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Lügen.nirgends
Zwischen Fiktion, Dokumentation und Wirklichkeit

12. Januar - 30. März 2008

Die Ausstellung Lügen.nirgends – Zwischen Fiktion, Wirklichkeit und Dokumentation reflektiert die vielfältigen Methoden der Dokumentation. Auf den Prüfstand berät die Rhetorik der Glaubwürdigkeit, wie sie uns in scheinbar objektiven Tatsachen- und Augenzeugenberichten, insbesondere in der Kombination von Text- und Bildmedien begegnet; im Fokus der künstlerischen Recherchen stehen politische wie historische Dokumentationen, individuelle Lebenswahrheiten und Lebenslügen. Die gezeigten künstlerischen Positionen zeigen, wie differenziert und facettenreich die Methoden der Dokumentation sind und wie präzise die kritische Reflexion seitens der Kunst ist. Wie keinem anderen Medium ist es der Kunst möglich, Ambivalenzen ästhetisch greifbar zu machen und reflexive Schwebezustände zu erzeugen, die den Erkenntnisprozess immer wieder neu befruchten. Am Ende stellt sich der Besucher die Frage: Was heißt es eigentlich, eine wahre Geschichte zu erzählen? Welche Rolle spielen Fakten und Fiktionen, Wahrheit und Täuschung? Welche Aufgabe hat die erzählte Geschichte innerhalb dieser rhetorischen Versuche? Die Künstler warnen davor, Augenscheinliches für wahr zu halten und sensibilisieren für die emotionalen, fiktionalen und dokumentarischen Strategien, die bei der Konstruktion von Wirklichkeit zum Einsatz kommen.

Nach der Eröffnungsausstellung Firewall (2004) und The return of the real mit Phil Collins (2007) greift die AZKM wiederum ein medienkritisches Thema auf. Die Ausstellung ist eine „Eigenproduktion“ der AZKM. Dr. Gail B. Kirkpatrick, Leiterin der AZKM, hat für diese Ausstellung mit den beiden Gastkuratorinnen Dr. Susanne Düchting, Universität Duisburg-Essen und Julia Wirxel, Universität zu Köln zusammengearbeitet.

Corinna Schnitt (*1964 in Duisburg, lebt in Hamburg)

Living a Beautiful Life, Video, 13’, 2003
So schön kann das Leben gar nicht sein. Oder doch? Corinna Schnitts Video Living a Beautiful Life zeigt ein amerikanisches Ehepaar, bei dem der Traum des Glücks scheinbar Wirklichkeit geworden ist. Alles läuft gut für sie: Der Mann ist Pilot, auch die Frau hat Karriere gemacht, beide bewohnen eine Traumvilla mit Blick auf Los Angeles. Sie haben zwei wundervolle Kinder, zwei Hunde und einen großen Freundeskreis. Der direkte Blick in die Kamera und der entspannt nüchterne Tonfall sind Ausdruck ihrer Selbstsicherheit. Die Brillanz der Monologe und die saubere Atmosphäre vermitteln eine über jeden Zweifel erhabene Objektivität dessen, was gesagt wird. Aber: Was ist das für ein Format, das die Künstlerin anstrengt? Übt das Traumpaar für ein anstehendes Klassentreffen? Irgendetwas ganz Entscheidendes scheint zu fehlen, aber was? Es liegt außerhalb der Reichweite der Kamera. Corinna Schnitt testet die Grenzen der Gutgläubigkeit des Publikums; und es zeigt sich: Gemeinsam lügt es sich am besten.

Mathilde ter Heijne (*1969 ins Straßburg, lebt in Berlin)

Ne me quitte pas, Life size dummy mit Radiogerät, 2001
F.F.A.L. #5, Madonna, Life size dummy und Audio-Equipment, 2006

Mathilde ter Heijne tritt gleichermaßen als multi-mediale Performance-Künstlerin, Regisseurin, Schauspielerin und seit dem Jahr 2000 als Double in Gestalt einer lebensgroßen Puppe in Erscheinung. Mit offensichtlichen und spielerischen Täuschungsstrategien, Special-Effects, Anleihen in der Popkultur und autobiografischen Irritationen, bindet ter Heijne die Aufmerksamkeit des Publikums. Die Installation Ne me quitte pas, ein Life-size-dummy, ist Teil eines Video-Performance-Projekts. Ausgangspunkt war der etwas altmodisch klingende Vorname der Künstlerin. Mathilde ter Heijnen entdeckte, dass drei tragische Heldinnen der französischen Filmgeschichte (La Femme d’à Côté, François Truffaut, 1980; Noce Blanche, Jean-Claude Briseau, 1990; Le Marie de la Coiffeuse, Patrice Leconte, 1991) nicht nur den selben Vornamen tragen, sondern dass ihnen ein ähnliches Film-Schicksal widerfahren ist: sie lieben einen älteren Mann, die unglückliche Liebe zerbricht, Mathilde nimmt sich das Leben. Um dieses tragische Schicksal zu beschwören, hat Mathilde ter Heijne die letzte tragische Schlussszene mit einem Dummy nachgestellt und ein Video gedreht. Ihre Geschichte nimmt ein vergleichsweise gutes Ende: Denn die Wiedergängerin sitzt in der AZKM und blickt auf den Kanal. Courtesy: Galerie Arndt & Partner, Berlin/ Zürich

Omer Fast (*1972 in Jerusalem, lebt in Berlin)

Spielberg’s List, Zweikanal-Video-Installation, 65’, 2003
Schindler’s List/ Spielberg’s List – Omer Fast spielt mit der Unschärfe des historischen Erinnerungsvermögens. Der Oscar-prämierte Film Schindler’s List von Steven Spielberg war in den 1990er Jahren ein – wenn auch kritisch diskutierter – Publikumserfolg. Im Zuge der Dreharbeiten für Steven Spielbergs Film Schindler’s List wurde in der Nähe von Krakau unmittelbar neben dem früheren Konzentrationslager Plaszow eine detailgetreue Film-Kulisse errichtet, die anschließend nicht demontiert wurde. Beide Lager – das historische wie das rekonstruierte – sind heute verfallen, werden touristisch vermarktet und sind das Ziel von regelmäßig stattfindenden „Schindler’s List Tours“.
2003 bereiste Omer Fast Krakau. In seinem Film Spielberg’s List mischt und konfrontiert er die Bilder der authentischen Orte des Schreckens mit denen der Film-Kulisse. Er zeigt Interviews mit Personen aus der lokalen Bevölkerung, die als Statisten in Schindler’s List mitgewirkt haben. Während die Laiendarsteller von ihren Erlebnissen erzählen, beginnt man sich zu fragen, ob sie ihre Erinnerungen an die Filmaufnahmen schildern oder ob ihre Berichte nicht doch die Ereignisse widerspiegeln, die vor über 60 Jahren stattgefunden haben. Filmische Dokumentation und filmische Fiktion verschwimmen – auf bedrückende Weise bleibt die historische Wahrheit greifbar.

Sven Johne (*1976 in Rügen, lebt in Leipzig)

Ship Cancellation, 5 Fotografien mit Text, 2004
Demmin, 5 Fotografien mit Text, 2007

Sven Johne vermischt in seinen Foto-Text-Arbeiten unterschiedliche Methoden politischer Sinnstiftung. Als gleichermaßen künstlerischer Fotograf wie investigativ arbeitender Journalist rekonstruiert und dokumentiert Johne brisante historische Ereignisse seiner Heimat, der ehemaligen DDR. Die hier erstmals im Museumskontext gezeigte Installation Demmin von Sven Johne besteht aus sechs topografischen Landkarten, die in einem zarten Grauton auf schneeweißem Hintergrund gedruckt sind und das Gebiet der gleichnamigen Stadt in Mecklenburg-Vorpommern zeigen. Die Flussufer sind mit zahllosen kleinen Stecknadeln markiert. Die Arbeit erschließt sich über das historische Wissen: Die Stadt Demmin wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs der Roten Armee kampflos übergeben. Dennoch ereignete sich hier die größte bekannte Massenselbsttötung der deutschen Geschichte. Ihren Höhepunkt erreichte die Suizidwelle nach den Feierlichkeiten der Soldaten am 1. Mai 1945. 1.200 Menschen kamen in den Flüssen Peene, Trebel und Tollense ums Leben. Sven Johne versucht mit einer subtilen Kartografierung des Massenselbstmords eine Dokumentation der offiziell immer noch ungeklärten historischen Tatsachen. Zum Zeichen des Gedenkens markiert er nicht nur die fiktiven Fundorte der Leichen, sondern fügt dem detailgetreuen Schaubild zwei Texte hinzu: einen sachlichen Quellentext und einen Augenzeugenbericht. Der berührende Zeitzeugenbericht wurde zehn Jahre nach den Gräueltaten niedergeschrieben und berichtet von der Verzweiflung traumatisierter Vergewaltigungsopfer und ihrer Kinder. Courtesy: Sammlung Partrick Majerus, Luxemburg
Die fünfteilige Foto-Text-Sequenz Ship Cancellation zeigt eine ruhige Meeresoberfläche, die im Gegensatz zum Bildtitel steht. Ein ungewöhnlicher Gestaltungswille seitens des Künstlers tritt durch die serielle Motivwahl und Komposition zu Tage: Eine durchgängige Horizontlinie teilt die Bildfläche in ein Verhältnis von zwei Dritteln Wasser und einem Drittel Himmel. Das gleichfalls nach einem seriellen Schema erstellte Textmaterial auf dem Rahmenglas verstärkt den Eindruck der Intentionalität: Der Beschreibung des Schiffs folgen die sachliche Schilderung des Ablaufs der Katastrophe sowie der Augenzeugenbericht eines Überlebenden. Das Nebeneinander von visueller und textueller Information suggeriert einen Zusammenhang, der jedoch an dem gezeigten Bildmaterial nicht verifiziert werden kann: Wer sind die Augenzeugen? Wie kommt der Künstler an die Informationen? Fand das Unglück genau an dem abgebildeten Ort statt? Die Sinnstiftung wird auf einen außerkünstlerischen Ort verwiesen. Courtesy: Galerie Christian Nagel, Köln

Milo Köpp (*1962, lebt in Münster)

Olim, eine Krankheitsgeschichte in Briefen – der Leiden erster Teil
Audio-Installation/ Hörbuch, Booklet, CD, Cover, lim. sign. Aufl., 2005

Das Kunstwerk Olim, eine Krankheitsgeschichte in Briefen – der Leiden erster Teil besteht aus einer Serie von zehn Briefen (sie sind von eins bis elf nummeriert, aber der fünfte Text fehlt), die in einem schmalen Büchlein abgedruckt sind. Auf der beigefügten CD werden die Botschaften vorgelesen. In den Briefen wendet sich Olim, ein zeitgenössischer Künstler, an einen Arzt, und er sagt gleich zu Beginn, warum er schreibt. Er braucht „ein Leiden, eine Sucht, nichts wirklich Ernstes und ganz sicher nichts Tödliches“, das ihn dazu bewegt, große Dinge zu erschaffen, echte Kunstwerke. Kurz: Olim wünscht sich eine Krankheit, die ihn zu einem hochproduktiven Künstlergenie macht. Eine medizinische Antwort oder Erwiderung darauf gibt es nicht. Am Ende zeigt sich: Die Briefe sind ungelogen ein vollkommen ehrlicher Seelenstrip.
Und: O-l-i-m (M-i-l-o) leidet wahrscheinlich an einem Palindrom. Er sollte beginnen, sein Leben von hinten her aufzurollen. Courtesy: Hachmeister Galerie, Münster

The Atlas Group/Walid Raad (*1967, lebt in Beirut und New York)

We Can Make Rain But No One Came To Ask
[Kat. AGP]_Thin Neck Videotapes_21.1.1986, DVD, Einkanal-Produktion, 18’

1999 gründete Walid Raad in Beirut The Atlas Group, deren Archive sich in New York und Beirut befinden. Die libanesischen Bürgerkriege (1975-1991) sowie die Gegenwartsgeschichte des Libanon sind das durchgängige künstlerische Thema der Gruppe. Der Titel des Videos We Can Make Rain But No One Came To Ask klingt wie ein verschlüsselter Code. Unklar, von wem er stammt. Unklar auch, ob nicht auch der Bomben-Regen gemeint sein könnte. Der begleitende Wandtext verweist auf eine angebliche Kollaboration zwischen dem staatlichen Chef-Untersucher von Autobomben-Detonationen Yussef Bitar und Georges Semerdijan, einem 1990 ermordeten Fotojournalisten und Videofilmer. Das Video zeigt Aufnahmen, Diagramme und Aufzeichnungen, die sich mit der Autobomben-Explosion in der Furn Ech Chubak Nachbarschaft in Beirut am 21. Januar 1986 auseinandersetzen. Walid Raad macht auf ein mediales Grundproblem aufmerksam: Das reale Sterben, die täglichen Zerstörungen in den Krisengebieten und das Leiden der Betroffenen sind medial nur begrenzt fassbar. Um der Gefahr der nivellierenden Verwischung der Ereignisse zu begegnen, entwickelt er ein Vexierspiel mit realen und erfundenen Identitäten, Bildern und Ereignissen. Walid Raad leistet zeitnah etwas, das Geschichtsschreibung erst mit historischen Abstand vermag: Er stiftet künstlerische Ansatzpunkte für sinnvolle Zusammenhänge und regt zu einer Reflexion über Geschichte, Kunst und deren Wahrnehmung an. Was ist Wahrheit – was ist Lüge unter den Bedingungen eines anhaltenden Bürgerkriegs? Courtesy: Galerie Sfeir-Semler, Hamburg

Sophie Calle (*1953, lebt in Malakoff bei Paris)

La Dispute, SW-Fotografie und Text, 1992
Saw Nobody-Nothing, Farbfotografie und Text, 2001
Torero, SW-Fotografie und Text, 2003

Sophie Calle spielt mit der Rhetorik der Authentizität. Sie erzählt Wahre Geschichten, so der Titel des Werkkomplexes, dem die drei gezeigten Foto-Text-Arbeiten angehören.  La Dispute besteht aus einer abfotografierten, vergrößerten Fotovorlage, auf der die Hochzeitskapelle zu sehen ist, in der die Ich-Erzählerin geheiratet haben soll. Das Foto zeigt die Künstlerin mit ihrem Lebensgefährten in einer amerikanischen Luxuskarosse. Der beigefügte Text legt nahe, dass das Glück nicht lange währte: In einer nüchternen Beschreibung wird die Chronologie des Streites aufgezeichnet, inklusive genauer Zeitangaben sowie der an den Kopf geworfenen Gegenstände und dem grotesk versöhnlichen Ende des Streits: Das Bild verdeckt nun das Loch in der Wand, das bei dem beschriebenen Beziehungsstreit entstanden ist. Ist das wahr? Oder spielt die Künstlerin mit den Phantasien des voyeuristischen Betrachters?
Das Foto Saw-Nothing-Nobody zeigt ein Doppelporträt von zwei älteren Personen, die zusammen wie ein Ehepaar aussehen. Der begleitende Text berichtet von zwei Schwestern, die die Ich-Erzählerin stellvertretend für die Erbin besucht hat. Zwei Notizbuchseiten sollen die Personen und die erzählte Geschichte authentifizieren. Doch irgendetwas lässt uns an der Wahrheit zweifeln. Der Titel der Arbeit Nichts und niemanden gesehen gibt seinerseits mehr Fragen als Antworten auf, und auch der Text-Bild-Bezug fordert vom Betrachter, über das verwandtschaftliche Verhältnis der Personen und Verhältnis der Künstlerin zu ihnen nachzudenken. Ist das ein Ehepaar oder sind das zwei Schwestern oder Freundinnen?
Die Text-Bild-Arbeit Torero scheint das Relikt einer weiteren seltsamen Begebenheit im (fiktiven oder realen?) Leben der Künstlerin zu sein. Sie handelt von einer möglicherweise geheimen oder verbotenen Liebe zu einem Torero, die durch seinen Heldentod zu einem plötzlichen Ende fand. Wiederum spielt die Künstlerin mit scheinbar authentischen Beweismaterialien wie einem Autopsiebericht, persönlichen Notizen und der großformatigen Fotografie. Doch alles ist wiederum so obskur, dass den Betrachter der Zweifel beschleicht. Courtesy: Galerie Arndt & Partner, Berlin/ Zürich

Marcel van Eeden (*1965, lebt in Den Haag und Berlin)

Matheus’ Dream, 19 Zeichnungen, 26 Gemälde, 2007/ 2008
Marcel van Eeden hält sich streng an vorhandenes Archivmaterial. Seit 15 Jahren arbeitet er an einer gigantischen Bild-Enzyklopädie, die einmal alle Aspekte seines Lebens vor 1965 – dem Jahr seiner Geburt – umfassen soll. Über 4.000 Zeichnungen sind seit 1993 entstanden. Ein Bild des Lebens vor seinem Leben und gleichzeitig eng verwoben mit der aktuellen Biografie des Künstlers und mit den Handlungsorten seines Lebens. Die neue, für die AZKM geschaffene Arbeit Matheus’ Dream enthält neben 19 Zeichnungen erstmals auch 26 Gemälde – eine Novität im Schaffen des Künstlers!  Zu seinem konsequent archivgetreuen Arbeiten gehört es, auf Bildmaterial aus historischer Reiseliteratur, topografischen Atlanten, Kunstbüchern und Zeitschriften wie Life, Wereldkroniek, Paris Match, De Spiegel oder De Katholike Illustratie zurückzugreifen. Hier und da fügt van Eeden typografische Elemente, Textpassagen aus literarischen Vorlagen dazu. Die Selektion folgt dem Zufallsprinzip. „Alle Bilder sind wahr“, sagt van Eeden, „sie sind wie Lego-Bausteine, die man zu immer neuen Gebäuden zusammenfügt.“ Mit dem Zyklus Life an Work of K.M. Wiegand entwickelte Marcel van Eeden dieses Verfahren weiter. Aus realen Personen der Zeitgeschichte schuf er fiktive Personen mit Super-Vita. Die neue narrative Sequenz Matheus’ Dream handelt von Gewalt und Mord, Liebe und Träumen. Drei Personen - Karl McKay Wiegand, Matheus Boryna und Oswald Sollmann – sind in illegale Machenschaften verwickelt. Ihre Albträume lassen ihren nahen Tod erahnen. Die thematische Setzung macht die Ausstellungsstücke zu Beweisstücken einer Kriminalgeschichte. Mit der Einführung der Traumebene treibt Marcel van Eeden das Spiel mit der Wahrheit und Fiktion noch ein Stück weiter: „Träume interessieren mich, weil damit Bildsequenzen möglich werden, die zwar zusammenhängen, aber keiner logischen Form folgen müssen; sie interessieren mich aber auch, weil sie stets auch prophetischen Charakter haben,“ erklärt van Eeden zu den hier gezeigten Ausstellungsstücken. Nichts ist gelogen, Fortsetzung folgt. Courtesy: Galerie Michael Zink, München

Hans Winkler (*1955, lebt in Berlin und New York)

Held Saga – Die Berghütte, Installation, Holzhütte, 2005
Hans Winkler lässt das Publikum an einem künstlerischen Recherche- und Dokumentationsprozess teilnehmen. Die architektonische Installation Held-Saga – Die Berghütte im Wald  ist der Nachbau eines Nachbaus der Behausung des Schriftstellers Franz Held (1862-1908), dessen Werk, Biografie und Lebensende zweifelhaft erscheinen, und dessen Werke weder im Buchhandel noch antiquarisch erhältlich sind. Seltsam spärlich ist auch die Quellensituation. Bis auf eine Tatsache: Franz Held scheint der Vater zweier bekannter Personen der Nachkriegskulturszene gewesen zu sein: des Dadaisten John Heartfield und des Verlegers Wieland Herzfelde. Der Aktions- und Installationskünstler Hans Winkler hat sich einen eigenen Weg zu diesem vergessenen Autor gebahnt. Seine Recherchen haben die unglaubliche Lebensgeschichte des Schriftstellers zu Tage gefördert: Franz Held (eigentlich Franz Herzfeld) wurde in eine gut situierten Düsseldorfer Unternehmerfamilie geboren. Mit 14 Jahren gewann er den Dramen-Wettbewerb der Stadt Düsseldorf. Er studierte zunächst Jura, dann Philologie, Ästhetik und Literaturgeschichte. In seinen Romanen und Dramen entwickelte er provokante, absurde und nihilistische Situationen. 1895 wurde Held wegen Gotteslästerung angeklagt. Und nun nimmt das Schicksal seinen Lauf: Franz Held verlässt Deutschland und flieht mit Frau und drei Kindern über die Schweiz nach Österreich. Zuflucht bietet ihm eine Berghütte auf dem Gaisberg in Aigen, südlich von Salzburg. Doch nur für kurze Zeit: Aus ungeklärten Umständen verschwinden er und seine Frau von hier, eines Tages im Jahr 1899. Sie lassen ihre vier Kinder zurück, die nach einigen Tagen verwahrlost vom Bürgermeister gefunden werden. Seither verliert sich die Spur des Schriftstellers. Zwei Quellen erlauben, eine Annäherung an seine letzten Lebensjahre: Im Jahr 1900 soll Franz Held in Gries bei Bozen aufgegriffen und in eine Bozener Irrenanstalt gesteckt worden sein. 1908 verstirbt er.
Hans Winkler stieß bei seinen Recherchen auf die Rekonstruktion einer Hütte, die der Sohn John Heartfield in den 1950er Jahren in Waldsieversdorf als Erinnerung an seine glückliche Kindheit für seine Enkel gebaut haben soll. Winkler baut sie scheinbar detailgetreu ein zweites nach: Er stellt die  Bibliothek mit elf von Franz Held verfassten Theaterstücken (z.B. Eine Afrikareise durchs Marsfeld oder Ein Fest auf der Bastille) sowie Büchern seiner Lieblingsautoren (darunter Henrik Ibsen, Heinrich Heine, Oscar Wilde, Michail Bakunin, Alphonse Daudet, Friedrich Nietzsche, Henry David Thoreau) nach. Eine Wandprojektion zeigt ein „authentisches“ Alpenpanorama. Es wurde bei Aigen/ Salzburg von Hans Winkler aufgenommen und fügt der seltsam berührenden Familiengeschichte – der Held-Saga – ein dokumentarisches Element hinzu. Das Leben selbst erzählt manchmal unglaubliche Geschichten.

Die Ausstellung wird gefördert von der Mondriaan Stichting und der Botschaft des Königreichs der Niederlande.

Die AZKM wird unterstützt von dem Freundeskreis der Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster. Die Ausstellungshalle ist eine Institution des Kulturamts der Stadt Münster.

[Weitere Informationen: Text als RTF-Download, kB]