Konrad Repgen: Die Wahrheit als regulative Idee in den Vordergrund stellen

Prof. Dr. Konrad Repgen

"Das Jubiläum des Westfälischen Friedens ist ein herausragendes Ereignis für die Öffentlichkeit - in Münster, in Westfalen, in Deutschland und in Europa. An diesem öffentlichen Ereignis haben die Medien wesentlichen Anteil; denn sie verfügen über das Instrumentarium breitenwirksamer Informationsvermittlung, ein Quasi-Monopol, und sie bestimmen, welche Inhalte transportiert werden und welche nicht.

Daraus erwächst für Rundfunk und Fernsehen eine besondere Bedeutung und Verantwortung. Wie werden sie dieser Verantwortung gerecht werden? Wohlgemerkt, es geht nicht um Motive und Absichtsbekundungen, sondern um ein echtes Dilemma: um die unausweichliche Kluft zwischen fachwissenschaftlicher Erkenntnis, lebensweltlicher Vorstellung und öffentlich vermitteltem Gedächtnis. Diese Kluft hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die "Revolution des Wissens", die auch die heutigen Geschichtswissenschaften prägt, rapide vergrößert. Es wird daher objektiv immer schwieriger, eine geschichtswissenschaftlich saubere (d.h.: an den besten Quellen orientierte) Rekonstruktion unserer Vergangenheit, verbunden mit verantwortungsbewußter Gewissenserforschung für die Gegenwart, in der wir leben, öffentlich zu vermitteln. Denn Medien sind primär auf Wirkung aus, nicht auf Wahrheit. Das ist ihre regulative Idee und verleitet leicht zum populistischen Evozieren gängiger Stereotypen.

Mein Wunschtraum für die 350-Jahr-Feier der Westfälischen Friedensverträge wäre, daß die Medien bei der Vermittlung dieses Jubiläums und seines Anlasses nicht vergessen möchten, wie sehr auch Wahrheit medienwirksam sein kann. Deshalb sollten sie bereit sein, auf die Wissenschaften zuzugehen und beharrlich das Gespräch mit den Fachleuten pflegen, die sich an der Wahrheit als ihrer regulativen Idee orientieren. Nur dann können diese ihre für eine wissenschaftsorientierte Gesellschaft unentbehrliche Kontrollfunktion ausüben. Meine "Vision" für 1998 wäre, daß die Medien es den Historikern optimal ermöglichen, dies zu tun - gelegen oder ungelegen."

K. Repgen

Professor Dr. Konrad Repgen ist der diesjährige Träger des Historikerpreises der Stadt Münster. In mehr als 200 Publikationen behandelte er die Thematik des Friedens im Inneren der Staaten und zwischen den Staaten und ging historischen Fragen nach, die auch heute noch brisant sind.


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