Der Westfälische Friede als europäisches Kulturparadigma
Prof. Dr. Peter Nitschke, Universität Vechta
Die kulturelle Botschaft des Westfälischen Friedens wird in dem berühmten Druck mit dem Reiterboten als Motiv signifikant angezeigt: Friede auf Erden - zu Lande, zu Wasser und im Himmel! - Die Welt kann quasi neu entstehen: der Kultur der Zerstörung folgt die Kultur der Wiedergeburt. Der Krieg hat sich gewissermaßen selbst verbrannt, es siegt die Vernunft: das ist das Tor der Verheißung für die Zukunft Europas! - Mit dem Frieden kehrt zugleich die Aussicht auf Wohlstand zurück. Das Barockzeitalter erfährt nun seinen signifikanten Höhepunkt, aber auch seine kulturelle Überwindung. Gerade nach 1648 machen sich zunehmend praktische Mechanismen der Frühaufklärung und der Historisierung allen Seins bemerkbar. Hierbei gibt es jedoch z.T. enorme Zeitverschiebungen im Raum selbst. Nicht überall, und schon gar nicht in jedem kulturellen Sektor, verabschiedet sich das barocke Stilelement.

In mehrfacher Hinsicht bleiben die Dinge in Europa bis weit über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus prämodern. Der Glanz der Hofkultur avanciert zum neuen maßgebenden Signum: hier verbinden sich stilvolle ästhetische Verfeinerung mit ordnungspolitischen Herrschaftspräsentationen in einem absoluten, bis dato so nicht gekannten luxuriösem Ausmaß. Mit dem Frieden von 1648 wird zugleich eine weitere Stufe der Diversifikation in den Kulturen West- und Kontinentaleuropas formiert: die Denk- und Handlungsformen von politischer wie gesellschaftlicher Kultur territorialisieren sich nun endgültig; das beinhaltet eine Nationalisierung wie Regionalisierung der kulturellen Wahrnehmungsmuster. Was sich fortan neu an kulturellen Selbstbestimmungen und Deutungsinhalten formuliert, geschieht unter der Matrix der Verabschiedung von der Vereinheitlichung bzw. Einheit Europas. Die lange gerühmte Einheit in der Vielheit hat aufgehört zu existieren. Nunmehr ist kulturelle Segregation angesagt: je spezifischer, desto besser. Grenzziehungen überwiegen und das Feststellen der Andersartigkeit.

Europa wird hierdurch zweifellos komplexer. Die Formulierung nüchterner Rationalität jenseits einer radikalen oder orthodoxen religiösen Verheißung von Welt macht sich breit: "Wenn wir schon nicht das können, was wir wollen, so sollten wir (wenigstens) das wollen, was wir können", konstatiert Leibniz um 1671 und bringt damit den Siegeszug des rationalistischen Denkens auf seinen praktischen Punkt. Es beginnt deutlich der langsame Abstieg der klerikalen Kultur Alteuropas zugunsten der säkularisierten Kulturformen einer anderen Zeit.

Literatur:
Asch, Ronald G.: The Thirty Years War. The Holy Roman Empire and Europe, 1618-48. London etc. 1997.
Duchhardt, Heinz: Der Westfälische Friede. Ein Schlüsseldokument der neueren Geschichte. In: "... zu einem stets währenden Gedächtnis". Die Friedenssäle in Münster und Osnabrück und ihre Gesandtenporträts, hrsg. v. K. G. Kaster u. G. Steinwascher, Bramsche 1996.
Leibniz, Gottfried Wilhelm: Ausgewählte Schriften. Mit einer Einleitung v. F. Herr, Frankfurt a.M./Hamburg 1958.
Nitschke, Peter: Europa und Nicht-Europa - Gibt es eine europäische (politische) Kultur? In: Kulturwissenschaftliches Institut, Jahrbuch 1995, Essen 1996, S.82-93.
Rider, Jacques le: Mitteleuropa. Auf den Spuren eines Begriffes. Essay. Wien 1994.
Schilling, Heinz: Höfe und Allianzen. Deutschland 1648-1763. Berlin 1989.
Schindling, Anton: Bildung und Wissenschaft in der Frühen Neuzeit 1650-1800. München 1994.


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