Archäologie

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Archäologie

Vom Vorteil des Zufalls

Wo und wann archäologisch gegraben wird, bestimmen im dicht besiedelten und sich ständig verändernden Stadtkern nicht primär die Archäologen. Vielmehr sind aktuelle Bauvorhaben der Anlass, an diesen Orten auch der Geschichte „auf den Grund zu gehen“.

Mag das Forscherherz sich auch eine gewisse Systematik wünschen, reagiert hier doch eher das Prinzip Zufall. Das erfordert eine gewisse Geduld und Toleranz, belohnt aber nicht selten auch mit unverhofften Funden und Erkenntnissen, die an dieser Stelle nicht vermutet und deshalb so schnell auch nicht gesucht worden wären – stünde nicht gerade ein aktuelles Bauvorhaben an.

Beispiel Liebfrauenstift

So war es zum Beispiel 2005 beim Neubau der Diözesanbibliothek in der Immunität des Liebfrauenstiftes an der Überwasserkirche. Nach schriftlicher Überlieferung sollte das Stift um 1032 von Bischof Hermann I auf der grünen Wiese gegründet worden sein. Seit den Grabungen im Vorfeld der Bauarbeiten wissen wir: Es gab hier auf dem linken Aa-Ufer bereits im 9./10. Jahrhundert eine Kirche, die unmittelbar neben einer bäuerlichen Hofanlage oder Ansiedlung lag.

Vom Damenstift an der Überwasserkirche kannte man den Grundriss des 19. Jahrhunderts, aufgenommen 1837 vor dem Abbruch der Klausurgebäude, und ein paar historische Ansichten aus der gleichen Zeit. Wie kompliziert die bauliche Entwicklung des Klosters war, wurde erst durch die Grabung anlässlich des Neubaus der Diözesanbibliothek deutlich. Am Anfang gab es nördlich der Kirche nur den Kreuzgang mit dem Speisesaal und mit einzeln stehenden Wohngebäuden der Stiftsdamen. Die geschlossene Klausur wurde erst am Ende des 15. Jahrhunderts gebaut, als das adelige Damenstift in ein Benediktinerinnenkloster umgewandelt wurde und die ehemaligen Stiftsdamen zur „vita communis“ verpflichtet wurden. Wie jetzt im Bauphasenplan ablesbar.

Von Anfang an besaß das Stift einen Raum nahe der Kirche, der in der Forschung gern als Kapitelsaal bezeichnet wird. Dort wurden vermutlich die Gründungsmitglieder des Stiftes und andere wichtige Personen beigesetzt. Kopfnischengräber, ob aus Platten oder gemauert, sind typisch für das 11. und 12. Jahrhundert. Hier sind eine 20 bis 30 Jahre alte Frau und ein etwa 60 Jahre alter Mann bestattet. Anthropologen haben festgestellt, dass die Frau wahrscheinlich an Meningitis oder Tuberkulose litt. Die poröse Schädeldecke wies darauf hin.

Der Beweis: Unter den Mauern der Stiftsgebäude kam neben der Kirche das in Teilen schon zerstörte Skelett eines erwachsenen Mannes zutage. Es lag in einem Baumsarg. Das Grab (im Plan rechts rot markiert) wird von einem Kopfnischengrab des 11. Jahrhunderts an einer Seite beschädigt (im Foto links zu sehen) und muss daher älter sein. Das genaue Alter haben Naturwissenschaftler mit Hilfe der 14C-Methode herausgefunden, die auf dem Zerfall des Kohlenstoff-Isotops 14C beruht. Sie haben eine Knochenprobe des Mannes untersucht, der hier offensichtlich um 930/40 beigesetzt worden ist.

Beispiel Goldschmiedewerkstatt

Auch beim Umbau des Annette-Gymnasiums war die Überraschung groß, als in der Baugrube an der Schützenstraße unter den neuzeitlichen Mauern die Reste einer Goldschmiedewerkstatt aus dem 13. Jahrhundert zutage kamen. So dicht an der Stadtmauer und in einem nicht gerade hervorgehobenen Wohnviertel würde man einen Goldschmied, der in dem sozialen Gefüge der Stadt einen durchaus hohen Stand hatte, nicht vermuten.

Der Goldschmied an der Schützenstraße, auf dem Gelände des Annette-Gymnasiums, fertigte feine Beschläge und Schmuck aus Edelmetall. Dies zeigt die Gussform, die mittig gebrochen und beidseitig graviert ist. Mit der einen Seite konnte er einen Beschlag in Form eines Adlers herstellen, mit der anderen eine rundliche Fibel.

Die beiden Klappwaagen sind unverziert. Balken, Arme und Dorne sowie die Ösen zur Aufhängung der verlorenen Ketten und Waagschalen sind erhalten. Mit ihnen hat der Goldschmied Massen bis 500 g ausgewogen. Die Gussform hat eine Seitenlänge von gerade einmal 4 bis 6 cm. Die Werkstatt des Schmiedes ging wahrscheinlich in Flammen auf. Das in Abfallgruben entsorgte Hausinventar wies deutliche Spuren von Feuer auf.