Das Tagebuch von Paul Adenauer


Vorstellung des Buches auf der Webseite des Verlages

8. Juli 1962
Nach meinem Empfinden lebt die Kirche bereits am Leben des Volkes vorbei. Man hinkt nach, man lebt ein gewisses Eigenleben oder Sonderleben. Ich glaube, dass dies nicht der Sinn der Worte vom Sauerteig und vom Licht der Welt ist und dass es erst recht nicht im Sinne der völligen Fortsetzung der Menschwerdung unseres Herrn ist.

14. Juli 1962
[...] Noch eine unangenehme Nachricht: Karl Rahner soll nur noch mit höchster Genehmigung schreiben bzw. publizieren dürfen. Dagegen [kamen] von überall her Proteste, und ein Versuch, in Rom etwas dagegen zu tun. Die Sache ist auch peinlich.

31. Juli 1962
Vater schuftet Tag für Tag. Er kommt erst nach 9 Uhr nach Hause und ist wirklich hundemüde. Und in diesem Zustand fand er auf dem Schreibtisch heute Abend von mir angefertigt den Entwurf eines Briefes an Kardinal Bea mit der Bitte um Überprüfung der Vorzensur über Karl Rahner. Er hatte den Brief überflogen, brachte ihn mit an den Abendtisch, sofort exakt mit zutreffenden Korrekturen versehen. Ein kleines Beispiel der Schnelligkeit und Präzision seines Denkens, auch in einer solchen Ermüdung.

28. August 1962
Vater bestätigt die unangenehme Nachricht, dass Evangelische gegen eine EWG ohne England seien, da sie zu katholisch sei.

17. September 1962
Ich fahre nach Münster zur Bischofweihe von Höffner. [...] Im Sankt-Franziskus-Hospital spreche ich mit dem Direktor. Er zeigt sich als ein echter, rechter Westfale mit Herz und nüchternem Verstand. Tenhumberg wäre nie in Frage gekommen als Bischof, er organisiere zu viel, er lasse nichts richtig wachsen, er könne brutal vorgehen und wolle regieren. Es werde für den neuen Bischof sehr schwer sein, sich gegen ihn und die alten, harten Köppe im Domkapitel durchzusetzen. Hoffentlich fände er so viel Kontakt und Rückhalt im Volk, dass er das einsetzen könne. [...] Am nächsten Tag die Bischofsweihe. Noch nie habe ich das Geheimnis der Kirche eines Gebietes so erfasst, noch nie so sehr den unsichtbaren Herrn in allem Menschlichen gespürt. Mein Lehrer Höffner wie ein Agnus dei, so wird er hereingeführt, so steht er unter dem Amt. Und dann, als er spricht, welche Kraft, welche Klarheit. Und welch neues Verständnis des Amtes. "Ich bin euer Weggenosse", sagt er. "Ich bleibe Mensch und ringender Mensch wie ihr." Und der Schlusssatz: "Bischöfe kommen und gehen, Christus bleibt in Ewigkeit." Es überläuft mich, als ich ihn auf der Kathedra Platz nehmen sehe, diesen bescheidenen, schlichten Mann. Wie er auf einmal Christus in der Diözese, in dieser Diözese Münster mit diesem dort sichtbaren Domkapitel und diesen dort sichtbaren Weihbischöfen, repräsentieren muss, wie er Mitglied des Apostelkollegiums ist und demnächst in Rom da sein wird.

2. November 1963
[...] Heute früh kommen dann noch evangelische Kinder und singen ihm fromme Lieder. Er meinte, es sei sehr schön gewesen, nur habe er sich schließlich dann noch ein paar andere Lieder gewünscht. Das sei doch typisch evangelisch, in solch einem Fall nur fromme [Lieder] darzubringen.

14. März 1964
[...] Man weiß kaum noch einen einzigen Punkt zu nennen, an dem die CDU sagen könnte, dass sie wegen ihres christlichen Charakters für diese oder jene Maßnahme sei. Die CDU ist sich selbst dieser Unfähigkeit, von ihrem weltanschaulichen Boden her zu praktischen Fragen Stellung zu nehmen, kaum noch bewusst, und nur gelegentlich wird es noch von einigen Leuten, die weltanschaulich lebendig sind, als Mangel empfunden. [...] Vielleicht ist es wahr, wie Heinrich Ostermann SJ meint, dass auch in den echt katholischen Familien man nur damit noch die Leute vom Sozialismus abschrecken kann, dass man sagt und beweist, dass Herr Brandt ungeeignet und unfähig sei, nicht aber mehr aus weltanschaulichen Gründen. Vielleicht geht tatsächlich die Entwicklung dahin, dass das Weltanschauliche in der Politik mehr und mehr, wenigstens scheinbar und für die Meinungsbildung der Wähler, zurücktritt. Ostermann scheint dieser Meinung zu sein und sieht anscheinend den Auftrag der Kirche nicht mehr in einer Durchsetzung konkreter sozialer Anliegen, wobei ich mit "Kirche" nicht den Klerus meine, sondern vor allen Dingen die Laien der Kirche.

3. Juni 1965
Heute hat Kardinal Frings Vater besucht. [...] Man kommt auf das Konzil zu sprechen. Vater ist wie immer skeptisch. Er erzählt insbesondere von Kardinal Bea, der eine Verbindung zu den deutschen Sozialdemokraten sucht und gefunden habe. Man kommt auch auf Ehe und Familie zu sprechen. Der Kardinal meint, sein Professor Böckle gehe doch etwas zu weit. Es gäbe dann einen Dammbruch und kein Halten mehr. Keine Methode sei im Grunde dann mehr zu verwerfen, wobei er wohl etwas ganz Richtiges wittert, obwohl Böckle das nicht ausdrücklich sagt. Vater meint und Frings stimmt ihm darin zu, die Natur gehe doch ihre eigenen Wege, und es gäbe auch wieder Zeiten, wo eine große Zahl der Menschen sich ohne spezielle Planung verhalten werde, und werde einfach Freude am spontanen Verkehr haben, auch wenn mehrere Kinder daraus, ungewollt zunächst und unbeabsichtigt, hervorgingen, insbesondere wenn das wohnungsmäßig leichter sei und einkommensmäßig. Vielleicht läge in einer solchen Bevorzugung des Spontanen doch ein großer Wert.

19. Oktober 1965
Heute früh Pontifikalmesse mit Kardinal Jaeger in Deutsch, aber dabei doch noch Anziehen und Ausziehen der Pontifikalien. Vater neben Herrn Mende, der extra ein dickes Gebetbuch bei sich hatte und lauthals gesungen hat. Er habe das im Quickborn gelernt. Vater hat sich gefreut, dass die Leute vor dem Münster ihn mehr begrüßt haben als Lübke.

31. Dezember 1965
Vater erzählt von früher. Er erinnert sich, dass er 1880, als das Domfest war, der neue Dom eingeweiht wurde, an der Stelle des Zentralbahnhofes in Köln mit seinem Vater ging, als dort der Kaiser in einer Kalesche, Zweispänner offen, vorbeigefahren kam, vor ihm auf dem Bock ein Mann mit weißem Federbusch, dahinter der Kaiser mit seinem schönen, weißen Bart. Das habe ihm großen Eindruck gemacht. Später habe man aber unter ihresgleichen von Kaiser Wilhelm II. nichts mehr gehalten. Die Bindung an die Monarchie sei nur sehr lose gewesen, mehr durch die Person von Wilhelm I. Im Übrigen habe schon [ein] Lehrer namens Franz Petit ihnen gesagt, dass die Republik die bessere Staatsform sei, und das sei auch bei ihnen auf offenen Ohren gestoßen, weil am Rhein noch von Napoleons Zeiten her eine andere Art von Einstellung gegenüber den Preußen herrschte, insbesondere seit der Unterdrückung des Katholizismus durch die Preußen. Es habe ihn immer verletzt.

6. Januar 1966
Ich darf das Geburtstags-Messopfer darbringen. Es ist sehr bewegend, vorn vom Altar aus das Gesicht dieses Mannes zu sehen, wie er vor Gott kniet. Welcher Ernst liegt darauf! Wie gesammelt es ist! Ich denke daran, wie er doch seine Einstellung zu manchen Neuerungen geändert hat, wie er auch das Konzil positiver sieht. [...]
Ich treffe Bischof Kunst und Bischof Hengsbach, die beiden Militärbischöfe, und spreche mit ihnen. Bischof Hengsbach kommt sich fremd vor und verlassen. Er ist seit seinem Amtsantritt mehr in Rom als in Deutschland gewesen und kennt kaum noch jemanden. Er hat das Gefühl, dass die ganze Gesellschaft sich doch sehr gewandelt hat. Er fragt, was man noch tun könne miteinander, um die Gesellschaft vor den schädlichen Folgen des Wirtschaftswunders zu bewahren.


Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (MFThK)