Ehre, wem Ehre gebührt?! Straßennamen in der Diskussion

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Aktuell diskutierte Straßennamen

Wagenfeldstraße

Namensgeber: Karl Wagenfeld

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vergrößernEhrung Karl Wagenfelds, 16.09.1933

* 05.04.1869 in Lüdinghausen
† 19.12.1939 in Münster

Lehrer, Mundartdichter und Schriftsteller, Redakteur und Organisator des Westfälischen Heimatbundes


"Das neue Reich brachte meiner Forderung die Erfüllung."
(Karl Wagenfeld, 1938)



Empfehlung der Kommission Straßennamen

Die Kommission hat in ihrer abschließenden 4. Sitzung am 15. Juni 2011 zusammengefasst folgende Empfehlung abgegeben:

"Die Kommission empfiehlt einstimmig (bei 1 Enthaltung) die Umbenennung der Wagenfeldstraße. Maßgeblich für das Votum war, dass Wagenfeld sich aus voller Überzeugung, nicht aus opportunistischen Gründen, dem NS-Regime angedient hat. Auf seine Arbeit vor 1933 konnte die nationalsozialistische Ideologie aufbauen."

Die Bezirksvertretung Mitte fasste in ihrer Sitzung am 22. Mai 2012 den Beschluss zur Umbenennung der Wagenfeldstraße in Robert-Blum-Straße.


Karl Wagenfeld und der Nationalsozialismus

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vergrößernNSDAP-Parteibuch

27.04.1933: Eintritt in die NSDAP (Mitgliedsnummer 2496073)
Weitere Mitgliedschaften: Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV)

"Schulter an Schulter für unsere deutsche Sache arbeiten"
In einem Brief an seinen nationalsozialistischen Freund Heinrich Glasmeier begründete Wagenfeld seinen Eintritt in die NSDAP:
"Was ich da an Eindrücken gewonnen habe, hat mir die unbedingte Notwendigkeit klar gemacht, dass ich, wenn meine Lebensarbeit nicht geschädigt werden soll, unbedingt der N.S.D.A.P. beitreten muss. [...] Dass das keinen Gesinnungswandel bedeutet, wissen Sie. Wer in mir einen Konjunkturjäger sehen sollte, dem schlage ich [...] in die Fresse. [...] und hoffe, dass wir jetzt noch besser als früher Schulter an Schulter für unsere deutsche Sache arbeiten können." 
 


"Das neue Reich brachte meiner Forderung die Erfüllung."

Zitat aus einem von Karl Wagenfeld verfassten Lebenslauf: "Der deutsche Mensch als Träger deutschen Wesens muss Mittel und Endpunkt deutschen Heimatschutzes, deutscher Heimatschutz muss Volkssache werden. Das neue Reich brachte meiner Forderung die Erfüllung."
(Karl Wagenfeld, Bundesarchiv, Akte Reichsschriftumskammer, vermutlich 1938)


"Wir brauchen uns nicht umzuschalten"

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vergrößern'Die Westfälische Heimat', 1933

Dies bescheinigte Karl Wagenfeld dem Westfälischen Heimatbund am 22. April 1933. Nur einige Tage später erklärte er erneut: "Der Westfälische Heimatbund hat es nicht nötig 'umzuschalten', weil seine Arbeit stets im Sinne des neuen Reiches gewesen ist." Diese offensive Erklärung für den Nationalsozialismus war Ausdruck seines Selbstbewusstseins. Er erschien ihm als idealer Bündnispartner und Vollstrecker des eigenen Programms. Das war nicht falsch. Wagenfelds Anschauungen zeigten schon vor 1933 große Gemeinsamkeiten mit der Ideologie des Nationalsozialismus.

Diese Nähe lässt sich vor dem Hintergrund der um 1900 entstandenen Heimatbewegung verstehen. Wagenfeld war einer ihrer führenden geistigen Köpfe. Die Bewegung strebte eine geistig-kulturelle Erneuerung an und machte sich den Schutz der Heimat und des "westfälischen Volkstums" vor Modernismus, Industrialisierung und Verstädterung zur Aufgabe. Wagenfeld formulierte in seinen Schriften sein Bekenntnis "zum deutschen Wesen", zum Provinziellen und zu dörflich-bäuerlichen Lebensformen. Sein gesellschaftspolitisches Ideal umfassten Begriffe wie Familie, Stamm, Schollenverbundenheit, Besiedlung des Ostens. Nach 1933 griff er den NS-Jargon auf und sprach etwa von "Blut und Boden". Gemeinsam strebten Wagenfeld und die Nationalsozialisten die Schaffung einer gleichförmigen "Volksgemeinschaft" an. Seine katholisch geprägte, völkisch-konservative Weltanschauung wies ein hohes Anknüpfungspotential an die NS-Ideologie auf.


Rasseideologie

In Wagenfelds Denken und Schreiben fanden sich zeitgemäß schon vor 1933 Forderungen nach "Rassereinheit". Dafür plädierte er 1926/27 im Coesfelder Kreisheimatkalender. Er stellte dem "Rassengemisch der Großstadt" den "blonden Niederdeutschen" entgegen. Schon früh trat er ein für die Einhaltung eugenischer Regeln zum Schutz des "Stammes- und Blutserbes der Väter" gegenüber "Fremdrassigen". Die Gegner der Heimatbewegung und ihrer Ziele sah er teils in Angehörigen fremder Völker außerhalb der deutschen Grenzen, teils in "Fremdrassigen" innerhalb der deutschen Grenzen, die "das deutsche Gastrecht mißbrauchen". Mit letzteren gebe es "nur Kampf, Kampf bis zum sieghaften Ende".

Es gab aber auch gewisse Unterschiede beim Rassebegriff. Während der Nationalsozialismus aus vermeintlicher biologischer Minderwertigkeit die Vernichtung folgerte, sah Wagenfeld noch ein Veränderungspotential des "Minderwertigen" durch Erziehung. Die größte Differenz zwischen Wagenfeld und dem Nationalsozialismus bestand wohl darin, dass Wagenfelds Anschauungen ursprünglich christlich geprägt waren, während die Nationalsozialisten eher areligiös waren. Die Weltanschauung Karl Wagenfelds weist insgesamt jedoch mehr Anknüpfungspunkte als Unterschiede zur NS-Ideologie auf.


Beteiligung an nationalsozialistischer Propaganda

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vergrößernWestfalentag, 1933

Wagenfeld beteiligte sich an dem von ihm begrüßten Bündnis zwischen Heimatbewegung und Nationalsozialismus. Die propagandistische Ausrichtung des ersten Westfalentags nach der Machtübernahme 1933 lag ganz auf der Linie der Nationalsozialisten. Er stand unter dem Motto "Heimat und Reich". Bei zahlreichen Veranstaltungen wurde die gemeinsame Zielrichtung betont. Ohne die Beteiligung der NSDAP und des Provinzialverbandes wäre die geplante Massenveranstaltung nicht möglich gewesen. Deshalb forderte der Westfälische Heimatbund die Partei zur Mitorganisation auf. Die Veranstaltung bot das Forum zu einer Selbstinszenierung beider Organisationen. Seine Ansprache bei einer Massenkundgebung auf dem Hindenburgplatz beendete Wagenfeld mit den Worten:
"Herzlicher Dank unserem Führer, unserem Reichskanzler Adolf Hitler! Ihm, dem Volkskanzler, das Gelöbnis westfälischer Treue, ihm und seinem großen Werke ein frommes 'Guod help!' ein hoffnungsreiches 'Glückauf', ein mannhaftes 'Sieg Heil!'" (Münsterischer Anzeiger vom 18.09.1933)


Auftrag der SA der NSDAP Gruppe Westfalen zur Formulierung eines Spruches für die SA-Dolchklinge

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vergrößernSchriftwechsel mit der SA-Gruppe Westfalen

Im Nachlass von Karl Wagenfeld findet sich ein Schriftwechsel von drei Briefen aus dem Jahr 1934. An Wagenfeld wird die Bitte herangetragen, einen Spruch für die SA-Dolchklinge zu entwerfen. Wagenfeld drückt in seinem Antwortschreiben "eine grosse Freude" aus, "wenn es ihm vergönnt sein sollte, einen guten Spruch zu schaffen, der als Widmung bei der Verleihung der S.S.-Dolche zu verwenden wäre". Daraufhin dankt ihm der SA-Sturmbannführer dafür, dass er seine "bewährte Kraft der SA zur Verfügung stellen" wolle.


Wagenfeld-Ehrung

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vergrößernZeitungsbericht Wagenfeldehrung, 1933

Der Westfalentag 1933 wurde mit einer Karl-Wagenfeld-Ehrung im Friedenssaal eingeleitet. Damit stattete die nationalsozialistische Führung der Provinz Westfalen und der Stadt Münster Karl Wagenfeld ihren Dank ab. Die großzügige Ehrengabe sollte Wagenfeld in den Genuss eines eigenen Hauses (Görresstraße 1) bringen.
"Als Zeichen dieses Dankes hat der Provinzialausschuss dann Herrn Dr. Wagenfeld anschließend die Verleihung einer Ehrengabe an den Dichter beschlossen, die ihn zum Besitz eines eigenen Heimes auf eigener Scholle instand setzen soll."
Im Protokoll der Stadtverordneten-Sitzung vom 21.12.1933 ist vermerkt, dass die Gewährung einer jährlichen Ehrengabe von 450 Reichsmark an den "Westfälischen Heimatdichter Karl Wagenfeld einstimmig angenommen" worden sei. (Stadtverordnetenprotokolle Band XI)


Weitere Unterstützung für die Nationalsozialisten

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vergrößernWagenfeld-Erklärung, 1936

Noch nach seinem offiziellen Ausscheiden als Vorsitzender des Heimatbundes äußerte sich der von den Nationalsozialisten mehrfach ausgezeichnete und finanziell geförderte Wagenfeld in öffentlichen Erklärungen positiv und unterstützend zum nationalsozialistischen Regime. Mindestens bis 1936 sind Loyalitäts- und Unterstützungserklärungen für Hitler und das NS-Regime überliefert, die wohl auf Veranlassung regionaler NSDAP-Stellen erfolgten.

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Zur Person Karl Wagenfeld

Lebenslauf

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vergrößernKarl Wagenfeld

1886–1889: Lehrerseminar Warendorf

1889–1899: Volksschullehrer in Göttingen/Westf., Bockholt und Recklinghausen

Ab 1899: Lehrer an der Martinischule in Münster

Um 1900: Verfassung erster literarischer Werke in westfälischer Mundart und im Geist der Heimatbewegung. Bis ca. 1934 produziert er ein umfangreiches literarisches Werk.

1913: Anregung Wagenfelds zur Gründung des Westfälischen Heimatbundes (WHB)

1919-1925: Freistellung vom Schuldienst für sein Engagement im WHB

1925: einstweiliger und 1932 endgültiger Ruhestand

1926: 2. Vorsitzender des WHB
1933: 1. Vorsitzender des WHB

Begründer und Redakteur der Schrift "Heimatblätter der Roten Erde"

April 1934: Ablösung als Vorsitzender des Westfälischen Heimatbundes

1934: Krankheitsbedingter Rückzug aus der Arbeit des Westfälischen Heimatbundes


Ehrungen

1929: Ehrendoktorwürde der Universität Münster

1933: Ehrengabe der Provinz Westfalen: Wohnhaus in der Görresstraße

1939: 3. Westfälischer Literaturpreis zum 70. Geburtstag. Nationalsozialisten ehrten ihn damit als Geistesverwandten und Vorkämpfer.

1939: Ehrengabe Adolf Hitlers in Höhe von 1.000 Reichsmark

Nach 1945: Ehrung und Würdigung Wagenfelds vor allem als einer der größten niederdeutschen Heimatdichter in Westfalen

1949: Karl Wagenfelds-Gedächtnisfeier zum 80. Geburtstag

26.02.1951: Straßenbenennung

1954-1956: Herausgabe seiner zweibändigen „Gesammelten Werke“ durch Friedrich Castelle

1967: Benennung einer Realschule nach Karl Wagenfeld

  • Bekanntmachung der Stadt Münster, 9.4.1951:
    Begründung der Straßenbenennung (PDF, 625 kB)
    (...) die Bezeichnung 'Wagenfeldstraße' zur Erinnerung an Karl Wagenfeld, einen der tiefsinnigsten Dichter der plattdeutschen Sprache im nierderdeutschen Raum, der Mitbegründer und langjähriger Leiter des Westfälischen Heimatbundes in Münster war; (...)

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Quellen und Publikationen

Quellen:
Bundesarchiv Berlin (Ehem. BDC) RK/RSK II I 0595
LWL Archivamt für Westfalen, Bestand 702 Nr. 232 u. Nr. 479, Bestand 905 Nr. 94, Bestand 908 Nr. 258
Universitäts- und Landesbibliothek Münster, Nachlass Karl Wagenfeld 061,56; 061,58; 061,60; 061,61

Publikationen:

  • Karl Ditt, Raum und Volkstum. Die Kulturpolitik des Provinzialverbandes Westfalen 1923-1945, Münster 1988.
  • Karl Ditt, Die westfälische Heimatbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Heimatpflege in Westfalen 2/2001, S. 2-11.
  • Karl Ditt, Karl Wagenfeld 1869-1939. Dichter, Heimatfunktionär, Nationalsozialist? In: Matthias Frese (Hg.), Fragwürdige Ehrungen!? Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, Münster 2012, S. 179-232. (Freundlicherweise vorab zur Verfügung gestellt.)
  • Rainer Schepper, Karl Wagenfeld - ein Wegbereiter des Nationalsozialismus. Spuren eines deutschen Heimatdichters, in: Quickborn. Zeitschrift für plattdeutsche Sprache und Dichtung, 80, Nr. 2 (1990), S. 104-120.

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Adresse, Anfahrt, Öffnungszeiten

Wagenfeldstraße

Hausnummern: 39
gemeldete Einwohner: 161

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