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Scene Ungarn in NRW 2010: Literatur in Münster
21. 04. - 07.05.2010
László Földényi
"Schicksallosigkeit: Ein Imre-Kertész-Wörterbuch"
Spätestens seit dem Erfolg seines Buches «Roman eines Schicksallosen» (dt. 1996) gilt Kertész als einer der großen europäischen Schriftsteller, 2002 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. In seinen Romanen, Essays und Tagebüchern beschäftigt er sich auf ungewöhnliche und bisweilen provozierende Weise mit der Conditio humana nach Auschwitz. Nun liegt mit dem neuen Buch des ungarischen Essayisten und Literaturwissenschaftlers László Földényi eine einzigartige Annäherung an das Werk von Imre Kertész vor. In 110 Einträgen erläutert sein «Wörterbuch» charakteristische, interessante oder merkwürdige Begriffe, die bei Kertész immer wieder auftauchen: von A wie «Absurd» und F wie «Fußballplatz» über G wie «Glück» und J wie «Jude» bis hin zu W wie «Wolkengrab» und Z wie «Zoll». Jeder einzelne dieser Artikel von László Földényi ist ein brillianter Essay, der dazu anregt, sich wieder in Kertész' Bücher zu vertiefen.
László Földényi, geboren 1952, zählt zu den bedeutendsten ungarischen Intellektuellen. Er lebt und arbeitet in Budapest. 2005 wurde er mit dem Friedrich-Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet.
Mittwoch, 21. April 2010 um 20.00 Uhr
Bezirksregierung Münster, Domplatz 1 - 3, 48143 Münster
Kartenvorverkauf:
Rosta Buchladen, Aegidiistraße 12, 48143 Münster, Tel. 02 51/4 49 26
Eintritt: 8 € (5 € ermäßigt)
György Konrád
"Das Buch Kalligaro"
«Weltkrieg bis zur Sonnenfinsternis von 1999, mit der Konrád ein von menschlichen Katastrophen verdunkeltes Jahrhundert symbolhaft zu Ende gehen lässt. Markanter als seine Vorgänger hebt dieses Buch die Differenz zwischen Privatmensch und öffentlicher Person hervor. ... Insgesamt besticht Das Buch Kalligaro durch Ehrlichkeit. Mit einem gewissen Mutwillen ramponiert Konrád ein idealisiertes Bild vom Dissidententum und sägt an den Podien und Podesten herum, auf denen er als Repräsentant saß.»
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Wer ist Kalligaro? Ein Flaneur, ein Betrachter, ein Liebhaber seiner Stadt (Budapest), ein Freund ganz bestimmter Cafés und des Kognaks, ein Mann der Frauen. Ein höchst sonderbares, zwiespältiges Individuum; in der Provinz, der er entstammt, ebenso beheimatet wie in der Großstadt; ein Eremit; ein Erleidender historischer Verläufe. Krieg, Judenverfolgung, Diktatur und Reformdiktatur bringt er ebenso hinter sich wie die Wende zur Demokratie. Darin zugleich aber ein Handelnder: Dissident, Stadtplaner, Politiker, Dichter, Wortführer, Präsident verschie dener Akademien; ein Reisender zwischen New York, Berlin und Kyÿto. Kurzum: In der Gestalt des Herrn Kalligaro begegnen wir einer neuen Spiegelung des György Konrád und seines Lebensweges. Aber anders als die linear erzählten Lebensläufe, die uns aus anderen Werken Konráds vertraut sind, splittert sich die neue Lebensgeschichte in einen Kosmos von mehr als 200 kurzen Erzählungen, Beobachtungen, Reflexionen, und so ist dieses Buch vieles zugleich: eine mosaikartig sich zusammensetzende Autobiographie, ein artistischer Selbstversuch, ein Aphorismenschatz, ein Vademecum der stoischen Lebenskunst; eine Zeitreise zwischen Gestern und Morgen, ein Geschichts- und Geschichtenbuch des 20. Jahrhunderts; ein Buch der Epiphanien, eine musikalische Komposition. Ein Reflexionsepos in der europäischen Traditionslinie von Rousseau, Rilke, Valéry, Pessoa und Benn. Vor allem aber: ein Buch des Lebens. «Wer nur einen einzigen Tag lebt, auch für den lohnt es; diese vierundzwanzig Stunden rechtfertigen das Abenteuer.»
«Jede Situation kann genossen werden, solange wir die Augen offenhalten.» György Konrád
Sonntag, 25. April 2010 um 11.00 Uhr
Rathausfestsaal im Rathaus Münster, Prinzipalmarkt, 48143 Münster
Kartenvorverkauf:
Rosta Buchladen, Aegidiistraße 12, 48143 Münster, Tel. 02 51/4 49 26
Eintritt: 8 € (5 € ermäßigt)
György Dalos und Lea Polgár
"Ungarn - Gestern und Heute"
Das Jahr 1989 bedeutete für die osteuropäischen Staaten Polen, Ungarn, DDR, CSSR, Bulgarien und Rumänien nach jahrzehntenlanger Abhängigkeit von der UdSSR und Herrschaft der kommunistischen Diktatur einen tiefen Einschnitt: endlich konnten diese Länder ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, demokratische Strukturen aufbauen und den Anschluss an das westliche Europa suchen. Der Schriftsteller György Dalos erzählt, wie der Prozess der Loslösung in Gang kam, welche Zufälle und Details eine Rolle spielten und welche Widerstände überwunden werden mussten, bevor aus dem Ostblock hinter dem Eisernen Vorhang ein östliches Europa werden konnte. Die Mas-senflucht der DDR-Bürger über die ungarische Grenze oder der gemeinsame Auftritt von Václav Havel und Aleksander Dubcek auf dem Prager Wenzelsplatz – diese Ereignisse bezeugen eindrucksvoll eine historische Massenaktivität, einen euphorischen und ungebremsten Freiheitsdrang. Diese sich beschleunigende Befreiungsbewegung erhielt in den betreffenden Ländern Namen wie «Systemwechsel», «Wende» oder auch «Revolution» – in jedem Fall leitete sie einen Prozess ein, der zu Demokratie, nationaler Souveränität und einem neuen europäischen Selbstverständnis führte. György Dalos, 1943 in Budapest geboren, lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1995 den «Adelbert-von-Chamisso-Preis» und 2000 die «Goldene Plakette der Republik Ungarn». Bei C.H.Beck liegen von ihm vor: Ungarn in der Nussschale. Geschichte meines Landes (bsr 1638) und 1956. Der Aufstand in Ungarn (2006)
Donnerstag, 29. April 2010 um 20.00 Uhr
Bezirksregierung Münster, Domplatz 1 - 3, 48143 Münster
Kartenvorverkauf:
Rosta Buchladen, Aegidiistraße 12, 48143 Münster, Tel. 02 51/4 49 26
Eintritt: 8 € (5 € ermäßigt)
Péter Nádas
"Parallelgeschichten"
Péter Nádas, der vielfach preisgekrönte große Erzähler, Dramatiker und Essayist, gastiert am Freitag, 7. Mai 2010, in der Reihe „scene ungarn in NRW“ in Münster. Der 1942 in Budapest geborene Schriftsteller liest auf Einladung des städtischen Kulturamtes, des Literaturvereins und der Deutsch-Ungarischen-Gesellschaft. Das Publikum hat dabei die exklusive Gelegenheit, Auszüge aus dem noch nicht im Deutschen vorliegenden Werk „Parallelgeschichten“ zu hören. Und zugleich den grandiosen Bogen zu verfolgen, der sich von Nádas` Anfängen bis zu dessen Spätwerk schlägt.
Jahre bevor er selber den Nobelpreis für Literatur erhielt, war Imre Kertesz davon überzeugt, Péter Nádas sei ein würdiger Preisträger. Die schwedische Akademie entschied anders - „was nichts daran ändert, dass auch Nádas ein Autor von weltliterarischem Gewicht ist“, so Hermann Wallmann, Vorsitzender des Literaturvereins. Die Übersetzung seines großen 2005 in Ungarn erschienenen Romans „Parallelgeschichten“ durch Christina Viragh ist in Vorbereitung. Erste Kostproben gibt es bei der Lesung in Münster.
Zugleich spannt sich an dem Abend der Bogen bis zum Erstling von Péter Nádas. Als der Debütroman „Die Bibel“ (die deutsche Fassung liegt erst seit Herbst vor) 1965 des damals 23-jährigen Péter Nádas in Ungarn veröffentlicht wurde, erregte nicht nur der Titel Aufmerksamkeit. Nicht weniger skandalös waren Thema und Fabel des Romans: die Bewältigung einer Kindheit in der stalinistischen Rákosi-Ära.
Das alte Thema von Herr und Knecht
Ein Junge lebt mit seiner Familie in einer Villa auf dem „Hügel“, einem privilegierten Stadtbezirk von Budapest. Für die Hausarbeit „nimmt“ man sich ein Mädchen vom Land. Die Eltern, hohe Funktionäre, haben wenig Zeit für ihren Sohn, unbeaufsichtigt kann er seine Umgebung erforschen und seine sadistischen Neigungen am neuen Dienstmädchen ausprobieren. An der Bibel, die er eines Tages im elterlichen Bücherschrank entdeckt und vor den Augen des gläubigen Mädchens zerreißt, entzündet sich der Konflikt: Für das Bauernmädchen ist das Buch der Bücher ein Quell des Trostes und für die Mutter ein teures Andenken an die heroischen Zeiten des Widerstands, als diese Bibel dazu diente, aufrührerische Flugblätter zu tarnen. „Mit dieser fein gesponnenen Variante des uralten Themas von Herr und Knecht hat sich Nádas mit einem Schlag in die erste Reihe der ungarischen Gegenwartsliteratur geschrieben“, urtreilt Hermann Wallmann.
Noch vor ein paar Wochen hat die FAZ diesen Roman als “Einstiegsdroge” für das Werk des großen ungarischen Erzählers bezeichnet: “Für den Leser ist die exakte und gebührend lakonische Übersetzung dieses Frühwerks ein Glücksfall…“ Aktuell wird von Péter Nádas ein “Sirenengesang” innerhalb des gefeierten Odyssee-Projektes der “Ruhr2010" aufgeführt; die Vorstellungen sind ausverkauft.
Freitag, 7. Mai 2010 um 20.00 Uhr
Bezirksregierung Münster, Domplatz 1 - 3, 48143 Münster
Kartenvorverkauf:
Rosta Buchladen, Aegidiistraße 12, 48143 Münster, Tel. 02 51/4 49 26
Eintritt: 8 € (5 € ermäßigt)


