Ehre, wem Ehre gebührt?! Straßennamen in der Diskussion

Startseite Straßennamen in Münster

nach oben

Seiteninhalt

Aktuell diskutierte Straßennamen

Jöttenweg

Namensgeber: Prof. Dr. Karl Wilhelm Jötten

Foto

vergrößernVortrag: 'Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik', 1941

* 04.03.1886 in Essen
† 13.05.1958 in Münster

Universitätsprofessor an der WWU Münster, Hygieniker und Staublungenforscher


"Andererseits müssen aber solche, bei denen die Vererbung der Erbanlage unerwünscht ist, aus dem Fortpflanzungsprozeß ausgeschlossen werden."
(Jötten, 1936)



Empfehlung der Kommission Straßennamen

Die Kommission hat in ihrer abschließenden 4. Sitzung am 15. Juni 2011 zusammengefasst folgende Empfehlung abgegeben:

"Die Kommission hatte bereits in ihrer Sitzung am 31.01.2011 einstimmig empfohlen, den Jöttenweg umzubenennen. Für das Votum maßgeblich ist, dass Jötten eine pseudowissenschaftliche Begründung der Rassehygiene entwickelte, zeitweise als Rassehygieniker wirkte und einschlägige Dissertationen betreute."

Die Bezirksvertretung Mitte fasste in ihrer Sitzung am 22. Mai 2012 den Beschluss zur Umbenennung des Jöttenwegs in Paul-Wulf-Weg.


Karl Wilhelm Jötten und der Nationalsozialismus

Foto

vergrößernZustimmung der NSDAP zur Aufnahme Jöttens, 1935.

"... ein Mann von brennendem Ehrgeiz" – Kampf um Aufnahme in die NSDAP
Karl-Wilhelm Jötten bemühte sich bereits im Frühjahr 1933 um eine NSDAP-Mitgliedschaft. Nach mehr als einem Jahr Anwartschaft wurde er im Juli 1934 als politisch unzuverlässig als Parteimitglied abgelehnt. Die Ortgruppenleitung warf ihm seine Bindungen an das katholische Milieu vor.

Jötten befürchtete, dass die bei ihm angenommene mangelnde Linientreue zum Nationalsozialismus schädlich für ihn sei. Dass Jötten "... ein Mann von brennendem Ehrgeiz" sei, behauptete Fritz Lenz schon 1926 ein einem Brief an Ottmar von Verschuer. Wollte er seinen Einfluss an der Fakultät erhalten und auf eine Professur an einer größeren Universität berufen werden können, war die Aufnahme in die NSDAP für ihn dringend notwendig. Die Lösung seines Problems schien für ihn in der Anpassung und Radikalisierung seiner rassenhygienischen Forschung und Lehre an das NS-System zu liegen.

Es sollte noch bis zum 19. Mai 1936 dauern, bis Jöttens Andienung an das NS-Regimes Erfolg zeigte. Das Gauparteigericht stellte das Verfahren gegen ihn schließlich wegen nicht nachgewiesener Behauptungen ein. Er erfuhr im Jahr 1936 durch Verfügung des Gauleiters unter der Mitgliedsnummer 2477280 Aufnahme in die Partei. Seine Mitgliedschaft wurde auf den 1. Mai 1933 zurückdatiert.


Radikalisierung rassehygienischer Positionen

Erste Hinweise zu rassehygienischen Aktivitäten Karl Wilhelm Jöttens lassen sich für die Mitte der 1920er Jahre nachweisen. So veränderte sich etwa sein Lehrprogramm. Im Wintersemester 1927/28 hielt Jötten erstmals die Vorlesung "Rassen- und Fortpflanzungshygiene, die in den darauf folgenden Wintersemestern durch seinen Assistenten am Hygiene-Institut, Dr. Wilhelm Pfannenstiel, als Vorlesung über "Rassen- und Fortpflanzungshygiene (mit Lichtbildern)" fortgeführt wurde. Das Zentrum rassenhygienischer Aktivitäten blieb das Hygiene-Institut. Dabei wurden bis 1933 in eugenischen Fragen (z. B. bei der Eheberatung) mehrheitlich gemäßigte katholische Positionen vertreten.

Aufgrund der Skepsis der NS-Führung gegenüber den früheren katholischen Eliten verlor Jötten – selbst stark katholisch geprägt – 1933 seine Sitze in den Ausschüssen von Stadt, Provinzialverband und Landesversicherungsanstalt. Nun fürchtete er um Einfluss an seiner Fakultät. Er zeigte verstärkt regimekonformes Verhalten und ließ seine zurückhaltenden Positionen zur Rassenhygiene nach 1933 fallen. Bereits im Juli 1933 veröffentlichte Jötten einen Artikel in der Fachzeitschrift "Die medizinische Welt", in dem er es begrüßte, dass durch den "Sieg des Nationalsozialismus" neue Möglichkeiten zu einem "stärkeren Ausbau der Rassenpflege an den deutschen Hochschulen" entstünden.

Eine Anbiederung an die neuen Machthaber erfolgte über den Weg einer Verschärfung rassehygienischer Positionen durch Jötten und seine Mitarbeiter. Nicht mehr die Gesundheitsfürsorge bildete den Schwerpunkt der Aktivitäten Jöttens und seines 'Instituts für Soziale Hygiene', sondern die Erforschung des angeborenen Schwachsinns bei Hilfsschulkindern und die Vererbung von Erbkrankheiten bei Blinden und Taubstummen im Sinne des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses.

Vor allem organisierte Jötten entsprechende Forschungen seiner Dozenten und Studenten. Zunächst verfasste 1934 sein Assistent Heinz Reploh seine von Jötten betreute Habilitationsschrift zur kommunalen Gesundheitsfürsorge in Münster, in der er sich für die Umsetzung der vom NS-Staat beschlossenen negativen eugenischen Maßnahmen aussprach. Jötten gewann seit 1934 zahlreiche junge Medizinstudenten für eine Dissertation zur erbhygienischen Untersuchung von Hilfsschulkindern an kommunalen Beispielen. Zwischen 1934 bis 1938 entstanden 21 Dissertationen zu dieser Thematik. Bis 1945 betreute Jötten weitere rassenhygienische Arbeiten am Hygiene-Institut.


"Andererseits müssen aber solche, bei denen die Vererbung der Erbanlage unerwünscht ist, aus dem Fortpflanzungsprozeß ausgeschlossen werden."

Foto

vergrößernAkte Paul Wulf, 1937-1956

Jötten publizierte selbst nur einen Aufsatz (1936) mit einem Thema der NS-Rassenhygiene: "Erbhygienische Untersuchungen an Hilfsschulkindern". Der Aufsatz war die Veröffentlichung eines Vortrages, den er zusammen mit seinem Assistenten Heinz Reploh auf dem Internationalen Kongress für Bevölkerungswissenschaft (26. August bis 1. September 1935) in Berlin gehalten hatte. Darin forderten die beiden Mediziner aus Münster die Zwangssterilisation der Hilfsschulkinder gemäß des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1934. Sie begründeten dies mit der Aussage, dass die Schüler mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit den angeborenen Schwachsinn vererben würden.

"Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit intensiver Gegenmaßnahmen. Andererseits müssen aber solche, bei denen die Vererbung der Erbanlage unerwünscht ist, aus dem Fortpflanzungsprozeß ausgeschlossen werden. Die Wege für diese Arbeit sind im Deutschen Reich durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses [...] vorgezeichnet. Es ist durchaus richtig, daß unter den Erbkranken, die der Sterilisierung unterliegen, die Schwachsinnigen an erster Stelle genannt werden. Richtig ist weiter, daß die Sterilisierung nicht das Vorliegen von schwerem Schwachsinn zur Voraussetzung hat. Wie wir gesehen haben, ist es im Gegenteil sehr wesentlich, daß gerade diejenigen Schwachsinnsformen zur Unfruchtbarmachung gelangen, bei denen ein leichter Defekt Fortpflanzung und Vererbung erwarten läßt. Das trifft in besonderem Umfange für die Debilität zu, zumal bei dieser besonders häufig mit einer Vererbung des Schwachsinns zu rechnen ist.  Außerdem bieten sich bei den Schwachsinnigen besonders gute Voraussetzung für eine rechtzeitige Durchführung der Sterilisation insofern nämlich, als der weitaus größte Teil vor Eintritt in das fortpflanzungsfähige Alter an Hilfsschulen frühzeitig genug erfaßt werden kann." (Jötten/Reploh 1936, S. 735)

Als Grundlage für ihre Ausführungen dienten Jötten und Reploh die Ergebnisse der von ihnen in den letzten beiden Jahren betreuten Dissertationen zu dieser Thematik. Weder sie noch ihre Doktoranden führten eigene Untersuchungen an den Kindern durch, sondern sie werteten die von den Schulärzten und Lehrern ausgefüllten Schulbögen aus.
Der Versuch Jöttens und Replohs, bei den Hilfsschulkindern und ihren Familien die besondere Vererblichkeit des "angeborenen Schwachsinns" nachzuweisen, geschah zu einer Zeit, da die meisten der von dem Gesetz betroffenen Anstaltspatienten sterilisiert worden waren und die NS-Rassenhygieniker in der Gesundheits- und Schulbürokratie neue Bevölkerungsgruppen mittels der Hilfsschule selektierten.
Dabei scheute Jötten auch nicht davor zurück, wissenschaftlich nicht fundierte Forschungsergebnisse zu nutzen und wissend um die nicht bewiesene Vererbbarkeit des "angeborenen Schwachsinns" bei Hilfsschülern deren Zwangssterilisation zu fordern. Jötten und sein Mitstreiter Reploh lieferten damit die scheinbar wissenschaftliche Legimitation für deren Zwangssterilisation.

zum Seitenanfang


Jötten nach 1945

Jötten selbst gab im Zusammenhang mit seinem Entnazifizierungsverfahren nach 1945 an, bereits 1933 einen Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP gestellt zu haben, der 1934 jedoch zunächst abgelehnt wurde. Er habe einerseits als Katholik als "politisch unzuverlässig gegolten". Damit präsentierte sich Jötten als Opfer des NS-Regimes, das es ihm verwehrt habe, Rufe an größere Universitäten (Berlin und Leipzig) zu erhalten.
Nach dem Krieg wurde er im Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft. Er konzentrierte nun seine Lehre und Forschungen wieder auf die Gewerbehygiene und die Staublungenforschung. Einen Ruf an die Universität Leipzig lehnte er 1948 ebenso ab wie wenig später den an das Hygiene-Institut des Ruhrkohlenbezirks in Gelsenkirchen. Zwei Monate nach seiner Emeritierung erhielt Karl-Wilhelm Jötten am 31.07.1954 das "Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der BRD". Sein Nachfolger in der Leitung des Hygiene-Instituts wurde sein langjähriger Assistent Professor Dr. Heinz Reploh.

zum Seitenanfang


Zur Person Karl Wilhelm Jötten

Lebenslauf

Foto

vergrößernKarl Wilhelm Jötten, um 1936

1906-1911: Studium der Medizin in Bonn, München, Leipzig und Berlin

1912: Approbation als Arzt und Promotion

1913/14: Assistenzarzt Frauenklinik Berlin

Mai 1915-September 1916: wissenschaftlicher Assistent am Hygiene-Institut in Berlin

Oktober 1916-Oktober 1919: wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin

November 1919-November 1924: Assistentenstelle am Hygiene-Institut Leipzig, 1920 Habilitation in Leipzig

13. März 1923: Ernennung zum außerordentlichen Professor in Leipzig

15. November 1924: Berufung als Professor für Hygiene und zum Direktor des Hygiene-Instituts der Universität Münster.

Aufbau des Hygiene-Institut, 1926 Erweiterung um eine Medizinal-Untersuchungsabteilung sowie 1928 um die staatliche Forschungsabteilung für Staublungenforschung und Gewerbehygiene

Seine Forschungsgebiete umfassten u. a. Tuberkulose, Staublungenforschung, Gewerbehygiene, Soziale Hygiene und Rassenhygiene

1930: Gründung 'Institut für Soziale Hygiene und Soziale Fürsorge' an der Universität Münster

1936: Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Münster

1931-1936: ärztlicher Sachverständiger des Gerichtsärztlichen Ausschusses für die Provinz Westfalen

1935: Übernahme der wissenschaftlichen Leitung der serologischen Untersuchungsabteilung der LVA Westfalen in der Heilstätte Hagen-Ambrock

1948: Leiter der Medizinal-Untersuchungstelle des Kreises Steinfurt.

Jötten war Mitglied in zahlreichen gesundheitspolitischen Gremien, zum Beispiel in der münsterischen Gesundheitskommission, im großen Wohlfahrtsausschuss und in der Ausgleichsstelle des Landeshauptmanns der Provinz Westfalen sowie im Landesgesundheitsausschuss und im Bundesgesundheitsrat in der Nachkriegszeit


Ehrungen

1933: Devoto-Preis der Akademie der Wissenschaften in Mailand für seine gewerbehygienischen Arbeiten

1953: Cothenius-Medaille der Leopoldina in Halle a. d. Saale für seine Beiträge zur Staublungenforschung

1954: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland

1960: Straßenbenennung

zum Seitenanfang


Quellen und Publikationen

Quellen:
Universitätsarchiv Münster: Bestand 5 Nr. 639, Bestand 10 Nr. 3271, Bestand 52 Nr. 30
Landesarchiv NRW, Abt. Rheinland, Bestand NW 1038/3020, Bestand HSTAD NW O 868
Bundesarchiv Berlin, Kartei aller Hochschullehrer (R 4901); Reichsarztregister (R 9347 Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands)
Bundesarchiv Berlin (Ehem. BDC), 3200/J 0044, NSDAP-Ortskartei
Bundesarchiv Berlin (Ehem. BDC), 31XX/K 0099, NSDAP-Reichskartei
Bundesarchiv Berlin (Ehem. BDC), PK, Jötten, Karl 
Stadtarchiv Münster, Gesundheitsamt


Publikationen:

  • Jan Nikolas Dicke, Eugenik und Rassenhygiene in Münster zwischen 1918 und 1939, Berlin 2004. (= Berliner Beiträge zur Zeitgeschichte 3)
  • Hans-Christian Harten/Uwe Neirich/Matthias Schwerendt, Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reiches. Bio-bibliographisches Handbuch, Berlin 2006.
  • Karl Wilhelm Jötten, Die Rassenkunde und Rassenhygiene im Unterricht an den deutschen Hochschulen, Die Medizinische Welt 7/1933, S. 1080-1081.
  • Karl Wilhelm Jötten/Hans Reploh, Erbhygienische Untersuchungen an Hilfsschulkindern, in: Hans Harmsen/Fritz Lohse (Hg.): Bevölkerungsfragen. Bericht des Internationalen Kongresses zur Bevölkerungswissenschaft, München 1936. S. 730-736.
  • Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?, Frankfurt a. M. 2003, S. 288.
  • Manfred Witt, unveröffentlichter Beitrag in der vom Universitätsarchiv Münster herausgegebenen Publikation zur Geschichte der Universität Münster in der Zeit des Nationalsozialismus. (Voraussichtliches Erscheinungsjahr: 2012)

zum Seitenanfang


Stand: September 2012


 

Adresse, Anfahrt, Öffnungszeiten

Jöttenweg

Hausnummern: 9
gemeldete Einwohner: 66

Bild

vergrößernStadtplanausschnitt


Kontakt


Information kompakt: