Ehre, wem Ehre gebührt?! Straßennamen in der Diskussion

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Aktuell diskutierte Straßennamen

Pfitznerstraße

Namensgeber: Hans Pfitzner

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vergrößernGoethepreis an Hans Pfitzner, 1934

* 05.05.1869 in Moskau
† 22.05.1949 in Salzburg

Komponist und Dirigent


Hitler wollte Europa "einen großen Dienst leisten,
indem er alle Juden aus ihm vertriebe."
(Hans Pfitzner, 1946)



Empfehlung der Kommission Straßennamen

Die Kommission hat in ihrer abschließenden 4. Sitzung am 15. Juni 2011 zusammengefasst folgende Empfehlungen abgegeben:

"Die Kommission empfiehlt einstimmig die Umbenennung der Pfitznerstraße. Ausschlaggebend für die Empfehlung der Umbenennung war die Bewertung, dass der Komponist und Dirigent Hans Pfitzner eine Stütze des NS-Regimes im Bereich Kultur war und die höchsten Würden erreicht hat, die man in der NS-Kulturpolitik erreichen konnte."

Die Bezirksvertretung Mitte fasste in ihrer Sitzung am 22. Mai 2012 den Beschluss zur Umbenennung der Pfitznerstraße in Margarete-Moormann-Weg.


Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus

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vergrößernPfitzner Widmung an Benito Mussolini, 1934

Politische Mitgliedschaften
1936: Ernennung zum Reichskultursenator
Seit September 1942: Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt

"Deutschester aller lebenden Komponisten"
Pfitzner fühlte sich von den Mächtigen des nationalsozialistischen Regimes nicht ausreichend wahrgenommen und hofiert. Er schrieb zahlreiche Briefe, in denen er Werbung für sich als den "deutschesten aller lebenden Komponisten" machte. (Adamy Bd. 1, Brief Nr. 592)

So bedauerte Pfitzner in einem Brief an Staatskommisar Hinkel vom 6.9.1933 dessen Fernbleiben von einer Neuinszenierung des "Palestrina". Der Komponist war davon ausgegangen, dass die Inszenierung "ein Ereignis bilden würde gerade für das neue Deutschland, dem ich durch mein Leben, Schaffen, Wirken und Schreiben geistig schon angehört hatte, längst ehe es auch nur geahnt werden konnte." (Adamy Bd. 1, Brief Nr. 604).

Einige Male wandte sich Pfitzner auch an Hitler persönlich und warb für seine Inszenierungen. Einen Brief vom 21.11.1933 schloss er mit den Worten: "Ich glaube nicht, dass Sie es bereuen würden, mich durch eines meiner großen Werke kennenzulernen und darf wohl glauben, dass ich es verdiene, von Ihnen gekannt zu sein. Mit Verehrung und Bewunderung, Hans Pfitzner." (Busch, S. 139).

Pfitzner komponierte keine Werke in eindeutiger NS-Linie, aber er setzte seine Kompositionen bewusst im Sinne der herrschenden Weltanschauung in Szene, was insbesondere für seine 1921 entstandene "Kantate von deutscher Seele" gilt. Er scheute sich nicht, in den besetzten Gebieten, vor allem im polnischen Generalgouvernement aufzutreten und wohnte auch mehreren Inszenierungen seines "Palestrina" im besetzten Ausland bei, z. B. in Paris im Jahr 1942. Einen Klavierauszug seines Hauptwerkes widmete er 1934 "seiner Excellenz Benito Mussolini".

In der Zeit des Nationalsozialismus erhielt der Komponist eine ganze Reihe von Ehrungen. Sein Name erschien sogar auf einer Sonderliste Hitlers der drei wichtigsten Musiker der "Gottbegnadeten-Liste" (Klee, S. 456). Dennoch blieb insgesamt die Aufmerksamkeit, die die Mächtigen des Regimes – vor allem Hitler und Goebbels – dem Komponisten entgegen brachten, weit hinter dem zurück, was Pfitzner sich erhofft hatte.


"Das unsterbliche Verdienst unseres Führers Adolf Hitler"

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vergrößernWahlaufruf Pfitzners, 1936

Zu verschiedenen Anlässen ließ die NSDAP Wahlen und Abstimmungen durchführen, um den Schein einer demokratischen Legitimation zu wahren. Pfitzner beteiligte sich mehrfach mit öffentlichen Aufrufen an der Wahlpropaganda des Regimes. So zum ersten Mal bei der Volksabstimmung im August 1934 als Hitler nach dem Tod Hindenburgs auch das Amt des Reichspräsidenten übertragen werden sollte.

Zur Reichstagswahl 1936 pries Pfitzner in der Presse "das unsterbliche Verdienst unseres Führers Adolf Hitler, dessen Weitblick zu folgen die einfache Pflicht jedes Deutschen ist. Darum ihm am 29. März unsere Stimme!" (Völkischer Beobachter vom 27.03.1936, S. 8). Einen ähnlichen Aufruf verfasste Pfitzner vor der Volksabstimmung über den "Anschluss" Österreichs 1938, denn: "Die Vereinigung Deutschlands und Österreichs war schon immer mein Wunsch!" (Berliner Lokal-Anzeiger vom 05.04.1938). Mit zunehmender Dauer der nationalsozialistischen Herrschaft und nach Ausbruch des Krieges veröffentlichte er keine Sympathiebekundungen für das Regime mehr. Als er jedoch 1942 zu einem Beitrag für das Buch "Wir stehen und fallen mit Adolf Hitler" aufgefordert wurde, widersetzte er sich nicht (Busch, S. 147).
Es sind jedoch auch öffentliche, abwertenden Bemerkungen oder Witze Pfitzners über Hitler überliefert, die über das rein Anekdotische hinausgehen (Busch, S. 353). Pfitzner scheint keine vollkommen konsequente Position zum Dritten Reich eingenommen zu haben.


Antisemitismus

Antisemitische Äußerungen Pfitzners liegen vor der NS-Zeit, während aber auch noch nach 1945 vor. Bereits 1919 schrieb der Komponist, dass "deutsche Arbeiter, deutsches Volk sich von russisch-jüdischen Verbrechern anführen ließen". (Pfitzner 1926, S. 244). So konnte Pfitzner in einem Interview 1933 über sich behaupten: "Ich habe Zeit meines Lebens in diese Kerbe gehauen, die heute als theoretische Voraussetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung gilt." (N.N., S. 193).
In seinem Antisemitismus unterschied Pfitzner jedoch allgemein zwischen dem Judentum und jüdischen Individuen. So setzte sich der Komponist während der nationalsozialistischen Herrschaft wiederholt für jüdische Freunde ein. Er schrieb Briefe wie jenen an den Stadtverordneten Heinrich König zu Gunsten seines Schülers Felix Wolfes, der ein ausgezeichneter Musiker und Dirigent sei "obgleich er Jude ist" (Adamy Bd. 1, Brief Nr. 589). Eine Kopie des Briefes schickte Pfitzner direkt an Adolf Hitler. Auch in den späteren Jahren des NS-Regimes solidarisierte sich Pfitzner mit ähnlichen Schreiben und Empfehlungen mit verfolgten jüdischen Menschen aus seinem Bekanntenkreis (Busch, S. 120).

Abgesehen von diesen Einzelfällen war Pfitzners Interesse am Umgang der Nationalsozialisten mit Juden im Allgemeinen nicht besonders ausgeprägt (Busch, S. 371). Dass seine Freundschaften zu jüdischen Menschen seinen generellen, rassistischen Antisemitismus nicht veränderten, zeigte sich spätestens nach 1945.


"Polenschlächter" Hans Frank als Förderer

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vergrößernEntwurf der Verleihungsurkunde des Wartheländischen Kulturpreises an Pfitzner, 1942

Der Komponist pflegte ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zu Hans Frank, der als Generalgouverneur in Krakau verantwortlich für die Ermordung zehntausender Menschen war und als "Polenschlächter" bekannt wurde. Unter den mächtigen Vertretern des Dritten Reiches scheint Frank einer der größten Verehrer und Förderer Pfitzners gewesen zu sein. (Busch, S. 243)

Mindestens drei Besuche Pfitzners im Generalgouvernement sind belegt. Ein erster, bei dem er im November 1942 den Wartheländischen Kulturpreis erhielt, ein zweiter im Juli 1944 sowie ein dritter im November/Dezember desselben Jahres. Für diesen letzten hatte Pfitzner die "Krakauer Begrüßung" komponiert, die er Hans Frank widmete und die am 2.12.1944 in Krakau aufgeführt wurde.

Hans Frank wurde im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess angeklagt, 1946 verurteilt und hingerichtet. Pfitzner, der sich dem Freund auch nach Ende des Krieges verbunden fühlte, sandte ihm im Oktober 1946 ein Telegramm ins Gefängnis: "Lieber Freund Frank, nehmen Sie diesen herzlichen Gruß als Zeichen der Verbundenheit auch in schwerer Zeit. Stets Ihr Dr. Hans Pfitzner" (Adamy Bd. 1, Brief Nr. 949)

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Hans Pfitzner nach 1945

"Das Weltjudentum ist ein Problem"

Nach dem Ende des Krieges fand sich Pfitzners Name kurzzeitig auf der von den Amerikanern erstellten "schwarzen Liste", einer Liste mit Namen von Künstlern, die das Münchener oder sogar deutsche Kunstleben aktiv (oder gar gewaltsam) im Sinne des NS-Regimes umgestaltet hatten. Die Amerikaner belegten ihn zwar mit keinem generellen Aufführungs- und Publikationsverbot. (Busch: S. 345). Jedoch wurden seine Einnahmen aus der STAGMA (Vorläuferin der GEMA) vorerst gesperrt. Im Spruchkammerverfahren im Frühjahr 1948 wurde der Künstler dann freigesprochen mit der Begründung, er sei "vom Gesetz [zur Entnazifizierung] nicht betroffen".

Zwei zentrale Dokumente zeigen, wie wenig Pfitzner anscheinend nach 1945 Abstand von alten Ideologien und Feindbildern nahm. Zum einen verfasste er die "Glosse zum II. Weltkrieg", in der er den Zweiten Weltkrieg als unausweichliche Folge einer "Lügen- und Greuelpropaganda" gegen Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg darstellte. Pfitzner schrieb, er glaube "heute noch an die bona fides, den guten Glauben Hitlers". Jener habe richtig gehandelt, Europa von den Juden befreien zu wollen, denn "das Weltjudentum ist ein Problem". Lediglich die stümperhafte Durchführung seiner Ideen könne man Hitler vorwerfen. Auf keinen Fall jedoch sei es richtig, Hitler mit 'den Deutschen' gleichzusetzen, die immer noch als "edles Volk" in der Welt stünden.

Eine ganz ähnliche Argumentation findet sich auch in einem Brief Pfitzners an seinen jüdischen Freund Bruno Walter, der nach New York emigriert war. Auf dessen Nachfrage, wie es ihrem gemeinsamen Freund Cossmann ergangen sei, hatte Pfitzner geantwortet, er sei verstorben "an einer Krankheit im Krankenhause in Theresienstadt unter guter, ärztlicher Behandlung." Anderslautenden "Greuelmärchen" solle Walter keinen Glauben schenken. Als dieser in seinem Antwortbrief betonte, dass die schrecklichen Geschichten aus den Konzentrationslagern bei weitem keine Märchen seien, setzte Pfitzner zu einer weitschweifenden Rechtfertigung an. Er stellte den Zweiten Weltkrieg als unausweichliche Folge der Demütigung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg dar. Außerdem wies er eine Verantwortung des gesamten deutschen Volkes für die "Taten und Untaten" Hitlers ab. Pfitzner versuchte, die nationalsozialistischen Greueltaten zu relativieren und stellte ihnen die Verbrechen, die von Russen im Krieg an der deutschen Zivilbevölkerung begangen wurden, gegenüber. Auch wandte er sich gegen die amerikanischen "Kulturbomben", die nun Europa überfluteten. Er verteidigte die These, die Deutschen hätten im Krieg nur ihre Pflicht getan. Den tatsächlichen, historischen Verdiensten der deutschen "Dichter und Denker", stünde ein "nicht weiter zu erklärender Haß des Auslandes" gegenüber. Pfitzner schloss mit der Aussage, er selber bleibe Deutschland schicksalsverbunden, obwohl es seine wahre Größe nie erkannt habe.

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Zur Person Hans Pfitzner

Lebenslauf

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vergrößernHans Pfitzner, undatiert

1886-1890: Studium Komposition und Klavier in Frankfurt

1892-1893: Lehrtätigkeit am Koblenzer Konservatorium

1894-1907: Kapellmeister in Mainz und Berlin

1907-1908: Dirigent des Kaim-Orchesters in München

1908-1918: Leitung des Straßburger Konservatoriums und der dortigen Philharmonie

1913: Ernennung zum Professor

1917: Hauptwerk "Palestrina"

1919-1920: Dirigent der Münchener Philharmoniker

1920: Übernahme der Meisterklasse für Komposition an der preußischen Akademie der Künste in München

1934: Pensionierung


Ehrungen

1910: Ehrendoktorwürde der Universität Straßburg

1931: Beethoven-Preis der Preußischen Akademie der Künste

1934: Goethe-Medaille

1934: Goethe-Preis der Stadt Frankfurt

1935: Brahms-Medaille der Stadt Hamburg

1936: Ernennung zum Reichskultursenator

1939: Ehrenbürgerwürde der Stadt Frohburg in Sachsen

1942: Wartheländischer Kulturpreis

1943: Beethoven-Preis der Stadt Wien

1944: Dotation von Hitler über 50.000 RM

1944: Ehrenring der Stadt Wien

18.07.1961: Straßenbenennung

1994: Sondermarke der Deutschen Bundespost zum 125. Geburtstag Pfitzners

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Quellen und Publikationen

Quellen:
Bundesarchiv Berlin R 43/1247 
Bundesarchiv Berlin R 55/377
Bundesarchiv Berlin R 55/20066
Bundesarchiv Berlin R 55/20231a
Bundesarchiv Berlin (Ehem. BDC) RK/W 0002
Bundesarchiv Berlin (Ehem. BDC) RK/D 0066


Publikationen:

  • Bernhard Adamy (Hg.), Hans Pfitzner. Briefe, Bd 1: Textband, Tutzing 1991.
  • Bernhard Adamy (Hg.), Hans Pfitzner. Briefe, Bd 2: Kommentar, Tutzing 1991.
  • Sabine Busch, Hans Pfitzner und der Nationalsozialismus, Stuttgart, Weimar 2001.
  • Birgit Jürgens, "Deutsche Musik". Das Verhältnis von Ästhetik und Politik bei Hans Pfitzner, (= Historische Texte und Studien 24) Hildesheim 2009.
  • Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?, Frankfurt a. M. 2007, S. 456.
  • N.N. (vermutl. Walter Abendroth), Fanfare für Hans Pfitzner, Die Musik 26,3 (1933), S. 193-194.
  • Hans Pfitzner, Die neue Ästhethik der musikalischen Impotenz. Ein Verwesungssymptom? (1919), in: Gesammelte Schriften Bd. 2, Augsburg 1926, S. 100-281.
  • Hans Pfitzner, Glosse zum II. Weltkrieg, in: Sämtliche Schriften Bd. 4, Tutzing 1987, S. 327-343.
  • Hans Rudolf Vaget, "Der gute, alte Antisemitismus". Hans Pfitzner, Bruno Walter und der Holocaust, in: Riethmüller, Albrecht (Hg.): Bruckner-Probleme. Internationales Kolloquium 7.-9. Oktober 1996 in Berlin, Berlin 1999, S. 215-228.

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Stand: September 2012


 

Adresse, Anfahrt, Öffnungszeiten

Pfitznerstraße

Hausnummern: 16
gemeldete Einwohner: 30

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