In vielen Bauten der Nachkriegszeit werden Entwicklungslinien sichtbar, die auf die gestalterische Tradition der 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts verweisen. Die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Gestaltungskonzepte nach Kriegsende führte in den frühen 50er Jahren zu einer erstaunlichen Vielfalt architektonischer Ausdrucksformen auch in Münster.
Die Bedürfnisse nach bodenschwerer „Verwurzelung“ und befreiender Mobilität fanden Ausdruck im Nebeneinander einer traditionalistischen Baukultur und einer „entmaterialisierten“ Architektur aus Stahl und Glas. Ihre Transparenz und Beweglichkeit sollten den Freiheiten einer neuen Gesellschaft entsprechen.
Die ersten Bauten, die nach 1945 entstanden, spiegelten die Erfahrungen des Krieges wider: Provisorien, sparsamer Materialeinsatz und optimierte Querschnitte. Die gründliche Entwurfsarbeit von Ingenieuren und Architekten war eine Voraussetzung, um in zuverlässiger handwerklicher Herstellung eine hohe Gestaltungsqualität zu erreichen – denn der Baumarkt lieferte noch keine Fertigprodukte.
Die Landwirtschaftskammer, 1951/52 von Hardt Waltherr Hämer und Werner Ruhnau erbaut, ist der erste moderne Verwaltungsbau mit Rasterfassade in Münster. Das Gebäude weist eine geradezu beschwingte Leichtigkeit auf.
Ein Eindruck, der durch den Kontrast der geschwungenen Linienführung zum feingliedrigen Raster des Betonskelettsentsteht und durch das zurückgesetzte Attikageschoss mit „schwebendem“ Dach gesteigert wird.
Der erste echte „Curtain-Wall“ in der Bundesrepublik! In Deutschland gab es keine Vorbilder für diese moderne Hochhauskonstruktion („Vorhang-Fassade“), als 1959/61 das „Iduna-Hochhaus“ errichtet wurde. Das Büro Prof. Krämer hatte diese Konstruktion von einer Studienreise nach Amerika mitgebracht. Das Gebäude von unbekannter Schwerelosigkeit, Leichtigkeit und Transparenz war in seiner kompromisslosen Modernität seinerzeit beeindruckend. Selbst heute wirkt der Baukörper jünger und moderner, als es seine Entstehungszeit vermuten lässt.
Anfang der 1990er-Jahre: Der Vorhang ist „zerschlissen“ und nicht mehr zu flicken. Zudem haben sich die Anforderungen an Schall- und Klimaschutz verändert, und das oberflächlich frisch wirkende Gebäude ist inzwischen doch betagt geworden. In enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde wird das Hochhaus 1995 saniert. Das baukonstruktive Prinzip „Vorhang-Fassade“ und das Erscheinungsbild des Denkmals müssen gewahrt bleiben – trotz der Anforderungen an heutige technische Standards. Und das gelingt. Heute zeigt sich der „gläserne Riese“ in frischem Glanz und ohne jede Einbuße in seinem Erscheinungsbild.