Der Westfälische Friede als Problem der Religions- und Kirchengeschichte
Priv.-Doz. Dr. Andreas Holzem, Theologische Fakultšt der WWU

Johannes Gigas: sog. Paulus-Karte, verm. 1621
Johannes Gigas: sog. Paulus-Karte, verm. 1621
Bildrechte: Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster
Hohe Auflösung (67 KB)

1. Parität und Toleranz
Ferdinand von Bayern, Kurerzbischof von Köln und Fürstbischof von Münster, hatte den Dreißigjährigen Krieg wie sein Bruder, der Herzog Maximilian von Bayern, und wie Kaiser Ferdinand II. als konfessionellen Ständekampf und religiösen Missionskrieg begonnen. Es sei, schrieb er "vor Gott und im gewissen nit zu verantwortten, den uncatholischen an landt und leuthen ichtwas einzuraumen."
Für Ferdinand kamen in der unbedingten Verteidigung der katholischen Kirche "die religiösen, die metaphysischen Antriebe seiner Politik" (Edith Ennen) zum Ausdruck, einer Politik, die sich in den unmittelbaren Dienst Gottes gestellt wußte und mit den Schlichen und Fallen des Teufels handfest rechnete. Keine Seele, so seine feste Überzeugung, dürfe an die Kirchen der Reformation verloren gegeben werden. Das war nicht allein eine Denkfigur von Dunkelmännern, sondern eine auch in protestantischen Fürstenspiegeln abgesicherte politische Mentalität: "Beide Konfessionen hielten daran fest, daß es von Glaubens und Rechts wegen eigentlich nur die eine wahre katholische [allumfassende, A. H.] Kirche im wahren Verstand des Evangeliums gab und geben konnte. Sie waren durch eine Welt geschieden von einer Anerkennung jedweder Pluralität und Gleichberechtigung verschiedener Konfessionen und Religionsgemeinschaften." (Martin Heckel) Je länger der Krieg dauerte und sich zum Hegemonialkrieg eines neu entstehenden europäischen Staatensystems wandelte, um so mehr wurde eine solche Haltung obsolet. Aus der Kriegserfahrung, aus der totalen Erschöpfung selbst ging geradezu notgedrungen eine Säkularisierung des Politikbegriffs hervor. Die Reichspolitik war gezwungen, Religion und Bekenntnis in weltlich-juristische Formen zu gießen, so daß "die Entkonfessionalisierung, die Entideologisierung der internationalen Beziehungen" (Konrad Repgen) die Reichsebene prägte. Man war gezwungen, um des Friedens willen eine Parität zuzulassen, und die Trennung der Konfessionen formal wie einen unausgetragenen innerkirchlichen Lehrkonflikt zu behandeln. Kurz: Außenpolitisch maß kein europäischer und deutscher Staat dem Konfessionellen mehr handlungsleitende Priorität zu.
2. Konfessionelle Religiosität
Auf der Ebene der Territorien aber geschah das Gegenteil: die gänzliche Durchdringung von Politik und Gesellschaft mit religiösen Gehalten. Die katholischen Territorien konkurrierten mit protestantischen um das "wahre Christentum", was sich in einer intensivierten Seelsorge beweisen und sich in Glauben und Leben der Gemeinden niederschlagen mußte. In den münsterischen Pfarreien der Frühen Neuzeit wurde das Sendgericht zum entscheidenden Instrument der pastoralen Reform und der Verchristlichung des flachen Landes, indem es nicht nur den Klerus, sondern auch die Laien einer modernisierenden "Disziplinierung" unterwarf.
Die nach der Reformation und mit den Bestimmungen des Trienter Konzils einsetzende "Konfessionalisierung" mußte zunächst den Klerus umorientieren. Die Seelsorgspriester waren die entscheidenden Vermittler, die eine intensivere religiöse Praxis, freilich auch ein geschärftes und streng abgegrenztes Konfessionsbewußtsein bis in die letzte Bauerschaft zu tragen hatten. Die Ausbildung, die Religiosität, die Lebensformen, aber auch die pfarrliche "Ökonomie" wurden tiefgreifend umgestaltet.
Auch in weite Bereiche des kirchlichen und alltäglichen Lebens der Gemeinden griff die geistliche Kontrolle nun ein: die Gestaltung der Sonn- und Festtage, die Kommunikationskultur, die Erziehung und Bildung, die sozialen Beziehungen in Familien und Nachbarschaften, das Wallfahrtswesen und das religiöse Brauchtum, nicht zuletzt die Sexualität und der Aberglaube. Überall setzte sich eine neue Strenge durch: Sie richtete sich gegen das verbreitete "freßen und saufen" ebenso wie gegen die latente Neigung zu Ehrenhändel und gewaltsamem Streit, gegen religiöse Nachlässigkeit und einen geradezu spöttischen Umgang mit dem Heiligen ebenso wie gegen die weit verbreitete Unwissenheit selbst im Bezug auf grundlegende Glaubenssätze, Gebete und Gebote.
Durch Strafe und Zwang, aber auch durch ein sich langsam wandelndes kollektives Selbstverständnis entwickelte sich im Gefolge des Westfälischen Friedens die tridentinische Katholizität des Münsterlandes.

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