Kunsthalle Münster

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Kunsthalle Münster
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Flurstücke / Performancekunst im öffentlichen Raum
Theaterhaus Pumpenhaus, Titanick, Filmwerkstatt, AZKM

20. – 24. Juli 2011

Die Performance Wunder & Krise der Künstlergruppe Mahony findet am Donnerstag, 21. Juli um 18, 19 und 20 Uhr in der AZKM, dem angrenzenden Hafenareal und dem Hafenbecken statt.

Das Festival FLURSTÜCKE 011 verwandelt die Stadt Münster in eine riesige Bühne. Dabei soll der Raum nicht als bloße Kulisse benutzt werden, vielmehr sind die Künstler aufgefordert, die Aufführungsorte so zu wählen, dass ein Bezug zwischen der künstlerischen Produktion, dem Ort und dem Publikum hergestellt wird. Realisiert werden Inszenierungen von internationalen, aber auch von in Münster und NRW lebenden Künstlern. Ziel ist es, durch ein „site-specific-theatre“ das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Urbanität zu reflektieren. Dabei wird der Theaterbegriff um performative Ansätze erweitert, die sowohl Tanz, Installation als auch filmische Formen einbeziehen und den öffentlichen Raum mit berücksichtigen. Um eine große Bandbreite der darstellenden Kunst im öffentlichen Raum gewährleisten zu können, haben sich für das Festival vier Kulturinstitutionen aus Münster zusammen gefunden: das Theater Titanick, das Theater im Pumpenhaus, die Filmwerkstatt Münster und die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster.

Die Ausstellungshalle zeitgenössische Kunst Münster hat die Wiener Gruppe Mahony (Stephan Kobatsch, Clemens Leuschner und Jenny Wolka) eingeladen eine Performance zu entwickeln, die Bezug auf einen Ort der Stadt Münster oder ihre Geschichte nimmt.
Die für fünf Orte konzipierte Performance Wunder & Krise wird am 21. Juli dreimal stattfinden. Die beiden Ausgangspunkte außerhalb des Speichers sind das Hafenbecken, in dem ein Schiff ankert, und auf der anderen Seite der Halle das Brachland. Gleichzeitig werden auf dem Schiff wie auf dem Baugrund zwei Chorproben stattfinden. Auf dem Schiff wird das schwungvolle Wirtschaftswunderlied Es Geht Besser, Besser, Besser von Peter Alexander, Caterina Valente und Silvio Francesco geprobt. Auf dem noch unbebauten Grundstück übt der Chor das berühmteste Lied der anarchistischen Rockgruppe Ton Steine Scherben Keine Macht für Niemand. Die Ausstellungshalle selbst verbindet die beiden Orte, indem sie zur Beobachtungsplattform der Chorproben wird. Jeweils ein Balkon ist einem Chorübungsplatz zugewandt, so dass man im Gebäude von der einen zur anderen Plattform wechseln kann. Zeitgleich werden die Stimmen der Sängerinnen und Sänger in das Treppenhaus der Ausstellungshalle übertragen, so dass sich ein spannendes melodiöses sowie disharmonisches akustisches Zusammenspiel ergibt.

Mahony weisen mit diesen Orten und den ihnen zugewiesenen Liedern der Chöre auf die abwechslungsreiche Historie des Hafens und seines Umfeldes, aber auch auf wirtschaftliche und politische Entwicklungen, die über die Stadt Münster hinaus (West-) Deutschland generell betreffen. Der Binnenhafen Münster war vor allem für Importe wichtig, nach den beiden Weltkriegen für den Wiederaufbau. Als Warenumschlagplatz hat er heute an Bedeutung verloren. Dafür ist der sogenannte Kreativkai für das Stadtmarketing attraktiv geworden. Ein gewisser ästhetischer Bruch ist dem Ort aber nicht abzusprechen. Von der frisch mit Kultur und Gastronomie besiedelten Seite kann man auf das Hafenareal blicken. Natürlich kann dieser Blick als romantisch-verklärtes Industriepanorama für die Touristenströme abgetan werden, aber immerhin sieht es dort noch nicht „glatter, glatter, glatter“ aus, wie der Wirtschaftswundersong antizipiert.

Mahony konzipieren in der Ausstellungshalle einen akustischen Zusammenprall: Vermittelt durch den Inhalt und die Entstehungszeit des Liedguts (1956 und 1972) stehen sich politisch zwei unvereinbare Lager bzw. Haltungen von Generationen gegenüber, die entweder in einen Dialog treten oder ihre Vision von Veränderung störrisch, in Ignoranz gegenüber der Stimme der anderen, behaupten. Diese Inhalte verbinden sich mit der gegenwärtigen und teilweise widersprüchlichen Entwicklung im Bereich des urbanen Binnenhafens.

Die Münsteraner Chormitglieder üben mit Innbrunst Formeln unzeitgemäßer Parolen, die wiederum gar nicht so unzeitgemäß klingen, wenn man an den wirtschaftlichen Aufschwung nach der Krise 2009, die erneuten hohen Boni auf dem Finanzsektor, die Wutbürger und Fukushima denkt. Auf poetische und leichte Weise berühren Mahony einen ähnlichen Diskurs ohne schwergewichtig und mahnend aufzutreten. Auch das amüsierte Wiedererkennen der bekannten Melodien, die geprobt werden, oder das Verstehen der Performancestruktur genügen als Anreiz, um sich über Wunder und Krisen ganz eigene Gedanken zu machen.

Im Fokus der Wiener Künstlergruppe Mahony steht auch die kulturelle Praxis des Reisens. In ihrem multimedialen Schaffen (Installationen, Skulpturen, Bildern, Collagen, Grafiken, Fotografien und Videos) manifestiert sich eine Auseinandersetzung mit historischen und gegenwärtigen Phänomenen, Techniken, Mythen und realen Problemen, die sich aus dem menschlichen Drang zur Entdeckung von Neuem und der Begegnung mit Fremdem ergeben. Ausgehend von überholten Fakten wird durch ein feines Netz von Assoziationen eine neue Sichtweise auf gegebene Zustände eröffnet. Die Verschiebung von Grenzen der Wahrnehmung und des Wissens sowie die Auflösung von Bedeutungshoheiten sind elementare Anliegen der Gruppe, die sich hinter den vordergründig oft von Witz und Leichtigkeit geprägten Projekten verbergen.

Kuratiert von: Julia Wirxel (Gastkuratorin) und Dr. Gail Kirkpatrick

Flurstücke 011 - Termine und Programm
Informationen zu Mahony - Wunder & Krise