte eindeutig nicht allzu gut. In der katholischen Kirche dreht sich alles ums Geld, und wir hatten nun mal keins. An Sonntagen wurden wir in die Messe geschleift. Aber Mum und Dad ersparten uns, solange wir noch klein waren, netterweise die Frühmesse und gingen immer erst abends um sieben. Was ich großartig fand, denn auf diese Weise mussten wir nicht Stars On Sunday mit Jess Yates im Vorabendprogramm anschauen.
In der Schule fand ich selbst schnell heraus, wie der Hase lief. Ob ich wusste, dass es dort sexuellen Missbrauch gab? Oh ja, aber ab-so-lut. Institutionalisierter Missbrauch, vertuscht und geduldet. Alle verdrückten sich schnell, wenn der Pastor auf Stippvisite kam, und unter allen Umständen musste man sich vom Chor oder irgendwelchem Messdiener- Stuss fernhalten, denn das war der Direktkontakt Nummer eins. Deswegen lernte ich, absichtlich falsch zu singen, denn sonst hätte ich in etwas Unschönes reingeraten können. Die Liebe zum Singen wurde mir also von dämlichen Priestern ausgetrieben.

Ich freute mich richtig auf die weiterführende Schule ... Ich kam auf die William of York, noch so ein katholischer Laden ... Priester gab es keine, aber ab und zu kam einer zur Aushilfe in Mathematik. Wie immer rieben sie uns dieses Chor-Ding unter die Nase, von dem ich mich schön fernhielt. Echt, Katholizismus ist der Tod für potenzielle Sänger, dagegen müsste man wirklich was unternehmen.

Die zahllosen Fehlgeburten förderten nicht gerade Mums Gesundheit. Mit Empfängnisverhütung hatten die Leute damals nicht viel am Hut. Im Gegenteil, das hätten sie als Todsünde betrachtet, wie es ihnen von oben eingetrichtert worden war - katholische Priester machen dich zur Gebärmaschine.

Jesus Christus und ich konnten uns gut daran erinnern, was von der Kanzel auf unsere Häupter niederging, als wir klein waren - dass wir wertlose, sündige Heiden sind und in die Hölle kommen. Darauf liefen die meisten dieser Predigten hinaus. Dann noch ein paar schief gesungene Kirchenlieder, und das war's. Ein rundum verschwendeter Sonntag.
Alles Dämonische kommt aus der Religion, und der katholische Glaube ist der schlimmste Dämon überhaupt.

Ich lehne Religion vollkommen ab. Religion ist Dummheit, ein Bluff, ein Schwindel und für ungeheure Tragödien verantwortlich. Ich kann darin nichts Gutes sehen. Es muss endlich Schluss damit sein, Menschen derart zu verschaukeln. Den Herrschenden ist das natürlich recht. Du kommst nicht auf die Idee zu denken, sondern nimmst dumpf alles hin.

Allah wäre entsetzt darüber, wie manche seiner heutigen Anhänger seine Botschaft auslegen. Ich will es so sagen: Allah ist mein Freund und Jesus ebenso. Ernsthaft, denn das ist es, worum es den Religionen angeblich geht, eine Welt friedlichen Miteinanders. Doch diese Botschaft wurde verdreht und entstellt als Rechtfertigung für Krieg, Missbrauch und gegenseitige Ausrottung.

Wenn ich das Neueste aus der Hirnforschung oder etwas über die rein naturwissenschaftliche Auffassung vom menschlichen Leben lese, muss ich sagen: Ich weiß, dass da noch mehr dahintersteckt. Die individuelle Persönlichkeit, der Wesenskern, das ist nicht bloß eine Abfolge chemischer Prozesse - es gibt ein Herz und eine Seele, über die reine Mechanik der weichen Maschine Mensch hinaus.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)