Dr. Ulrich Winzer, Stadtarchiv

Zur Vorgeschichte des Westfälischen Friedens


Die Gehenkten
Callot: Die Gehenkten

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Mit dem Westfälischen Frieden gelang es zum ersten Mal, in Europa einen Krieg auf dem Verhandlungswege zu beenden. Die Vorstellung einer Einheit der Christenheit unter Führung von Kaiser und Papst wurde abgelöst von der Idee einer gleichberechtigten Staatengemeinschaft auf der Basis des Völkerrechts. In Deutschland wurden drei Konfessionen offiziell anerkannt - ein wichtiger Schritt zur religiösen Toleranz. An Stelle der kaiserlichen Vormacht im Reich trat mit der Stärkung der einzelnen Territorien und Reichsstände das föderale Verfassungsprinzip in den Vordergrund.

Es war ein Bündel von miteinander verschränkten Gründen, das 1618 zum Ausbruch eines Krieges führte, der beinahe den ganzen Kontinent berühren sollte. Neben Streitigkeiten über die Machtverteilung zwischen dem Kaiser und den auf ihre Unabhängigkeit bedachten Reichsständen gab es konfessionelle Probleme - der Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde seit den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts zunehmend in Frage gestellt.

Böhmen stand als Wahlkönigreich unter der Herrschaft des habsburgischen Kaiserhauses. Hier vermengten sich ständische und konfessionelle Probleme in unheilvoller Form, und es kam 1618 zur Revolte des protestantischen Adels gegen den katholischen Herrscher. Der Prager Fenstersturz und die anschließende Wahl des calvinistischen Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz zum böhmischen König bildeten den Auftakt des Dreißigjährigen Krieges. Die Schlacht am Weißen Berg bei Prag vom 8. November 1620 endete mit einer vollständigen Niederlage der protestantischen "Union" gegen das Heer der "Liga" der katholischen Fürsten unter Tilly.

Der Habsburger Kaiser Ferdinand II. schien wieder Herr der Lage zu sein, als im Jahr 1625 der protestantische dänische König Christian IV. in den Krieg eintrat. Damit begann die offene Internationalisierung des ursprünglich innerreichischen Konflikts. Christian begründete seinen Einsatz mit der Wahrung der Freiheit des evangelischen Glaubens und der ständischen Freiheit im Reich. Die Dänen wurden im August 1626 von Tilly bei Lutter am Barenberg geschlagen und mußten nach der Besetzung Holsteins 1629 den Frieden von Lübeck abschließen. Maßgebenden Einfluß auf die milden Friedensbedingungen hatte Albrecht von Wallenstein, der für die nächsten Jahre zusammen mit seinem protestantischen Gegenspieler, dem Schwedenkönig Gustav II. Adolf, die zentrale Figur des Krieges werden sollte.


Gustav Adolf griff mit seiner Landung in Pommern 1630 offen in den Krieg ein. Auch er begründete diesen Schritt mit der Wahrung der ständischen Libertät und des protestantischen Glaubens. Der Kaiser hatte am 6. März 1629 - nach dem Sieg über Dänemark auf dem Höhepunkt seiner Macht - das sogenannte Restitutionsedikt erlassen, das im Falle einer Realisierung zu schweren Einbußen der Protestanten im Reich geführt hätte. Zudem fühlte sich Schweden durch Pläne zu einer Habsburger Ostseeflotte bedroht.


Nach einem Sieg über Tilly am 17. September 1631 bei Breitenfeld begann Gustav Adolf einen beispiellosen Siegeszug durch Deutschland. Er konnte über das Gebiet der mittelrheinischen geistlichen Fürstentümer bis nach München vorstoßen, begleitet von einer Propaganda, wie sie in Form und Ausmaß bisher unbekannt war. In der Schlacht bei Lützen verlor Gustav Adolf am 16. November 1632 das Leben. Die kaiserliche Armee wurde geführt von Wallenstein, der 1630 auf Druck der Kurfürsten entlassen, aber angesichts der schwedischen Erfolge zurückgerufen worden war. 1633 war Schweden mit den protestantischen Fürsten den "Heilbronner Bund" eingegangen. Dieses Bündnis konnte sich nicht weiter auswirken, weil Schweden nach der Niederlage bei Nördlingen am 6. September 1634 seine Stellungen in Süddeutschland aufgeben mußte.

Der Prager Frieden von 1635 brachte einen Ausgleich zwischen dem Kaiser und der Mehrheit der deutschen Reichsstände. Aber der Kampf der europäischen Mächte hatte seine konfessionelle Komponente inzwischen eingebüßt: Das katholische Frankreich verbündete sich mit dem protestantischen Schweden gegen den katholischen Kaiser. Frankreichs außenpolitisches Ziel war es, die Umklammerung durch die habsburgischen Herrscher in Spanien und im Reich zu sprengen. Ein Kampf um europäische Fragen wurde auf deutschem Boden ausgefochten.

Es war die Zeit der Massenheere mit bis zu 40 000 Mann und einem Troß, der die Zahl der Soldaten mehrfach übertraf - ganze Landstriche wurden im wahrsten Sinne des Wortes "verheert". Es war auch dieser letzte Abschnitt des Krieges, der der Zivilbevölkerung die größten Verluste brach-te. Die direkten Kriegseinwirkungen, vor allem aber Seuchen und Hungersnöte führten zu Bevölkerungseinbußen von etwa 40%. Damit war der prozentuale Anteil der Kriegsopfer weit höher als die deutschen Verluste des Zweiten Weltkrieges.

Zu Beginn der 1640er Jahre zeichnete sich ab, daß der Kaiser den Krieg nicht mehr würde gewinnen können, und die Parteien einigten sich im Hamburger Präliminarvertrag von Weihnachten 1641 auf die Aufnahme von Verhandlungen in Münster und Osnabrück. In Münster sollte der Kaiser mit dem katholischen Frankreich verhandeln, in Osnabrück sollten die Auseinandersetzungen mit dem protestantischen Schweden und Probleme der Reichsverfassung geregelt werden.

Erst 1643 kamen die ersten Delegationen in den beiden Städten an. Im Vorfeld gab es viele Probleme - besonders umstritten war die Teilnahme der Reichsstände, die der Kaiser schließlich aber zugestehen mußte. In den Friedensstädten folgten Jahre des Taktierens, Finassierens und Feilschens um Positionen, erschwert durch ungeklärte Rang- und Zeremoniellfragen sowie die langen Kommunikationswege in die jeweiligen Hauptstädte.

Außerhalb von Münster und Osnabrück tobte der Krieg während der ganzen Zeit der Verhandlungen weiter. Nach der Niederlage bei Jankau am 6. März 1645 mußte der Kaiser den Gedanken an einen Sieg endgültig aufgeben und entsandte den Grafen Maximilian von Trauttmansdorff als Sonderbevollmächtigten nach Westfalen, was den Friedensprozeß entscheidend beschleunigte. Gleichwohl dauerte es noch drei weitere Jahre, bis im Oktober 1648 der Friede offiziell unterzeichnet werden konnte. Bereits zu Beginn des Jahres war der spanisch-niederländische Friede geschlossen worden, der die nördlichen Niederlande in die staatliche Unabhängigkeit entließ.

Wenn der Friede von 1648 auch nicht alle europäischen Probleme löste und schon wenige Jahre nach seinem Abschluß neue Kriege auf dem Kontinent ausbrachen, stellte er für Deutschland doch eine Verfassungsordnung dar, die bis zum Ende des Alten Reiches 150 Jahre lang Bestand haben sollte und in dieser Hinsicht in der deutschen Geschichte bisher noch nicht wieder erreicht worden ist.

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