Ehre, wem Ehre gebührt?! Straßennamen in der Diskussion

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Ehrung durch Straßennamen


Erste Straßennamen nach Personen

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vergrößernFürstbischof Clemens August von Bayern (1700-1761)

Auf dem Alerdinck-Plan von 1636 findet sich noch kein Straßenname, der der Erinnerung an eine Person dient. Erst 150 Jahre später gab es den ersten personenbezogenen Straßennamen. Für das Jahr 1784 ist die Clemensstraße, für die ab 1933 die Schreibweise Klemensstraße galt, erstmalig belegt. Sie erhielt ihren Namen nach Fürstbischof Clemens August von Bayern. Er stiftete das anliegende frühere Clemenshospital. Vom Gebäudekomplex ist heute nur noch die Clemenskirche erhalten. Ob es sich um eine bewusste Benennung handelt, ist nicht feststellbar.

Es dauerte 86 Jahre, bis weitere Straßen nach Personen benannt wurden.

1870: Wevelinghofergasse nach Bischof Florentius von Wevelinckhoven
1871: Wilhelmstraße nach Kaiser Wilhelm I.
1875: Schillerstraße nach Friedrich Schiller
1875: Friedrichstraße nach Kaiser Friedrich III.
1875: Engelstraße nach Johann Josef Engelen
1876: Hermannstraße nach Fürstbischof Hermann II.
1876: Fürstenbergstraße nach Franz Freiherr von Fürstenberg
1876: Overbergstraße nach Bernard Overberg

Die Benennungen seit 1875 stehen für das erste Aufkommen von Straßennamen, mit denen die Namensgeber geehrt werden sollten. Dichtern zollte der Straßenname Ehre für ihr dichterisches Werk. Bei Franz von Fürstenberg kann sein politisches Reformwerk den Ausschlag gegeben haben, bei Bernard Overberg seine Verdienste um die Schulbildung. Herrschernamen dienten dazu, die Monarchie zu repräsentieren und zu festigen.

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Personen-Straßennamen in ihrer Zeit

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vergrößernBenennung Friedrich-Ebert-Platz, 1927

1870 bis 1932
In den Jahrzehnten ab 1870 bis heute lassen sich regelrechte Konjunkturen für Straßen-Benennungen feststellen. Zwischen 1870 und 1932 kamen deutsche Kaiser sowie Staatsmänner (Bismarck) auf die Straßenschilder. Gerne bedacht wurden hochrangige Militärangehörige (Goeben-, Hornstraße) oder Adelsgeschlechter (Hohenzollenring, Staufenstraße). Um den Ersten Weltkrieg kamen wieder Generäle und auch Kriegshelden auf die Straßenschilder. Mit der Umbenennung des Neuplatzes in Hindenburgplatz 1927 wurde ein Generalfeldmarschall und Reichspräsident mit einem Straßennamen geehrt. Gleichzeitig erfolgte die Umbenennung des Hansaplatzes an der Wolbecker Straße in Friedrich-Ebert-Platz.


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vergrößernAntrag der NSDAP-Ratsfraktion zu Umbenennung von Straßen, 1933

1933 bis 1945
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gelangten die NS-Parteigrößen und Führer ins Straßenbild. Aus der Bahnhofsstraße wurde die "Adolf-Hitler-Straße". Bei den Nationalsozialisten waren die Generäle des Ersten Weltkriegs ebenfalls gern verwendete Namensgeber. Mit dem Anschluss Österreichs 1938 bedachte die Stadtobrigkeit österreichische Kulturschaffende wie Ludwig Anzengruber und andere mit einem ehrenden Straßenschild.


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vergrößernVerfügung zur Entnazifizierung von Straßennamen, 1945

Nach 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg galt es, die Straßennamen zu entnazifizieren. Adolf Hitler, Horst Wessel, Hermann Göring oder Albert Leo Schlageter wurden wieder vom Stadtplan entfernt. Die Forderung der Alliierten, alle militaristischen Namen – auch Hindenburg – von den Schildern zu verbannen, fand jedoch keine Umsetzung.

In den ersten Nachkriegsjahren scheute man zunächst politische Namen und griff beispielsweise auf scheinbar unpolitische Dichternamen für die Benennungen zurück. Eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit fand zunächst nicht statt.


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vergrößernStraßenschild 'Greta-Bünichmann-Straße', 2008

Ab 1960
Die 1960er Jahre begannen mit der Benennung eines ganzen Viertels nach Personen des Widerstandes, wobei hier die Verschwörung des 20. Juli 1944 das verbindende Motiv der meisten Benennungen war. Dazu kamen Personen aus dem kirchlichen lokalen Widerstand gegen das NS-Regime.

Seit den 1980er Jahren gedachte man mit dem Medium Straßenname auch der jüdischen Opfer des NS-Regimes. So erhielt 1988 eine Gasse in der Altstadt den Namen Julius-Voos-Gasse. Der Name des 1944 in Auschwitz ermordeten Rabbiners der jüdischen Gemeinde sollte laut damaligem OB Twenhöven Zeichen dafür sein, dass es die Stadt Münster mit der Erinnerung an die Schuld ernst meint. Der 40. Jahrestag der Reichspogromnacht war auch in Münster Anstoß für eine Aufarbeitung lokaler Schicksale.

Mit der Greta-Bünichmann-Straße (1994) drang die Gruppe der Opfer der frühneuzeitlichen Hexenprozesse in das öffentliche Bewusstsein. Diese Benennung wurde in der Anwohnerschaft heftig diskutiert. Die Aufklärung der historischen Fakten brachte eine gewisse Beruhigung.

Mittlerweile stehen einige Benennungen der Nachkriegszeit in der Diskussion. Die durch eine Magisterarbeit aufgedeckte Verwicklung des Mediziners Jötten in "erbhygienische" Untersuchungen entfachte 2007 den Protest an der 1960 vorgenommenen Benennung. Etwa zu selben Zeit begann auch die Überprüfung von weiteren Namensgebern auf ihre Beziehungen zum Nationalsozialismus.

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Umwidmung und Umbenennung von Personen-Straßennamen

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vergrößernStraßenschild zur Moltkestraße mit Erläuterungstafel, 2009

Umwidmung Moltkestraße
Die Moltkestraße erinnert seit 1924 und seit 1990 an zwei Mitglieder der Familie Moltke. Die Erläuterungstafel bringt das Gedenken an beide Familienmitglieder zum Ausdruck:
1. Helmuth Graf von Moltke, Chef des preußischen Generalstabes (1800-1891) (Benennung 1924)
2. Großneffe Helmuth James Graf von Moltke – Mitbegründer des nach dem Moltkeschen Gut Kreisau benannten Kreisauer Kreises, dem Widerstandskämpfer des Nationalsozialismus angehörten, hingerichtet am 23.01.1945 in Berlin-Plötzensee (Benennung 1990)

Beide Moltkes haben in der Erinnerung der Nachwelt wenig gemeinsam – der erste ein Vertreter des preußischen Heerführers und militärischen Vollstreckers der von Bismarck angestrebten Einigung Deutschlands durch "Eisen und Blut". Der Zweite gilt als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime.

Die Initiative zur Umwidmung ging von drei Geschichtsstudenten aus, die Helmuth James von Moltke als "herausragende Persönlichkeit" ansahen, der sich für eine "demokratische und pluralistische Gesellschaft" eingesetzt habe. Die politischen Gremien schlossen sich dieser Meinung an. Daraufhin wurde die erweiterte Widmung der Straße in der Erläuterungstafel dokumentiert.


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vergrößernEin Straßenschild erinnert an die ermorderte Reha Mathel Falk, 1941

Umbenennung in Reha-Mathel-Falk-Weg
Im Jahr 1988 wurde der "Reha-Mathel-Falk-Weg" benannt. Es handelte sich um eine Umbenennung des Willi-Hölscher-Wegs.
Erinnert werden sollte an Reha Mathel Falk, ein jüdisches Mädchen aus Münster. Sie wurde im Alter von 5 Jahren nach Auschwitz deportiert und umgebracht. Willi Hölscher war ein Jagdflieger des Ersten Weltkriegs und wurde als Kriegsheld verehrt. Die Benennung des Weges fand 1939 statt, als mit der Benennung von Straßen nach Kriegshelden des Ersten Weltkrieges die Kriegspolitik des Nationalsozialismus unterstützt werden sollte.

Mit der Umbenennung wurde auch die kriegsglorifizierende Erinnerung, die in diesem Straßenschild gefestigt werden sollte, geändert. Initiiert wurde die Umbenennung von mehreren Anwohnern des Willi-Hölscher-Weges und zwar mit der Begründung, dass "die Benennung einer Straße nach einem Kriegshelden nicht mehr angemessen" sei.

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Straßenbenennungen nach Frauen

Als die Regina-Protmann-Straße 1969 benannt wurde, war es der elfte Straßenname zur Erinnerung an eine Frau (abgesehen von Heiligen, z.B. der Muttergottes oder pauschalen Benennungen nach weiblichen Vornamen: Annenstraße, Dorotheenstraße, Sophienstraße). Aber es gab schon 316 Straßennamen nach Männern.

1889: Viktoriastraße nach Kaiserin Viktoria (Ehefrau des Kaisers Friedrich III.)
1896: Augustastraße nach Kaiserin Augusta (Ehefrau Kaiser Wilhelms I.)
1934: Elsa-Brändström-Weg (Delegierte des Roten Kreuzes im Ersten Weltkrieg)
1939: Elisabet-Ney-Straße (bedeutende münsterische Bildhauerin)
1954: Clara-Ratzka-Weg (Schriftstellerin)
1954: Edith-Stein-Straße (Ordensfrau, Philosophien, Dozentin, 1942 in Auschwitz ermordet)
1958: Annette-von-Droste-Hülshoff-Straße (bedeutende westfälische Dichterin)
1958: Jungfer-Willemin-Stiege (Maria Anna Willemin Schulleiterin um 1760)
1958: Drostestraße nach Annette von Droste Hülshoff
1960: Agnes-Miegel-Straße (ostpreußische Dichterin)
1969: Regina-Protmann-Straße (Gründerin des Katharinenordens in Braunsberg)

In jüngster Zeit haben Frauen als Namensgeberinnen von Straßennamen Vorrang bei der Benennung.

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