Bodendenkmal

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Bodendenkmal

Man kann nur schützen, was man kennt

Die Frage, wo sich Geschichtsträchtiges im Boden befindet, ist naturgemäß nicht leicht zu beantworten. Die Erde hat manche archäologischen Kostbarkeiten über Jahrhunderte, ja Jahrtausende vor der Zerstörung bewahrt. Viele aber auch nicht: Schließlich wird nicht erst seit heute auf dem Land wie in der Stadt täglich Boden bewegt. Da werden Häuser und Straßen gebaut, Kanäle verlegt und Flüsse begradigt, Äcker gepflügt, Wälder gerodet und Rohstoffe abgebaut.

Dieser Gefahr kann nur mit gesetzlichem Schutz begegnet werden. Als dieser fehlte, gingen viele Zeugnisse der Vergangenheit unbeobachtet verloren. Und das passiert leider auch heute noch. Es ist also allerhöchste Zeit, sich konsequent um die verbliebenen Relikte zu kümmern. Doch dafür muss man sie gut kennen.

Archäologische Fundstellen müssen daher systematisch erfasst und genau lokalisiert werden. Dazu gilt es, sämtliche Informationen zusammenzuführen und auszuwerten – also auch die nicht archäologischen wie kartographische, namenkundliche oder urkundliche Erkenntnisse. Nur so erfährt man, was das Besondere einer Fundstelle ist, was sie wichtig oder gar einzigartig und damit schützenswert macht.

Hört sich einfach an, ist es aber häufig nicht. Gerade auf dem Land ist die Lokalisierung und genaue Eingrenzung von Bodendenkmälern oft schwierig. Wir kennen viele Fundplätze nur von Zufallsfunden her. Jemand hat etwas gefunden, es aber eben oft nicht punktgenau eingemessen. Manches lässt sich aus älteren topographischen Karten, Vermessungsskizzen oder schriftlich überlieferten Flurnamen entnehmen. Anderes geben Luftbilder preis. Konkretes Wissen bringt die klassische Prospektion, die systematische Begehung einer Fläche oder der Suchschnitt mit dem Bagger.

Die Turmhügelburg Haskenau wurde schon 1918 vermessen und dokumentiert

Das Interesse an sichtbaren Zeugnissen der Vergangenheit ist kein Phänomen des 20. Jahrhunderts. So erfreute sich beispielsweise die
Haskenau eine der bedeutendsten mittelalterlichen Turmhügelburgen in Westfalen, schon früh besonderer Aufmerksamkeit. Erste archäologische Untersuchungen fanden hier bereits um 1800 statt. Die 1868 gegründete Altertumskommission für Westfalen kümmerte sich dann intensiv um dieses Bodendenkmal. 1918 wurde es vermessen und von Johann Heinrich Schmedding sorgfältig dokumentiert.

Auf topographischen Karten werden Fundorte genau erfasst

Wo in Westfalen was zu finden ist, weiß die LWL – Archäologie für Westfalen. Seit 1929 werden hier Fundstücke und Fundstellen zentral erfasst und kartiert, üblicherweise auf topographischen Karten im Maßstab 1:25.000. Dazu gibt es eine Ortsakte, in der Genaueres zu den Fundumständen steht. Nicht alle Fundplätze sind heute noch vorhanden, schließlich greift der gesetzliche Denkmalschutz erst seit 1981. Am Hiltruper See und in der Hohen Ward zum Beispiel sind viele Fundstellen dem Abbau von Kiessand zum Opfer gefallen. So stehen die Fundorte 4011,10 und 4011,11 jetzt mitten im Hiltruper See, für zwei wahrscheinlich bronzezeitliche Grabhügel.

Bronzene Steigbügelringe aus der Bronzezeit

Schon 1869/1870 wurden diese bronzenen Steigbügelringe gefunden beim Bau der Eisenbahnstrecke Münster-Osnabrück in Handorf. Jemand hat es gut gemeint, sie einfach mitgenommen – und die Archäologen um eine Chance gebracht. Ohne genaue Angaben zum Fundort und zum Fundzusammenhang können sie nur noch Rückschlüsse auf die Zeit ziehen, in der Menschen diesen Fundplatz aufgesucht haben. Die Steigbügelringe gehören in die Jüngere Bronzezeit (1200 – 700 v. Chr.). Ob sie Teil eines Versteckfundes sind, den der Besitzer in unsicheren Zeiten vergraben hatte, ob sie ein Händlerdepot oder das Zeugnis einer Kulthandlung sind, wissen wir nicht. Denn wir haben nur die Fundstücke selbst.

Luftaufnahme der Gräben einer mehrzügigen Landwehr bei Sprakel

Archäologen gehen nicht nur in Archive und Museen, sie gehen auch mal in die Luft.

Entdeckt das geübte Auge aus der Vogelperspektive doch manches, was sich oberirdisch nicht mehr erhalten hat. So enthüllt diese Luftaufnahme die Gräben einer mehrzügigen Landwehr bei Sprakel: Die Gräben sind mit fruchtbarem Boden gefüllt, ihr Bewuchs ist intensiver und zeichnet sich deshalb dunkel im Acker neben der Autobahn ab. Vier Gräben lassen auf drei Wälle dazwischen schließen.

Landwehren entstanden vor allem im 13. und 14. Jahrhundert, als viele Fehden das Land überzogen. In kaum einer anderen Region sind sie so vollständig erhalten wie in Westfalen.

Skizze einer Landwehr aus den Jahren 1829/1830

Landwehren haben sich an vielen Stellen im Münsterland noch als Flurbezeichnungen in der preußischen Uraufnahme von 1829/1830 erhalten. In den Urrissen, also den vor Ort von den Vermessern angefertigten Skizzen, sind sie exakt lokalisiert. Ihr Verlauf kann daher auch in den nicht erhaltenen Abschnitten rekonstruiert werden. Hier am linken Rand des Urrisses vom Rüschenfeld ist die Landwehr an der Gemeindegrenze zwischen Albachten und Roxel als Flurstück namentlich bezeichnet.

In der Stadt stehen andere Quellen im Vordergrund: dokumentierte Bodenaufschlüsse,die etwas über den Erhaltungszustand einer Fundstelle aussagen können, Schriftzeugnisse, die die Bedeutung des Objektes veranschaulichen, und historische Karten, die Rückschlüsse auf die Grenzen des Bodendenkmals erlauben.

Sanierung der Stromleitungen zwischen Ludgeristraße und Schützenstraße Sanierung LudgeristraßeKanalsanierung LudgeristraßeDer Kanal des Bodendenkmals wurde vollkommen freigelegt.

Kommissar Zufall ist ein gern gesehener Kollege in der Archäologie: Im Herbst 2006 werden die Stromleitungen zwischen Ludgerikreisel und Schützenstraße saniert. Dabei stößt man im Gehweg dicht unter der Oberfläche auf ein noch intaktes steinernes Gewölbe unklarer Bestimmung. So viel ist auch ohne größere Untersuchung sicher: Beim Abbruch der Stadtbefestigung am Ludgeriplatz waren 1839 und 1876 also doch nicht alle baulichen Reste beseitigt worden. Eine wichtige Information, um beim Straßenausbau zwei Jahre später ausreichend Zeit für die archäologische Begleitung einzuplanen. Der Kanal und die anderen bauliche Reste des Bodendenkmals werden trotz Zeitdrucks zur Gänze freigelegt und dokumentiert.

Auch bedeutende historische Stätten, die aus der schriftlichen Überlieferung gut bekannt sind, finden sich im heutigen Stadtgrundriss nicht so ohne weiteres wieder. Dies gilt zum Beispiel für die Johanniter-Kommende. Seit 1282 in Münster ansässig, besaß sie an der Bergstraße über Jahrhunderte hinweg ein Grundstück, das ihnen die Edelherren von Steinfurt überlassen hatten. Über die Eigentümerschaft des Adelsgeschlechtes, und die Tatsache, dass diese parzellenscharf im Urflurbuch und Urkataster von 1830 festgehalten ist, lässt sich der gesamte Grundstückskomplex sicher lokalisieren und im heutigen Stadtgrundriss fixieren. Damit ist eine Grundvoraussetzung für eine Eintragung des Areals in die Denkmalliste geschaffen – das Bodendenkmal hat klare Grenzen und kann jetzt richtig geschützt werden. Wie sehr sich der Stadtgrundriss in den letzten zwei Jahrhunderten verändert hat, zeigt das Luftbild. Von der historischen Bebauung sind nur die Johanneskapelle, das Kommendegebäude und der Buddenturm übrig geblieben.