Die Philosophie nach dem Westfälischen Frieden
Prof. Dr. Ludwig Siep, Philosophisches Seminar der WWU

Ter Borch: Allegorie auf Hugo Grotius
Ter Borch: Allegorie auf Hugo Grotius
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In die letzten Jahre des 30jährigen Krieges fällt der Beginn der modernen Philosophie. Der Franzose René Descartes, der Engländer Thomas Hobbes und der Holländer Hugo Grotius (Huig de Groot) sind ihre Gründerväter.

Hugo Grotius, der 1647 starb, gilt auch als einer der geistigen Väter des Westfälischen Friedens (sein Leichnam ist auf einem berühmten Bild des Friedensschlusses von Münster zu sehen). Er war maßgeblich an der Entwicklung des europäischen Völkerrechts beteiligt, das einen gewaltfreien Umgang der verschiedenen Konfessionen ermöglichen sollte. Rechtliche und moralische Prinzipien sollten nach Grotius unabhängig von religiösen Überzeugungen gelten - unabhängig sogar von Annahmen über die Existenz Gottes. Diese Grundlagen des Westfälischen Friedens enthielt sein schon 1625 erschienenes Hauptwerk "Vom Recht des Krieges und des Friedens".

Die Beendigung des europäischen Krieges durch einen Vertrag zwischen verschiedenen Staaten und religiösen Parteien hat die Hoffnung der Philosophen auf eine prinzipielle Überwindung des Krieges nachhaltig gestärkt. Im 18. Jahrhundert wurden die philosophischen Grundlagen eines weltanschaulich neutralen Völkerrechts weiterentwickelt . Der Entwurf des deutschen Philosophen Immanuel Kant "Zum ewigen Frieden" (1795) wurde maßgeblich für eine Bewegung, aus der schließlich der Völkerbund (1918) und die Vereinten Nationen (1947) hervorgegangen sind. Thomas Hobbes, der während des englischen Religionskrieges nach Frankreich floh, hat eine ähnliche Leistung für das innerstaatliche Recht vollbracht. In seiner 1642 erschienenen Schrift "Vom Bürger" und dem noch berühmteren "Leviathan" von 1649 fordert er ein für alle Bürger gleiches Recht. Der Staat braucht die notwendige Stärke, um dieses Recht gegen die Privilegien der Mächtigen (vor allem des Adels) und die Gewalt von Fanatikern zu schützen. Hobbes begründet dieses Recht mit dem Streben jedes Menschen nach Selbsterhaltung, Sicherheit und Unabhängigkeit von der Willkür anderer. Die Entwicklung der europäischen Staaten nach 1648 führte zu einer allmählichen Erfüllung seiner Forderungen.

Auch diese Rechts- und Staatskonzeption hat die europäische Philosophie bis heute in Bann gehalten. Gerade in den multikulturellen Staaten der Gegenwart brauchen wir eine gemeinsame Rechtsordnung jenseits des Streites der Weltanschauungen. Allerdings hat die Erfahrung unseres Jahrhunderts gezeigt, daß Hobbes und viele seiner Nachfolger die Gefahren des staatlichen Machtmißbrauchs unterschätzt hatten.

René Descartes hatte in den Kriegswirren die entscheidenden Erlebnisse, die ihn zur Abkehr von allem Glauben an traditionelle Dogmen und Autoritäten führte. Er erkannte, daß nur das menschliche Selbstbewußtsein allem Zweifel entzogen ist ("Meditationen" von 1641). Im selbständigen klaren Denken findet Descartes auch die Prinzipien einer vorurteilsfreien Wissenschaft der Natur, auf die sich Technik und Medizin aufbauen lassen. Vor allem die Entdeckung, daß die Natur sich mit mathematischen Methoden erklären und verändern läßt, trug zum Durchbruch der modernen Naturwissenschaften bei. Descartes wußte aber auch von den Gefahren der Technik ohne Ethik, wie sie sich in den Kriegszerstörungen zeigte. Begrenzung der Technik durch ethische Verantwortung ist heute ein Hauptthema der Philosophie.


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