Kunsthalle Münster

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Bitte schön!
Siebte Abschlussausstellung der Künstlerförderung des Cusanuswerks

19. April – 19. Juni 2008

„Bitte schön!“ – Diese Äußerung ist mehr als eine Phrase. Im Gegensatz zum „Danke schön!“, das gesagt wird, wenn alle Formalien erledigt sind – und das Ende eines Stipendiums könnte so ein Anlass sein –, eröffnet das „Bitte schön!“ den Diskurs: „Bitte schön! Was darf es sein? Darf es etwas mehr sein? Haben Sie dies schon probiert? Das hier ist heute besonders zu empfehlen!“ – Der Ausstellungstitel führt zu einer Fragestellung, die für junge Künstler sehr existenziell ist: Was soll ich (nun) mehr tun? Habe ich wirklich alles ausprobiert während meines Studiums? Was kann ich tun, damit es weitergeht? Es führt aber auch zu Fragen des Selbstverständnisses: Welche Rolle will ich als Künstler im Kunstbetrieb, in der Gesellschaft, im Kunstmarkt spielen? „Bitte schön!“ – das ist auch die Geste, mit der ein Geschenk überreicht wird. Aber wer hat hier wem was geschenkt?

In der Dynamik eines Stipendienprogramms ist das wechselseitige Geben und Nehmen ein zentrales Motiv. Für die 15 Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung geht es um mehr. Sie präsentieren sich zwar in der Gruppe, jeder Einzelne aber bewirbt sich mit der Darstellung seiner Arbeit um das weiterführende Georg-Meistermann-Stipendium. Diese Förderung ist mit 30.000 Euro vergleichsweise sehr hoch dotiert und umfasst ein zweijähriges Stipendium sowie die Finanzierung einer Einzelausstellung. Zwei der ausstellenden Künstler des Cusanuswerkes werden diese Auszeichnung erhalten. Die Entscheidung über die Vergabe des Georg-Meistermann-Stipendiums 2008 wird im Rahmen der Finissage am 20. Juni (19 Uhr) in der AZKM bekannt gegeben.
Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sind: Helen Beck (Karlsruhe), Thomas Bratzke (Berlin), Karin Brunnermeier (Berlin), Michael Conrads (Bedburg), Stefan Demming (Berlin), Lucia Falconi Garcés (München), Barbara Hlali (Münster), René Koch (Berlin), Pauline M’barek (Hamburg), Hanna Nitsch (Braunschweig), Nik Nowak (Ingelheim), Steffi Stangl (Berlin), Christoph Worringer (Düsseldorf), Markus Wüller (Berlin) und Markus Maria Zimmermann (Berlin).

Der Jury, die mit der Vergabe des Georg-Meistermann-Stipendiums betraut ist, gehören Prof.Dr. Richard Hoppe-Sailer (Bochum), Prof. Karin Kneffel (Bremen), Prof. Christiane Möbus (Berlin), Prof. Rotraut Pape (Offenbach) und Prof. Norbert Radermacher (Kassel) an. Das Gremium tagt in diesen Räumen am 20. Juni. Daher ist an diesem Tag die AZKM geschlossen.

Barbara Hlali (*1979), lebt in Münster
Busayyah, 2007, Trickfilm (Folienstift auf TV-Bildschirm, Videostills)
Barbara Hlalis Video verweist gleichermaßen auf ein konkretes historisches Ereignis – die Entdeckung des Massengrabes in der Nähe von Busayyah – wie auf deren Abstraktion – die Themen Tod und Vergänglichkeit.
Die konkrete Ebene: Nahe Busayyah, einer sunnitischen Stadt im Irak, suchte 2005 ein Team von Ermittlern nach einem Massengrab von Kurden. In der Wüste wurden die Überreste von ca. 500 Menschen, wahrscheinlich Angehörige des Barzani-Clans gefunden, ausgegraben und in weiße Säcke sortiert. Sie dienten als Beweise im Prozess gegen Saddam Hussein. Barbara Hlali nähert sich dieser Thematik auf abstrakt Weise und schafft damit eine neue Visualität des Unbegreiflich-Grausamen. Ausgehend von der reduzierten Tätigkeit des Papierfaltens in Kombination mit direkten Zeichnungen von Skeletten auf dem Bildschirm wird sie dem Thema in berührender Weise gerecht. Die Thematik des Massenmordes erfährt im Video eine physische Steigerung durch das Abschnüren der Finger, die bisher das Papier falteten, mit einem simplen Bindfaden. Auch auf diese Hände zeichnet Barbara Hlali in mühsamer Fleißarbeit mit einem schwarzen Folienstift Skelette. Tod, Vergänglichkeit und Schmerz verbinden sich zu einer neuartigen Ikonografie, die eine Reflexion über die Nachvollziehbarkeit von Schmerz angesichts der grausamen Menschenverachtung erlaubt, ohne in vorschnelle Affirmation zu verfallen.

Nik Nowak (*1981 in Mainz), lebt in Berlin
Mobile Booster, 2005

Der „Mobile Booster“ von Nik Nowak ist ein mobiles Soundsystem, ein Hybrid aus Geländewagen und Ghettoblaster, ebenso schön wie unpraktisch. Die hochglanzlackierte Glasfaserform täuscht durch ihr biomorphes Design eine industrielle Fertigung vor und lässt auf selbstironische Weise die Konsumgewohnheiten unserer Gesellschaft auflaufen. In der Elektrotechnik spricht man von ‚Boostern’ als Spannungs- und Leistungsverstärkern. Ein ‚Booster‘ findet sich als Hilfsantrieb bei Lokomotiven oder Raketen oder als Hilfssprengladung vor Explosionen. In der Medizin versteht man unter ‚Booster-Effekten’ die lebhaftere Antwort des Immunsystems auf den Zweitkontakt mit einem Antigen, der bei Impfungen als Grundimmunisierung genutzt wird. Im Bezugssystem der Ausstellung „Bitte schön!“ erhält der Mobile Booster, der sich festgefahren hat, eine doppelbödige Bedeutung als Metapher für all jene Hilfsmotoren, die eine künstlerische Karriere zu befördern in der Lage sind.

Karin Brunnermeier (*1972 in Buchloe), lebt in Berlin
Hansi-Nummer (Ring Clown), 2007

Die Skulpturen, Installationen, Videos und Zeichnungen von Karin Brunnermeier kann man als eine Serie von Portraits sehen, die sich in ihrer Komplexität nicht unbedingt auf den ersten Blick erschließen lassen. Brunnermeiers Figuren und Geschichten, die sie um sie herum entwickelt, basieren gleichermaßen auf dem Realen wie auf dem Imaginierten. Ähnlich den Figuren eines Romans ist ihr Werk durchdrungen von Personen, deren unterschiedliche Charaktere die Künstlerin bildhaft nachzeichnet. Egal ob sich ihre Kunst melancholisch, surreal oder symbolisch zeigt, immer gilt ihr Interesse der menschlichen Psyche und den Momenten des "Bruchs", in denen es zu körperlichen und emotionalen Verletzungen kommen kann. In der Arbeit Hansi-Nummer (Ring Clown) nimmt die Figur "Hansi" ein unglückliches Ende: Sie wird von einem riesigen Stahlreifen überrollt. Der Clown aus weichem Stoff, mit gestreiftem Rollkragen-Ripp-Pullover, erscheint angesichts der gewaltigen Dimension des Reifens geradezu winzig. Hat er versucht, den Reifen auf dem Kopf zu balancieren, um die Welt zu beeindrucken, oder hat er sich um einer Pointe willen selbst geopfert? Karin Brunnermeier schärft den Blick für die Zerbrechlichkeit des Menschen und zeigt die Möglichkeiten und Grenzen der Selbsterkenntnis. Ihre Arbeiten sind auch als humorvolle Reflexionen über das Rollenverständnis des Künstlers und sein Dasein in der Gesellschaft zu lesen.

Stefan Demming (*1973 in Südlohn/Westf.), lebt u.a. in Berlin
The greatest show on earth 2 (Video, 20 Min., Loop; Installation), 2008
Stefan Demming schafft audio-visuelle Kompositionen und spielt mit Variationen von Aktion und Interaktion, etwa wenn er Scheinwerferuhren zu überraschenden Akteuren macht, einen Staubsauger an ein Akkordeon anschließt, Fotografien und Skulpturen, eine große Hörmuschel, Bilder, Karten und Zeitungsausschnitte in seine Materialsammlung aufnimmt, um sie in einem begehbaren Panoptikum in der AZKM zu versammeln. Die Installation „The greatest show on earth 2“ integriert filmische Elemente und zeigt das Alltagsleben einer Missionsschwester, die aus der Region stammt: Schwester Bernardis Overkamp wurde in 1944 in Südlohn/Westfalen geboren und trat als junge Frau dem Orden der Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu in Münster bei. Von 1968 bis 1993 lebte sie in Papua-Neuguinea und unterrichtete dort einheimische Frauen in Hauswirtschaftskunde. Seit 2000 reist sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Schwester Dorothy mit einem großen Zirkus durch die USA und kümmert sich um die Garderobe der Tänzerinnen. Im Dienst des Ordens will sie für die Menschen da sein und sie im Alltag begleiten – ministry of presence („Seelsorge der Nähe“) nennt sie es. Stefan Demming hat die Schwester drei Wochen lang auf ihrer Reise durch Texas begleitet und zeichnet ihr Leben als Zirkusbegleiterin nach. Aus vielen kleinen Einzelobjekten schafft er eine audio-visuelle Choreografie und lädt den Betrachter zur teilnehmenden Projektrecherche ein. Der Künstler entwirft damit eine moderne Allegorie der Lebensreise im 21. Jahrhundert, die sich unspektakulär am Rande des Show-Geschäfts vollzieht.

Christoph Worringer (*1976 in Krefeld), lebt in Düsseldorf
Grund, Öl auf Leinwand, 2007
Mit eindringlicher Direktheit agieren vor unseren Augen die Personen in Christoph Worringers Gemälde „Grund“, meist lebensgroß, in starker Farbigkeit, hart vom Umfeld abgehoben und mit klarer gegenständlicher Präsenz. Jede Figur ist in Aktion, zeigt oder tut etwas, keine interagiert in Richtung auf eine gemeinsame Handlung. Der Raum, in dem Begegnungen stattfinden könnten, ist aufgesogen, vereist und verstummt, es gibt keine Atmosphäre, kein Licht, keinen Zwischen-Raum. Aus dieser Wegnahme des Raumes, aus dieser kalten und erschreckenden Isolierung jeder Person und jedes Gegenstandes erwächst die Intensität seiner Bilder. Kunsthistorische Referenzen sind erkennbar und verschwinden, etwa Rembrandts Nachwache, eine Kreuzabnahme und eine Grablegung, das Halten eines Geldstücks oder die Präsentation eines Totenschädels. Alles verwebt sich auf der Bildoberfläche und findet dennoch keinen Sinnzusammenhang. Worringers Realismus manifestiert sich in einer gnadenlosen Unverbundenheit, die den Betrachter auf sich selbst zurück wirft.

Markus Maria Zimmermann (*1978 in Hannover), lebt in Berlin
Regal, 2006–2008
Markus Zimmermanns Interesse gilt dem Erzeugen optischer Phänomene. Vergleichbar einem Kaleidoskop (dem „Schönbildschauer“) verlangen die 17 Guckkästen dieser Ausstellung eine Aktivität seitens des Betrachters. Der Besucher soll sie aus dem Regal herausnehmen, unters Licht halten und sie bewegen. Die an die Camera obscura erinnernden Guckkästen entstehen aus unmittelbaren Lebenszusammenhängen: mal in Berliner Clubs, manchmal aus weggeworfenen Gemüsepappen. Stets geht es darum, die die optischen Phänomene zu verstehen und sie mit einfachen Mitteln zu optimieren. Die gesamte Arbeit versteht Markus Zimmermann als tagebuchartiges Archiv. Einer der 15 Guckkästen ist in Münster vor Ort entstanden: Zwei unscheinbare Lichtschlitze erzeugen in dieser Miniaturbox gegeneinander laufende Lichtschienen. Dreht sich der Betrachter um sich selbst, verändern sich die Lichtverhältnisse, vergleichbar erdwärts gerichtete Scheinwerfern. Die Einbeziehung des faszinierten Betrachters als performatives Element ist konstitutiv für die „Wunderkammer“ des Künstlers.

Pauline M’barek (*1979 in Köln), lebt in Hamburg und Köln
ein stück in tüchern, 2008
Der Titel der Videoinstallation bezieht sich auf den Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke. Ein kleiner Junge verfängt sich in Tücher, bis er daliegt wie „ein Stück in allen Tüchern“. Pauline M’barek führt den Besucher in einen schwarz ausgekleideten Raum, auf dessen Innenwände von Außen ein Video projiziert wird. Auf dunklem Hintergrund erscheinen und verschwinden faltenreiche, weiße unterschiedliche Gewänder, Vorhänge, Schleier und Bekleidungshüllen. Es sind Ikonen der Kunstgeschichte, die die Künstlerin bearbeitet hat, indem sie alle Bildteile der Gemälde mit Ausnahme der weißen Stoffe geschwärzt hat. Die textilen Requisiten werden auf diese Weise zu den Hauptakteuren und beginnen geheime Geschichten zu erzählen. Die geisterhaften Wesen treten einzeln oder in Gruppen auf und erwidern den Blick des Betrachters und verwickeln ihn in ästhetische in Déjà-vue-Erlebnisse. Mehrere flüsternde Stimmen rezitieren Literatur um die Thematik der Faltung und Drapierung, der erotischen Stoffleidenschaft und des Verschleierten. Die geflüsterten Texte erzeugen eine Intimität mit dem Besucher und verwickeln ihn durch das ständige Hin- und Herspringen zwischen dem Hintergrund und dem Schattenriss in die Destabilisierung der Verhältnisse.

Markus Wüller (*1975 in Mainz), lebt in Berlin
o.T., Videoinstallation, 2008
Markus Wüller konfrontiert den Betrachter mit einer phänomenologischen Versuchsanordnung, die das Verfließen der Zeit durch ein digitalisiertes Zählsystem in minimalistischer Weise auf drei Monitoren visualisiert. Der dem Betrachter am nächsten stehende Monitor ist in 100stel-Sekunden getaktet und erlaubt keine differenzierte Wahrnehmung der Zahlenfolge, er flimmert nur noch und löst die Zeit in ihrer Linearität selbst auf. Das Verstreichen der Zeit wird damit selbst wird zur Handlung, narrative Elemente sind abwesend. Markus Wüller schafft damit einen Off-(Space)-Bereich der Zeit. Nur durch Analogieschluss mit den anderen Monitoren, die im 10tel-Sekunden- und im Sekundentakt „zählen“, wird die „Zeit“ spürbar und erhält dadurch eine „konkrete“ Qualität. Das Verfließen der Zeit berührt den Betrachter, weil sie gerade dort am flüchtigsten und wenigsten greifbar ist, wo sie ihm am nächsten ist. Machen wir eine Gegenprobe und fragen: Wie würden wir das Flimmern empfinden, wenn es sich im letzten Monitor vollziehen würde? Die Arbeit wäre eine andere: In dieser Entfernung würde die Zeit eine kosmologische Qualität erhalten, als ungreifbare Unendlichkeit einem flimmernden Stern gleichen. Aber so hat es Markus Wüller nicht gemeint. Er will, dass das Flimmern den Betrachter direkt angeht.

Michael Conrads (*1977 in Grevenbroich)
The frayed ends of perception, 2008
Das Wandgemälde „The frayed ends of perception“ von Michael Conrads mobilisiert in dem Betrachter alles, was er jemals über Kunst, Wahrnehmung und Raumwirkung gehört hat. Der symmetrische Aufbau nimmt Anleihen von dem aus der Psychologie bekannten Rorschach-Test. Die lose aufgehefteten Zeichnungen erinnern an den mexikanischen Kulturkreis. Die aufgeklappten Leinwandstreifen geben den Blick frei auf die Ausstellungswand und erinnern an die derzeit spektakulären Schlitze und Öffnungen der Leinwände von Lucio Fontana. Michael Conrads spielt mit der selbst geschaffenen Ornamentik, er hebt sie aus der Fläche heraus, tackert sie fest und verarbeitet sie wie eine Collage. Er greift auf Bildmaterial zurück, das er aus der Kunstgeschichte oder aus den Internet-Bildarchiven entnimmt und vermischt gegenständliche Anspielungen an Fledermäuse, Flugzeuge oder Schmetterlinge mit Formen automatischen Malens. Seine bildnerischen Interventionen und kunsthistorischen Invektiven verwickeln den Betrachter in eine virtuelle Endlosschleife auf der Suche nach Kongruenzen und Analogien, die ihn immer wieder auf das Wandbild selbst zurückführt.

Helen Beck (*1982 in Ellwangen), lebt in Karlsruhe
ohne Titel (Kuvert), 2008
Helen Becks Objekte sind Mutanten. Schöpferisch und sinnfällig fügt sie in der Arbeit „ohne Titel (Kuvert)“ ein weiteres Brieffach hinzu. In einer früheren Arbeit schlagen plötzlich zwei Seelen in einem Bleistift. Diese nur auf den ersten Blick naiven Erweiterungen haben weit reichende Folgen: Sie lassen die praktische Zweckmäßigkeit verschwinden, zugunsten einer Polyvalenz, die Überraschungen bereithält und Fragen aufwirft: Welche Tasche soll man nun für welche Nachricht benutzen? Welches ist die Hauptnachricht? Welches die Nebennachricht? Die Künstlerin riskiert, dass Nachrichten im Nebenfach ausgetauscht werden; oder dass sich Nachrichten im Beifahrerfach einnisten, die nicht zur Hauptnachricht gehören. Helen Beck stellt das kleinste Objekt dieser Ausstellung aus, dessen Qualität u.a. darin besteht, nicht fotografierbar zu sein.

Steffi Stangl (*1976, Köschingen), lebt in Berlin
Terrarium, 2007/2008
„… siehe, sie zeigten vielleicht auf die Kätzchen der leeren/ Hasel, die hängenden, oder/ meinten den Regen, der fällt auf ein dunkles Erdreich im Frühjahr. - // Und wir, die an steigendes Glück/ denken, empfänden die Rührung,/ die uns beinah bestürzt,/ wenn ein Glückliches fällt.“ (R.M. Rilke, Zehnte Duineser Elegie). Steffi Stangl interessiert sich für Phänomene des Lebendigen und die darin wirksam werdenden und entweichenden Kräfte. In ihrer Installation „Terrarium“ zeigt sie eine physikalisch anmutende Versuchsanordnung mit bunten Federn und Stoffobjekten und schafft damit eine wundersame Metapher für die Grenzbereiche zwischen Leben und Tod, Energie und Nicht-Energie, Spannung und Entspannung. Temporäre elektrische Spannungsfelder heben die bunten, feinen Federfächer langsam hoch. Mit dem Entweichen der Energie fallen sie schlagartig, fast bestürzend in ihre entspannte, materielle Ausgangslage zurück. Diese Lebensmetapher, die Steffi Stangl schafft, verschiebt unsere Wahrnehmungsrelationen und lässt verstehen, welche Bestürzung R.M. Rilke meinen könnte, wenn er die Grausamkeit beschreibt, die ihn befällt, wenn ein Glückliches stürzt.
Für die Künstlerin gehen die Fragen weiter, sie berühren auch gesellschaftliche Zusammenhänge, wie die Verantwortung für die Schöpfung mit ihren feinen, fast unsichtbaren Verstrebungen und diesseitigen Grenzen. Sie fragt weiter: Unterliegen auch unsere Gedanken einer Schwerkraft?

René Koch (*1980 in Jena), lebt in Berlin
Trans Generes (Video, 2007) – Abel (Objekt, 2008)
René Kochs Interesse gilt mystischen Phänomen und Ritualen auf der Schwelle zur Zeichenwerdung. Seine performativen und installativen Annäherungen sind Versuche, das Unmittelbare des religiösen Erlebens dieser Völker nachzuvollziehen, ihr Zeichensystem ins 21. Jahrhundert hinein fortzuschreiben und es zugleich in die Denkformen der zeitgenössischen Kunst einzuspeisen. Diesen Grenzphänomenen spürt er auch in den monotheistischen Religionen nach. In dem Video „Trans Generes“ (lat. zwischen den Arten) tritt dem Betrachter ein als Tier verkleideter anonymisierter Prediger entgegen, der aus dem Markus-Evangelium rezitiert. In dem daneben stehenden Schrank hängen rote Gewänder mit Fuchsköpfen. Der Fuchs ist für René Koch ein ‚Prophet’ und ‚Wanderer zwischen den Welten’, der urbanen Welt und der kreatürlichen Welt des Waldes. An den Schranktüren der Installation befinden sich Fotografien, die das symbolhafte Ritual dokumentieren, das der Künstler in Münster vollzogen hat. Mit einem Fuchskleid verhüllt wanderte er nachts auf den imaginären Spuren des Fuchses, allerdings in umkehrter Richtung, und kehrte damit die Vektoren um. Das Mobile über dem Schrank ist eine Ansammlung von Zeichen, die die mystischen Introspektionen festhalten sollen.

Thomas Bratzke (*1977 in Berlin), lebt in Berlin
Haben und Sein, 2008
Thomas Bratzke arbeitet zumeist mit minimalen Interventionen im urbanen Raum. Im „White Cube“ der Ausstellungshalle hat er zunächst einmal räumliche und thematische Setzungen vorgenommen, indem er installative Chiffren hinterlegt hat: Auf der Fensterscheibe wird ein „Mit Dir“ sichtbar. Eine Zeichnung deutet das Verhältnis von „Haben und Sein“ an. Ein Bogen lehnt an der Wand, der Pfeil dazu findet sich als Zeichen auf der Rückseite des Katalogs der Ausstellung, auf dem er Spuren hinterlässt. Das Wort „heute“ verfliegt neben dem Bogen, löst sich in weiteren Zeichnungen auf und verbindet sich mit einem zeigerlosen Zifferblatt. Der Rost hatte scheinbar besonderes Interesse an der zweiten Tageshälfte. Eine weitere Zeichnung zeigt eine Figur, die mit Willkür Raum einnimmt und schafft eine Diagonale im Raum zu dem „neunfachen Kind“. Mit diesen Andeutungen schafft Thomas Bratzke eine sinnliche Textur und Koordinaten für den weiteren Arbeitsprozess. Dieser Prozess könnte sich auch im Außenraum fortsetzen, vielleicht aber auch nur in der Phantasie des Betrachters.

Lucía Falconí Garcés (*1962 in Quito/Ecuador), lebt in München
era tuyo, 2007 – Abschied, 2008 (zweiteilig) – Gloriosa, 2008
Lucía Falconí Garcés zeigt in ihrer vierteiligen Arbeit unterschiedliche Zustände plastischer Vegetabilität. Die Phantasieblume „Gloriosa“ ist aus Bronze gegossen, eine andere Blume aus leichtem, durchscheinendem Kunststoff, eine bunte Keramik neben der Wandzeichung vermittelt zusammen mit dieser einen ambivalenten Eindruck von der Lebendigkeit und Schwere innerhalb der Pflanzenwelt. Die Künstlerin will auf den lautlosen, fast unsichtbaren Kampf und die versteckte Grausamkeit der Vegetation aufmerksam machen. In diesem Zeichensystem findet sie eine besondere Variation des Themas ‚Abschied und Tod’. Die Wandzeichnung mit typografischen Flächen und Texten der Künstlerin und ihres verstorbenen Mannes, den Elegien des spanischen Dichters Miguel Hernandez und Auszügen aus der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach geben der Topik eine persönliche Note und lassen sie zu einem chiffrenhaften Tagebuch werden.

Hanna Nitsch (*1974 in Freiburg i.Br.), lebt in Braunschweig
o.T., 2008
In ihren monumentalen, installativ im Raum hängenden Papierarbeiten versucht Hanna Nitsch, Rollenbilder und Klischees durch subtile Störung vertrauter Empfindungen zu hinterfragen. Unregelmäßigkeiten und Unstimmigkeiten im scheinbar Bekannten weisen über das klassische Kinderporträt hinaus und verdichten sich in einer intensiven Suchbewegung der Künstlerin nach einem ursprünglichen Menschenbild. Durch eine Konzentration auf die Figur bindet uns die Künstlerin einerseits an das Motiv, andererseits führt sie uns durch die Durchlässigkeit der Materialstruktur, von der Oberfläche der Form und des Motivs, zu dahinter liegenden Wahrnehmungsebenen. Dies erzielt die Künstlerin nicht zuletzt durch den ungewöhnlichen Einsatz malerischer Mittel. So wirken ihre Figuren in ihrer Tuschmalerei transparent und nahezu entmaterialisiert. Häufig wird der Eindruck erweckt, dass die Figuren auf den Blättern schweben oder dahin gleiten, wobei sich die Umrisse in atmende Zonen auflösen, ohne dabei die Präsenz der Körper aufzugeben. Diese Eigen- wie auch Widerständigkeit des Subjekts werden durch die sehr individuelle Gestaltung des Gesichts, wie auch durch die starken Farbkontraste sichtbar gemacht. Damit erzeugt die Künstlerin eine glühende, bisweilen schrille Farbigkeit, die in Verbindung mit den extremen Perspektiven, gekennzeichnet durch starke Auf- und Nahsichten, den Betrachter in Fragen um Macht und Ohmacht, Wahrnehmung und Begehren, Lust und Kontrolle verwickeln und ihn so in eine Position zwischen Beobachter und Beobachteten versetzen.